Ein Sonntag für Jäger und Sammler

In der Roten Fabrik fand zum 9. Mal der Veloteile-Flohmarkt Teilchen­beschleuniger statt – und auf der Bühne buhlten handgebaute Rennvelos um den Sieg im «Bike Lovers Contest».

Marius Graber, Redaktor (marius.graber@velojournal.ch)
28.03.2012

Es gibt keine bessere Gelegenheit, die vergangenen 50 Jahre Velotechnik Revue passieren zu lassen, als am Teilchenbeschleuniger, dem grössten Veloteile-Flohmarkt der Schweiz. So reihten sich in der Roten Fabrik Naben, Pedalhaken und Steuersätze aus den Sechzigerjahren neben Federgabeln, Laufrädern und Velokleidern der Vorsaison. Dazwischen fanden sich Raritäten, Kuriositäten, Gebrauchtes und Neuwertiges. Mountainbike-Zeitzeugen aus den wilden Neunzigerjahren, die zu ihrer Hochblüte ein kleines Vermögen gekostet hatten, mischten sich mit Komponenten aus der Leichtbau-Ära, welche die Zeit wohl nur überlebt haben, weil sie nie benutzt worden sind. Das Schöne am Teilchen­beschleuniger ist, dass man hier mehr sieht als in einem Museum und die Exponate nicht nur anfassen, sondern auch gleich noch kaufen kann. So wird in den Hallen gedealt und gefeilscht. Meist gehen die Artikel zu sehr fairen Preisen über den Tisch.

Der Schönheitswettbewerb

Als kleine, feine Nebenveranstaltung zum Teilchenbeschleuniger wird seit fünf Jahren der «Bike Lovers Contest» durchgeführt, an dem Velos prämiert werden, die in der Schweiz gebaut worden sind. Dieses Jahr kürte die Fachjury, bestehend aus Tinu Schütz (Konstrukteur), Hans Ledermann (BMC-Gründer), Urs Rosenbaum (Fachjournalist) sowie dem Autor dieses Artikels, das schönste Rennvelo – wobei neben der handwerklichen Ausführung des Rahmens, der Innovation und der stimmigen Wahl der Komponenten auch die typischen Rennvelo-Attribute Schnelligkeit, Eleganz, Leichtigkeit und Effizienz beurteilt wurden. Der Sieg ging an den Berner Splint Leist. Er baute einen klassischen Stahl-Rennvelorahmen, versah diesen allerdings mit Scheibenbremsen und Schutzblechen, was die Eleganz des Velos dank vieler innovativer und findiger Detaillösungen nicht beeinträchtigte. Mit seiner rot-weissen Lackierung und der farblich perfekt abgestimmten Komponenten ist das Velo eine Augenweide. Der zweite Platz ging an Stefan Hüsler mit seinem Titan-Rennvelo «Bellevue». Das mit roten Eloxalteilen versehene Velo war mit 6,6 Kilo das leichteste im Wettbewerb.

Den dritten Rang belegte Stefan Bellini von Fahrradbau Stolz. Der Stahlrahmen mit eingeklebtem Carbon-Sitzrohr besticht durch handwerkliche Qualität im Rahmenbau. Während bei der Jury-Bewertung die eher konventionellen Konzepte punkteten, zeigte sich das Publikum mutiger: Der Publikumspreis ging an den «Raw & Naked»-Renner von Wim Kolb. Ausgehend von einer aus einem Stück bestehenden Lenker-Lenkervorbau-Einheit im Zeitfahrstil, baute der Zürcher Velobauer einen Rahmen, der durch seine eigenständige, unkonventionelle Formgebung fasziniert. Ebenfalls an gängigen Konventionen rüttelten das Velo von Abteilung Cruiser mit seiner einseitigen Radaufhängung, dem fehlenden Sitzrohr und dem figurativen Holzschalthebel sowie der aus Aluminiumblechen zusammengeschweisste Rahmen von Witchbroom-Bikes. Diese Velos erfrischten mit ihrer Einzigartigkeit den Wettbewerb und zeigten, wie vielfältig und lebendig die Schweizer Rahmenbauszene ist.

www.velozueri.ch

Empfohlene Artikel