Schweiz Mobil und Gravel-Boom: «Machen nicht jeden Tech-Trend mit»

Gravel ist das Stichwort der Stunde. Es steht für Freiheit, Abenteuer und Unabhängigkeit und ist in der Schweiz mit seinem gut erschlossenen Velo- und Wanderwegnetz attraktiv. Wie reagiert Schweiz Mobil auf den Trend?

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Hintergrund, 15.07.2026

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Velojournal: Bis vor kurzem gab es bei Schweiz Mobil keine Gravelrouten. Nun ist deren Integration ins Routennetz geplant. Was führte zum Umdenken? 

Mirjam Stawicki: Einerseits möchten viele unserer Partner aus dem Tourismus gerne Gravel-Angebote kommunizieren, andererseits steigt auch die Nachfrage unserer Nutzenden nach Routen, die sich dafür eignen. Das hat auch mit gestiegenen Verkaufszahlen von Gravelbikes zu tun. Dennoch wird es im Schweiz-Mobil-Netz keine neue Mobilitätsform geben, also auch kein «Gravel- bikeland». Wir werden das Angebot in die bestehende Struktur integrieren. Dafür schickten wir den Verantwortlichen in den Kantonen letztes Jahr ein Merkblatt. Wir möchten damit Daten zu Naturbelagsanteil, maximalen Steigungen sowie Trailanteil und Schwierigkeitsgrad sammeln. Wenn eine Gravelroute einen Trailanteil hat, wird sie ins Mountainbikeland integriert, sofern der Schwierigkeitsgrad «einfach» ist. Damit man die Route auch mit einem nicht gefederten Bike fahren kann. 

Also etwas zwischen Veloland- und Mountainbike-Route?

MS: Wichtig für eine Gravelbike-Route ist vor allem ein hoher Naturbelagsanteil, wie es der Name «Gravel» sagt. Im Veloland ist uns wichtig, dass die Route gut «rollbar» ist, im Mountainbikeland dürfen Routen mit etwas höheren technischen Anforderungen integriert werden. Damit versuchen wir, die Nachfrage im Velo- und Mountainbikeland optimal abzudecken. 

Wie werden Steigungen definiert? 

MS: Eine Steigung von maximal 15 Prozent auf diesen Routen lassen wir zu, weil Gravel-Übersetzungen in der Regel nicht für grössere Steigungen gemacht sind. Damit sind diese Strecken aber auch für Tourenfahrende geeignet. 

Wie waren die Rückmeldungen auf die Umfrage? 

MS: Unsere Strategieüberlegungen und -grundlagen wurden überall begrüsst. Gewisse Kantone waren sogar begeistert und haben angefangen, neue Routen zu konzipieren. 

Zum Beispiel? 

MS: Graubünden und Wallis haben als Erste reagiert. Beim Kanton Waadt kamen Vorschläge seitens Tourismus, da stehen wir in einem Prozess. 

Wird es für Gravel eine neue Signatur geben? 

MS: Nein, dieses Thema wird sich vor allem im Titel der Routen widerspiegeln. Zum Beispiel könnte es künftig Routen mit dem Namen «Napf- Gravel» oder «Jura vaudois-Gravel» geben. 

Die Signaletik wird nicht verändert? 

MS: Nein, dort sind wir gebunden an die Bundesvorgaben, mit der Signalisationsverordnung und der VSS-Norm, an die wir uns halten müssen. 

In der Vergangenheit gab es wiederholt Konflikte zwischen Mountainbikenden und Landwirten. Sind «wilde Graveler» bei den Kantonen ein Thema? 

Lukas Stadtherr: Bis anhin massiv weniger als beim Mountainbiken.

Wie reagieren die Korporationen? Auch da gab es ja Widerstände, etwa bei der Herzroute. 

LS: Bis jetzt nicht – es ist aber alles noch viel neuer, viel frischer. In der öffentlichen Wahrnehmung bei den Kantonen oder in den ganzen Planungsverfahren rollt die Entwicklung erst jetzt langsam an. 

Helfen auch die verpflichtenden Ziele zur Umsetzung des Veloweggesetzes? 

