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Das erste Zuricrit, ein Fixie-Rennen auf abgesperrtem Rundkurs, fand Mitte August auf dem Gaswerk-Areal in Schlieren statt – an der Peripherie der Stadt Zürich.

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Emil Bischofberger (Text), Fabian Baumann (Fotos)
Sport, 12.09.2018

Das Rennformat wurde vor einigen Jahren im Red-Hook-Quartier in Brooklyn erfunden, das ebenfalls nicht der zentralste Teil von New York City ist. Den jungen Zürcher Initianten des Zuricrit nun denselben steilen Aufschwung zu prognostizieren, wie ihn die Organisatoren des Red-Hook-Crit hinter sich haben, wäre aber doch eine etwas steile Ansage. Aber auch ihr Debüt am 18. August lässt sich sehen: An diesem Sommertag finden sich einige Hundert Leute aller Altersgruppen in Schlieren ein und sorgen für eine ausgelassene Stimmung. Die meisten sind gekommen, weil sie vorab vom Zuricrit gehört haben. Andere wollten nur mal kurz in der nahen Kletterhalle trainieren, bleiben dann aber den ganzen Tag draussen, von der Veloaction gebannt.

Actionreiches Spektakel

Denn diese bieten die Zuricrit-Fahrerinnen und -Fahrer zuhauf: Auf ihren Rädern mit Starrlauf und ohne Bremsen manövrieren sie durch den 800-Meter-Parcours, der fünf Kurven enthält, davon eine Haarnadel. Letztere ist Schlüsselstelle und Publikumsmagnet zugleich. Hier müssen die Fahrer ihre Velos mit Oberschenkelkraft auf ein Tempo herunterbremsen, das es ihnen ermöglicht, den 180-Grad-Richtungswechsel sturzfrei zu überstehen. Trotzdem kommt es hier in fast jedem Lauf zu einer Karambolage. Auch das ist im Sinn der Erfinder: Ihnen schwebte in Brooklyn einst ein actionreiches Radrennen im Stil der Formel 1 vor.

In New York, aber auch in Barcelona, London oder Mailand (siehe «Spektakel ohne Bremsen», Velojournal 6/2017) fanden schon Red-Hook-Crit-Ableger statt, das nächste geht in der norditalienischen Metropole noch diesen Herbst, am 6. Oktober, über die Bühne. Kleinere Rennen gibt es in den umliegenden Ländern zahlreiche. Nur die Schweiz war bis zu diesem Samstag im August ein weisser Fleck auf der Landkarte, wenn es um Fixed Crits ging. Das wollte ein Trio ändern: die beiden Studenten Adrien Merkt und Yvan Morf sowie der Velohändler Marcel Eichmann. Merkt und Morf, beide mit Velokuriervergangenheit, fahren nach zaghaftem Beginn seit einiger Zeit selber erfolgreich Fixed Crits. So erfolgreich, dass sie sich diesen Frühling erstmals auch zum Mutterrennen nach Brooklyn wagten. Der Schritt wäre schon früher möglich gewesen – an Fixed Crits darf jeder starten, der ein Fixie besitzt. Aber die beiden Zürcher wollten sich erst in Europa beweisen, ehe sie es erstmals auch mit der Konkurrenz in Übersee aufnahmen. Das Erlebnis inspirierte die beiden nachhaltig. Sie hatten schon zuvor die Idee gesponnen, in Zürich ein solches Rennen zu organisieren. Auf der Heimreise von New York im April war ihnen klar, dass dies noch 2018 passieren musste.

Gelungene Premiere

Das OK-Trio investierte dafür in den Wochen und Monaten vor dem Zuricrit sehr viel Herzblut und Nerven. So erfuhr es erst kurz vor den Sommerferien von der Stadt Zürich, dass der ursprüngliche Parcours im Quartier Binz keine Option sei. Fieberhaft suchten sie nach einer Alternative – und fanden sie in Schlieren.

Fahrer warten auf den Start des Zuricrit Rennens.
Konzentrierte Atmosphäre vor dem Start der Rennen.

Von diesem Hauruck ist am Renntag dann aber nichts mehr zu spüren. Die Rennen verlaufen wohl wild, aber das ist so gewollt. Die Organisation dagegen ist bereits verblüffend ruckelfrei für einen Premierenevent. Die Rennen gewinnen Athleten aus dem Ausland, die Französin Margaux Vigie und der Amerikaner Eamon Lucas. 1000 Franken erhalten die beiden Sieger. Überhaupt wird viel Geld in die Fahrerinnen und Fahrer investiert: Ein Drittel des 12'000-Franken-Budgets wird als Prämien ausbezahlt.

Über den ganzen Tag verteilt, so schätzt Adrien Merkt, schauten insgesamt wohl gegen 1000 Zuschauer vorbei, «mit einer Spitze von 400 bis 500 Leuten. Das hätten wir nie erwartet.» Die Zuricrit-Premiere ist damit ein grosser Erfolg; entsprechend motiviert schaut Merkt Richtung 2019. «Das Rennen wird noch besser werden, das ist jetzt schon klar. Dafür wollen wir uns auch etwas stadt­einwärts bewegen – damit wir noch mehr Leute begeistern können, die per Zufall vorbeilaufen.» Gelingt ihnen dies, überflügeln sie in dieser Hinsicht gar die Gründer aus Amerika: Deren Rennen findet bis heute in Red Hook in Brooklyn statt. Und nicht etwa in Manhattan.