Diese Pionierinnen des Radsports sollten Sie kennen

Sie fuhren gegen Männer, trotzten Rennverboten, stellten Weltrekorde auf und veränderten den Radsport nachhaltig. Diese Pionierinnen und Ikonen ebneten den Weg für die Fahrerinnen von heute.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 31.07.2026

Susanne Lindberg (1862–1916) 

Die Frau, die mit den Männern radelte

Als eine der ersten Frauen trainierte Susanne Lindberg 1895 mit den Männern des Dansk Bicycle Club und überraschte noch im selben Jahr mit einem fünften Platz unter 25 männlichen Fahrern. In den folgenden Jahren trat sie regelmässig in Männerrennen an. Beim Sjællandsløb (Seelandsrennen) 1896 verletzte sie sich schwer am Knie. Dennoch fuhr sie die letzten 20 Kilometer einbeinig zu Ende und belegte dennoch den fünften Platz. 

1897 erlangte sie mit einem Weltrekord über 1’000 Kilometer für internationales Aufsehen. Lindberg bewies nicht nur aussergewöhnliche Ausdauer, sondern stellte auch gesellschaftliche Vorurteile über Frauen im Sport infrage. Damit wurde sie zu einer Wegbereiterin des Frauenradsports und der weiblichen Selbstbestimmung.

Tillie Anderson (1875–1965)

Die Auswanderin, die den Frauenradsport in Amerika gross machte

Tillie Anderson gehörte zu den grössten Radsportlerinnen ihrer Zeit. Die aus Schweden stammende Auswanderin entdeckte in Chicago ihre Begeisterung fürs Velo, sparte zwei Jahre lang auf ein eigenes und trotzte den Vorurteilen gegenüber radfahrenden Frauen. Da es keine geeignete Sportkleidung gab, nähte sie sich ihre Rennkleidung selbst. 1895 gewann Tillie Anderson ihr erstes Radrennen von Elgin nach Aurora auf Anhieb in Rekordzeit. Anschliessend reiste sie durch die USA und dominierte die beliebten Sechstagerennen der Frauen. 

Insgesamt bestritt Anderson 130 Rennen und entschied 123 für sich. Die League of American Wheelmen bezeichnete sie bereits mit 20 Jahren als beste Radrennfahrerin der Welt. Nach dem Verbot von Frauenrennen im Jahr 1902 musste sie ihre Karriere beenden. Ihr aussergewöhnliches Vermächtnis wurde 2000 mit der Aufnahme in die United States Bicycling Hall of Fame gewürdigt.

Tessie Reynolds (1877–1956) 

Das Mädchen, das mit einer Hose Geschichte schrieb

Mit gerade einmal 16 Jahren schrieb Tessie Reynolds Radsportgeschichte. 1893 absolvierte die Britin die rund 190 Kilometer lange Strecke von Brighton nach London und zurück in weniger als acht Stunden. Sie war damit schneller als viele männliche Fahrer. Ihr Rekord sorgte für Begeisterung, aber auch für heftige Kritik. Reynolds trug mit dem sogenannten «Rational Dress» einen Anzug der stark an die Herrenbekleidung angelehnt war. 

Reynolds liess sich davon nicht beirren und wurde zu einer Symbolfigur für den Frauenradsport und die Emanzipation auf zwei Rädern. Sie bewies, dass Frauen Ausdauer, Tempo und Wettkampfgeist ebenso selbstverständlich mitbringen wie Männer und ebnete damit den Weg für kommende Generationen von Rennfahrerinnen.

Hélène Dutrieu (1877–1961) 

Erst raste sie über Radrennbahnen, später flog sie über die Wolken

Die Schauspielerin Hélène Dutrieu begann ihre sportliche Karriere als Radrennfahrerin. Mehrfach gewann sie die inoffizielle Weltmeisterschaft der Frauen im Bahnradsport sowie zahlreiche internationale Rennen in Europa und wurde von König Leopold II mit dem Kreuz von St. André ausgezeichnet.

Berühmt wurde Dutrieu 1903 mit ihrer spektakulären Zirkus- und Varieténummer «Der menschliche Pfeil», bei der sie mit dem Fahrrad mehrere Meter durch die Luft flog. Die Liebe zum Fliegen brachte Dutrieu dazu 1910 den Pilotenschein zu erwerben. 

Auch als Pilotin erregte Dutrieu die Aufmerksamkeit des Publikums und gewann für ihre Leistungen im Wettfliegen 1911 den begehrten Pokal des italienischen Königs und wurde 1913 zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt. Sie war eine der wenigen Frauen, die im Ersten Weltkrieg im Einsatz waren. Sie war Teil der pariser Luftwache, die die Hauptstadt vor Luftangriffen schützen sollte. 

Nach dem Krieg wurde sie Ambulanzfahrerin und leitete im Zweiten Weltkrieg ein Militärhospital.

Marie Marvingt (1875–1963) 

Die Frau, die sich nicht aufhalten liess 

Marie Marvingt war eine der vielseitigsten Sportlerinnen ihrer Zeit und eine Pionierin des Frauenradsports. Bereits mit elf Jahren nahm sie an Velorennen teil. 1908 schrieb die Französin Geschichte, als sie als einzige Frau die rund 4'500 Kilometer lange Tour de France-Strecke absolvierte. Obwohl ihr als Frau der Start verwehrt wurde, fuhr sie die gesamte Route auf eigene Faust hinter dem Feld her. 

Da nur ein Drittel aller Fahrer überhaupt das Ziel erreichten, hätte sie unter das beste Drittel gehört. Doch das Velo war nur der Anfang. Marvingt gewann zahlreiche Wettkämpfe in unterschiedlichsten Sportarten wie Schwimmen oder Fechten, wurde Bergsteigerin, Ballonfahrerin, Pilotin und Journalistin.

Alfonsina Strada (1891–1959) 

Die Frau, die den Giro d'Italia der Männer bezwang

Mit 13 Jahren bestritt Alfonsina Strada ihr erstes Radrennen und gewann fast alle Mädchen- und Jungenrennen an denen sie teilnahm. Ihr Talent brachte ihr 1909 eine Einladung zum Grand Prix von St. Petersburg ein. Dort beeindruckte sie Publikum und Adel gleichermassen: Auf Wunsch der Zarin Alexandra überreichte ihr Zar Nikolaus II. persönlich eine goldene Medaille. 

1911 stellte sie einen Stundenrekord über 37,192 Kilometer auf. Strada gewann 36 Rennen gegen Männer und erlangte dadurch Wertschätzung und Respekt von ihren Konkurrenten und der Presse. 1924 schrieb sie Geschichte, als sie unter als bislang einzige Frau unter dem Namen Alfonsin Strada offiziell am Giro d’Italia der Männer startete. Auf der achten Etappe stürzte sie wegen der schlechten Wetterbedingungen mehrfach. Als ihr Lenker brach, ersetzte sie die eine Hälfte durch einen Besen, den sie von einem Bauern geschenkt bekommen hatte. 

Obwohl sie das Zeitlimit verpasste, erlaubten ihr die Organisatoren, die Rundfahrt ausser Konkurrenz zu Ende zu fahren, weil sie das Publikoum und die Journalisten anzog. Sie bewältigte sie über 3'600 Kilometer unter härtesten Bedingungen und wurde zur Sensation.

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