LS: Ja, aber die Verpflichtung, dass die Kantone etwas machen müssen, heisst nicht, dass es einfacher läuft. Die Umsetzung steht auf einem anderen Blatt. Selbst wenn Strategien, Konzepte und Planungen relativ schlank umgesetzt werden, können noch immer Widerstände auftauchen, etwa seitens der Grundeigentümer. 

Kommen wir zum Markt. Die Mitbewerber Komoot und Outdoor-Active benutzen meistens Grundlagen von Schweiz Mobil. Sind sie Trittbrettfahrer? 

LS: Ich würde diese nie als Trittbrettfahrer bezeichnen. Vielmehr gibt es beim Langsamverkehr eine wachsende Nutzernachfrage. Da hat es Platz für verschiedene Anbieter. Die Strategien sind komplett unterschiedlich. 

Also Schwarmintelligenz gegen die kuratierten Grundlagen von Schweiz Mobil? 

LS: Ja, unsere Strategie besteht darin, dass wir offiziell, abgesprochen, nachhaltig und zuverlässig sind. Unsere Nutzerinnen und Nutzer dürfen Vertrauen in unser Angebot haben. Das ist mit ein Grund dafür, dass auch unsere Nutzendenzahlen nach wie vor immer zunehmen. Bezüglich User-Generated-Plattformen wie Komoot oder auch Outdoor-Active zeigt die Nachfrage, dass es Platz für beides hat. 

Es gibt Tourismusorganisationen, die etwa mit Outdoor-Active Angebote kommunizieren. Auch sie haben einen offiziellen Auftrag. Wieso machen sie das mit einem privaten Anbieter? 

LS: Outdoor-Active oder Komoot sind Technologiedienstleister. Diese helfen den Tourismusorganisationen, ihre Outdoor-Angebote zu kommunizieren. 

Schweiz Mobil gibt aber Guidelines vor? 

LS: Das ist mehr ein Wunsch als ein Befehl. Wir haben keine Weisungsbefugnis gegenüber Tourismusorganisationen. Aber wir sind täglich im Kontakt, auch zur Kommunikation der Schweiz-Mobil-Routen via ihrer Plattformen. Zumindest mit den meisten relevanten Organisationen. 

Um welche Organisationen handelt es sich da? 

LS: Das sind zum Beispiel die grossen Regionen wie etwa Valais/Wallis Promotion, Ticino Turismo, Graubünden Ferien, Vaudt Promotion, Made in Bern und so weiter.

Zu den Personen

Mirjam Stawicki ist seit 2025 bei Schweiz Mobil tätig. Dort ist sie unter anderem für die Beratung von Kantonen, Projekte im Bereich Velofreizeit und die Weiterentwicklung des Wanderlands verantwortlich.

Lukas Stadtherr ist seit 2003 bei der Stiftung Schweiz Mobil. Er ist Mitglied der Geschäftsleitung und hat die nationale Umsetzung und Entwicklung des Langsamverkehrs massgeblich geprägt.

Was sind weitere Alleinstellungsmerkmale von Schweiz Mobil? 

MS: Auf unseren Routen kann es nicht passieren, dass man auf nicht offiziellen, illegalen Wegen unterwegs ist. Man kann sich darauf verlassen, dass eine Route langfristig existiert. Die Qualität der Informationen ist eine ganz andere als bei einer User-Generated-Plattform. 

Komoot verlangt Geld für seine Dienste, bei Schweiz Mobil kostet das Abo Schweiz Mobil Plus 35 Franken. Kann es mehr? 

LS: Schweiz Mobil Plus ist ein einfach verständliches, intuitiv nutzbares Werkzeug für die Planung einer Tour und für unterwegs. Dies auf Basis der kostenlos zugänglichen, detaillierten, hochstehenden Routeninformationen inklusive Zugang zu über 130’000 Bildern, die wir online haben. 

Das machen die anderen auch.

 LS: Ja, aber die redaktionelle Aufbereitung in dieser Qualität und mit hochstehendem Content macht sonst niemand. Zudem ist Schweiz Mobil Plus ein sehr beliebtes, quasi selbst erklärendes Werkzeug. 

Was heisst das konkret? 

MS: Wir sind kein Technologiekonzern, sondern fokussieren auf verlässliche, offizielle Grundlagen. Wir müssen nicht jeden Tech-Trend als Erste mitmachen, sondern bieten Qualität, die Bestand hat. 

