Klein verpackt, gross geschützt?

Vom Airbag um den Hals bis zum Helm im Taschenformat: Faltbare und aufblasbare Velohelme wollen den Kopfschutz weniger sperrig machen. Was taugen die innovativen Konzepte im Alltag und wo stossen sie an Grenzen?

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 31.03.2026

Der Wunsch nach einem kompakten Velohelm treibt Designer seit Jahren an. Ob aufblasbar, faltbar oder modular: Neue Modelle versprechen mehr Komfort im urbanen Alltag. Einige dieser Konzepte konnten sogar Designpreise gewinnen.

Wer mit dem Velo unterwegs ist, kennt das Dilemma: Am Ziel angekommen, wird der Helm schnell zum unhandlichen Begleiter. Kein Wunder also, dass Designer und Start-ups seit Jahren an Lösungen tüfteln, die Schutz und Komfort vereinen.

Geschützt durch Luftpolster

Als Pionier gilt der schwedische Airbag-Helm Hövding. Statt auf dem Kopf getragen zu werden, sitzt er wie ein Kragen um den Hals. Sensoren erkennen einen Sturz und lösen innert Millisekunden einen Airbag aus, der den Kopf umschliesst.

Das Konzept sorgte international für Aufmerksamkeit und zeigte, dass Kopfschutz auch ganz ohne klassische Helmschale funktionieren kann. Allerdings ist das System teuer und einmal ausgelöst nicht wiederverwendbar.

Einen verwandten Ansatz verfolgt Airnoggin. Der aufblasbare Helm setzt wie Schwimmflügel für Kinder auf eine leichte, flexible Hülle, die sich vor der Fahrt mit Luft füllen lässt. Im ungefüllten Zustand passt er problemlos in jede Tasche. Gedacht ist er vor allem für kurze Strecken und spontane Fahrten. Also genau dort, wo klassische Helme oft fehlen.

Auch der Helm von Ventete bekommt erst mithilfe von Luftdruck aus einer Minipumpe seine Form und bedient dieselbe Nische. Nach Gebrauch soll er sich innert Sekunden flach zusammenfalten lassen.

Einweghelm aus Karton

Eine ähnliche Richtung verfolgt der EcoHelmet aus recycelten, wasserresistent beschichteten Papierfasern. Die Bienenwabenstruktur lässt sich zu einem Helm auffalten und nach Gebrauch wieder zusammenlegen. Gedacht ist der Kopfschutz vor allem für Sharing-Angebote oder als Einwegprodukt. Die Idee: Schutz dort bieten, wo bisher keiner verfügbar ist.

Flach, flacher am flachsten?

Faltbare Helme spielen bei Innovationen generell eine zentrale Rolle. Designer versuchen nicht, den Helm zu ersetzen, sondern ihn neu zu denken. Modelle wie Closca setzen auf segmentierte Schalen, die sich flach zusammendrücken lassen. Ähnlich funktioniert der Morpher, der sich flach zusammenlegen lässt. Allerdings geriet dieser jüngst in die Schlagzeilen: Ein Rückruf machte auf mögliche Sicherheitsprobleme aufmerksam. Das kann ein Hinweis darauf sein, wie anspruchsvoll die Balance zwischen Mechanik und Schutz ist.

Zusammenschiebbar dank Akkordeonprinzip

Mit Fend und Ftiier treten weitere Anbieter auf den Plan, die klassische Materialien mit neuen Mechaniken kombinieren. Ihre Helme wirken auf den ersten Blick vertraut, setzen im Inneren jedoch auf raffinierte Konstruktionen, die sich kompakt zusammenschieben lassen. Dabei bleiben sie bewusst nahe am klassischen Aufbau mit Hartschale und Dämpfungsschaum.

Radikal neu gedacht

Noch futuristischer wirken Konzepte wie Newlane oder Raba, die mit modularen oder besonders leichten Bauweisen experimentieren. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Designstudie und marktreifem Produkt zunehmend.

Während Newlane sogar bereits auf etablierte Sicherheitstechnologien wie das MIPS-System setzt, geht der Raba (Prototyp) noch stärker in Richtung radikal reduzierter Konstruktion. Das einzigartige Design besteht aus vielen kleinen, verbundenen geometrischen Elementen und verzichtet auf eine klassische, durchgehende Schale. Ein Drehmechanismus strafft die Struktur über ein integriertes Drahtsystem zur stabilen Form. Doch trotz futuristischem Design wird er aus klassischen Velohelmmaterialien wie widerstandsfähigem technischen Kunststoff (ABS) und EPS hergestellt.

Innovation trifft auf Realität

Auffällig ist, dass viele Projekte weniger den klassischen Helm weiterentwickeln, sondern ihn neu denken – oft mit Fokus auf minimale Grösse im verstauten Zustand. Gleichzeitig zeigt sich aber auch: Der Weg von der Idee zum zertifizierten Produkt ist lang und nicht jedes Konzept schafft den Sprung auf den Markt.

Denn bei aller Innovationsfreude bleibt die zentrale Frage: Wie sicher sind diese Lösungen? Ein Velohelm muss strenge Normen erfüllen und bei einem Aufprall zuverlässig Energie absorbieren. Gerade faltbare oder aufblasbare Systeme müssen beweisen, dass sie im Ernstfall genauso zuverlässig funktionieren wie klassische Hartschalenhelme. Der Rückruf des «Morpher» zeigt, dass nicht jede Idee den Praxistest besteht.

Sicherheit bleibt entscheidend

Mit der zunehmenden Bedeutung des Velos im urbanen Verkehr wächst auch der Druck, den Helm attraktiver zu machen. Komfort, Design und Praktikabilität werden wichtiger, ohne dass die Sicherheit leiden darf.

Vielleicht liegt die Zukunft nicht in einer einzigen Lösung, sondern in der Vielfalt. Für Pendlerinnen, Gelegenheitsfahrer oder Sharing-Nutzer könnten unterschiedliche Konzepte nebeneinander bestehen. Faltbare und aufblasbare Helme könnten dazu beitragen, dass mehr Menschen überhaupt einen Helm tragen.

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