Die Katalysatorenlüge

Moderne Autos stossen heute kaum noch Schadstoffe aus. Falsch, sagt unser Autor. Denn die verbauten Katalysatoren funktionieren nur, wenn sie heiss sind.

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Marc Gonin*
Kommentar, 13.07.2022

Meine Firma hat an einen neuen Standort gewechselt. Seither pendle ich jeden Morgen mit dem Velo durch zwei Wohnquartiere. Darauf hatte ich mich ursprünglich gefreut.

Doch bald musste ich feststellen, dass der Abgasgestank viel schlimmer ist als zuvor, als ich täglich durch das Zentrum von Thun pendelte. «Das kann doch nicht sein!», dachte ich; es hat doch viel weniger Verkehr in den Quartieren. Die heutigen Autos haben doch Katalysatoren und sind sauber. Sind es vielleicht die Heizungen der Häuser? Der Gestank ist oft so stark, dass man sich kaum mehr getraut, einzuatmen.

«Luftverschmutzung ist wie Lärm neben einem Schiessstand: Er tritt in sehr kurzen, aber unglaublich intensiven Ereignissen auf.»

Etwa gleichzeitig hat unsere Firma Messungen in der Nabel-Messstation Bollwerk in Bern durchgeführt. Unsere Firma produziert Messgeräte, welche die Luftqualität im Sekundentakt messen können, während die älteren Geräte an der Nabel-Messstation nur alle 15 Minuten einen gemittelten Messwert liefern.

Die Vergleichswerte waren verblüffend. Die Istwerte sind bis zu 20-mal höher als die gemittelten von Nabel. Luftverschmutzung ist wie Lärm neben einem Schiessstand: Er tritt in sehr kurzen, aber unglaublich intensiven Ereignissen auf. Wie kann das sein?

Behauptung der Autolobby widerlegt

Die Antwort liefert ein Forschungsteam der eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Katalysatoren funktionieren nicht annähernd so gut, wie es uns die Autolobby seit 40 Jahren suggeriert.

Sie funktionieren gut, wenn sie heiss sind. Beim Kaltstart sind sie aber wirkungslos – bei Hybrid- und Plug-in-Hybrid-Autos übrigens noch mehr und länger als bei Fahrzeugen mit normalen Verbrennungsmotoren.

Gemäss der Empa emittiert ein Auto in den ersten drei Minuten nach dem Losfahren mit kaltem Katalysator gleich viele Abgase wie auf den folgenden 1000 Kilometern. Autos sind also in den ersten drei Minuten unglaubliche Dreckschleudern.

Das erklärt, warum in Wohnquartieren am Morgen der Gestank kaum auszuhalten ist. Autos starten in den Wohnquartieren und belästigen und vergiften dabei die Velofahrenden und auch die Kinder, die sich dort gleichzeitig auf den Schulweg machen.

«Gemäss der Empa emittiert ein Auto in den ersten drei Minuten nach dem Losfahren mit kaltem Katalysator gleich viele Abgase wie auf den folgenden 1000 Kilometern.»

Nach drei Minuten sind dann die Autos und ihre Insassen aber auf der Autobahn, der Katalysator wirkt, und die Abgase sind 100- bis 1000-mal geringer. Auf der Autobahn gibt es aber weder Personen auf Velos noch Schulkinder; die Katalysatoren erbringen darum dort deutlich weniger Nutzen.

Katalysatoren sind also maximal zu 50 Prozent effektiv und nicht zu 99 Prozent, wie uns die Autolobby weiszumachen versucht. Ich nenne das die KKK-Lüge (kalte und kaputte Katalysatoren). 50 Prozent, das ist selbstverständlich besser als nichts.

Aber es bedeutet dennoch, dass die verbliebenen Expositionen 50-mal höher sind, als es die Autohersteller versprechen.

Das Problem ist bekannt

Die Autohersteller wissen das übrigens genau. Und die Lösung wäre einfach. Eine weitere Forschungsgruppe der Empa hat nämlich die Technologie entwickelt, um Katalysatoren vorzuheizen.

Die Autoindustrie greift aber nicht auf diese Technologie zurück, weil es billiger ist, unsere Parteien zu finanzieren und so die Politiker zu korrumpieren.

Obwohl es in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Luftverschmutzung gemäss dem Stand der Technik verhindert werden muss, sind stinkende Autos immer noch im Verkauf erhältlich. Dabei gibt es längst auch Elektrofahrzeuge, die das Kaltstartdilemma nicht kennen.


Nabel

Das nationale Beobachtungsnetz für Luftfremdstoffe (Nabel) ist ein gemeinsames Projekt des Bundesamts für Umwelt und der Empa. Es misst die Luftverschmutzung an 16 Standorten in der Schweiz. Die Stationen sind über das ganze Land verteilt und messen die Belastung an typischen Standorten.

* Der Autor ist CEO von Tofwerk. Das Unternehmen stellt Messgeräte her, die Luftverschmutzungswerte messen können.

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