Kommen Feedbacks von den Kantonen oder den Tourismusregionen, im Sinne von: «Könnt ihr das auch noch machen?» 

LS: En masse, auch von den Nutzenden. Im letzten Jahr beantworteten wir knapp 50’000 Rückmeldungen. 

50’000 Rückmeldungen? 

LS: Ja, allein auf dem Mailweg. Was sonst noch läuft, per Telefon und so weiter, ist damit noch nicht abgedeckt. Und das sind natürlich nicht nur Meldungen zu fehlenden Wegweisern und Bemerkungen zu den Routen. 

Wie gehen Sie damit um? 

LS: Es gibt Entwicklungen oder Vorschläge von den Nutzenden, die sagen, da sollte man doch längstens daran denken. Wir sagen: «Ja, unbedingt! Das ist schon in der Pipeline. Merci, dass du das gerade noch bestätigst.» Dann gibt es einen zweiten Topf, bei dem wir sagen: «Hey, spannend! An das haben wir noch nicht gedacht, das müssen wir mal prüfen.» Und dann gibt es vielleicht einen dritten Topf. Völlig unrealistisch, weil es nicht umsetzbar wäre oder viel zu aufwendig oder nur einen bescheidenen Mehrwert bringt. 

MS: Dieser Kundensupport braucht natürlich einiges an Ressourcen. Aber wir wollen einen persönlichen Kontakt zu den Nutzenden pflegen können. Das ist ein ganz zentraler Punkt in der Schweiz. Es wird sehr geschätzt, dass man uns erreicht, dass wir jede Anfrage nicht nur mit einem Alibimail abtun, sondern ernsthaft auf Fragen eingehen und auch in mehreren Sprachen antworten können. So erreichen uns etwa besonders viele Anrufe aus der Westschweiz. Ich merke, dass die Nutzenden dort gerne mit uns telefonieren. Aus der Deutschschweiz senden uns die Nutzenden im Schnitt mehr E-Mails. Beides beantworten wir sehr gerne. 

Also Live-Telefone statt Chatbots? 

MS: Ja, uns kann man tatsächlich erreichen. Natürlich nicht rund um die Uhr, aber doch zu Bürozeiten. 

Das klingt alles sehr aufwendig. Wird dies auch über das Abo Plus finanziert – und wie viele Abos sind es dort inzwischen? 

LS: Diese Frage haben wir erwartet (lacht). Genaue Zahlen kommunizieren wir nicht gegen aussen. Sagen kann ich aber, dass wir mit den Abos einen grossen Anteil der Finanzierung von Schweiz Mobil erwirtschaften. 

Mit Schweiz Mobil Plus soll das Angebot von Schweiz Mobil weiterentwickelt werden. 

LS: Ja, denn die Investitionen in unsere digitale Kommunikation zahlt die öffentliche Hand nur zu einem sehr kleinen Teil. Den grösseren Teil müssen wir selbst erwirtschaften. 2025 war ein Rekordjahr für uns, diesen Trend wollen wir auch weiter vorantreiben. 

Was beschäftigt Schweiz Mobil sonst noch? 

LS: In den nächsten Jahren werden wir die neue Strategie umsetzen, die letztes Jahr vom Stiftungsrat verabschiedet wurde. Zum einen sind das die laufende Verbesserung und die Infrastruktur-Weiterentwicklung von Routen. Zum anderen ist es auch die Unterstützung bei der Umsetzung des Veloweggesetzes. Zudem wollen wir unsere digitalen Produkte laufend weiterentwickeln. 

Bis Ende nächsten Jahres müssen die Kantone ihre Strategien für die Umsetzung des Veloweggesetzes bekannt geben. Wo ist Schweiz Mobil mit dabei? 

MS: An vorderster Front. Wir sind zum Teil auch Schrittmacher. Dabei sind wir gefordert, treiben die Entwicklung aber auch an. 

LS: Das ist eines unserer Kernthemen. Als nationale Fachstelle für Velofreizeit und Mountainbike sind wir Bindeglied zwischen dem Bund und den Kantonen und betreiben dies auch aktiv und mit Freude.

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