Wo es in Zürich am meisten knallt

Im Jahr 2018 wurden in der Stadt Zürich 541 Velounfälle registriert. Der Anstieg der Velounfälle zeigt sich im Fünfjahresschnitt deutlich. Die Stadt ist besorgt und hat sogenannte «Unfallherde» ausgemacht. Velojournal zeigt auf, wo die Probleme liegen. 

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Julie Nielsen
05.06.2019

Die Velounfälle und ihre Folgen sind in Zürich ein ungelöstes Problem. Es sei in erster Linie auf stetig zunehmende Veloverkehrsmengen zurückzuführen, heisst es bei der Stadt.

Weitere Gründe für die Fahrradunfälle verortet man in Zürich bei der ungenügenden Infrastruktur sowie dem Fehlverhalten und mangelnder Fahrzeugbeherrschung seitens der Velofahrenden und anderer Verkehrsteilnehmenden.

Die Verkehrsunfallstatistik der Stadt Zürich spricht eine deutliche Sprache: Seit dem Jahr 2013 hat die Velofrequenz um die Hälfte zugenommen. Gleichzeitig wurden im selben Zeitraum aber doppelt so viele Fahrradunfälle verzeichnet. Und obwohl Velos nur acht Prozent des Verkehrs auf Zürcher Strassen ausmachen, sind fast die Hälfte aller schwerverletzten Personen Velofahrende.

Unfallherde

Im Rahmen des Projekts «Velo sicuro» versucht die Stadt Zürich darum, sogenannte «Unfallherde» auszumachen und zu entschärfen. Als «Unfallherde» bezeichnet die Stadt Gebiete von 50 bis 100 Metern. Die Art der Unfälle in diesen Zonen variiert. Sie reichen von Zusammenstössen bis hin zu Selbstunfällen. Vorerst hat die Stadt dreissig solcher Unfallherde eruiert.

Velojournal hat Pro-Velo-Zürich-Geschäftsführer Dave Durner gebeten, einige der Unfallhotspots aus seiner Expertenwarte zu beurteilen. Gleichzeitig fuhr die Redakteurin mit dem Velo die «Unfallherde» ab und erläutert ergänzend zu Durner ihre Eindrücke.

Unfallherd Birmensdorfer-Aemtlerstrasse

Kreuzung Birmensdorferstrasse / Aemtlerstrasse

Dave Durner:
«Typischer Fall: Rechts abbiegende Autos achten beim Überfahren der Velospur nicht auf Velofahrende. Da müsste man wohl am besten einen Randstein einbauen, den Autos überfahren müssen.»

Velojournal: «Auch das Linksabbiegen aus der Aemtler- in die Birmensdorferstrasse ist eine Herausforderung, weil sowohl das Tram wie auch der Bus in beide Richtungen auf einer Mittelspur geführt sind.» 

Unfallherd Badenerstrasse

Badenerstrasse 582-610

Dave Durner:
«Auch hier: Das Problem ist, dass Autofahrende nicht auf die Velofahrenden achten. Und Velofahrende müssen sowohl auf Autos als auch auf Fussgänger achten. Eine Roteinfärbung könnte allenfalls ein wenig helfen, aber viel dürfte auch das nicht bewirken.»

Velojournal: «Generell ist auf der Badenerstrasse in Altstetten häufig das Problem, dass der Veloweg abwechselnd über das Trottoir und über die Strasse geführt wird. Wenn es eng wird, löst er sich auch einfach auf. Da muss man sich als Velofahrerin selbstbewusst Platz verschaffen und Autofahrenden müssen sehr aufmerksam sein.»

Unfallherd Badenerstrasse Zypressenstrasse

Ecke Badenerstrasse / Zypressenstrasse

Dave Durner:
«Kann ich nichts dazu sagen, weil ich nicht weiss, was für Unfälle hier passieren.»

Velojournal: «In Richtung Zentrum kann es auf der Badenerstrasse kurz vor der Zypressenstrasse eng werden. Tram, Velo und Auto haben keinen Platz nebeneinander.» 

Unfallherd Seebahnstrasse Kalkbreitestrasse

Kalbreitestrasse Nähe Seebahnstrasse

Dave Durner:
«Gleise. Immer schwierig, vor allem wenn sie nass sind. Kommt hinzu, dass an der Kreuzung viele Verkehrsteilnehmer nicht wissen, dass aus der Kalkbreitestrasse Rechtsvortritt gilt. Und das Linksabbiegen von der Badener- in die Kalkbreitestrasse ist sehr komplex und dürfte gerade unerfahrene Velofahrende überfordern.»

Velojournal: «Hier kommt alles zusammen: Sehr viele Gleise kombiniert mit einer unübersichtlichen Kreuzung.»

Unfallherd Badenerstrasse Zürich Kalkbreite

Einmündung Kalkbreitestrasse in die Badenerstrasse

Dave Durner:
«Schienen und hohe Haltestelleperrons sind generell ein Unfallherd, das sieht man auch am Limmatquai. Ändern lässt sich das kaum (solange in Zürich Trams unterwegs sind). Versuche, die Schienen mit Gummis zu füllen, schlugen bisher fehl. Unser Tipp: Zwischen den Gleisen fahren.»

Velojournal: «Die Kreuzung ist quasi die Verlängerung des vorangehenden Unfallherdes Seebahnstrasse/ Kalkbreitestrasse. Mit den selben Problemen.»

Unfallherd Bürkliplatz Zürich

Rundum den Bürkliplatz

Dave Durner:
«Typische Mischzone mit extrem hohen Fussgänger- und Velozahlen. Die einzige Lösung, die hier etwas brächte: Eine Autospur aufheben und daraus einen gescheiten Veloweg machen. Leider vorläufig eine Utopie.»

Velojournal: «Mischzone, bei der alle von allen Seiten kommen. Erschwerend kommt dazu, dass sich Fussgängerinnen in einer Mischzone oft nicht als Verkehrsteilnehmer wahrnehmen.» 

Unfallherd Fc Zürich Platz

FC-Zürich-Platz

Dave Durner:
«Kreisel sind für Velofahrende (fast) immer sehr gefährlich. Das hier ist zwar keiner, sieht aber so aus und es wird hier tendenziell sehr schnell gefahren, weil der Radius deutlich zu gross ist. Problem: Velos werden von Autofahrenden beim Einfahren sowie beim Rechtsabbiegen übersehen.»

Velojournal: «Dass man aus oder in den Letzigraben über ein breites <Trottoir> fahren muss, ist verwirrend, weil der Letzigraben so nicht wie eine Ein- oder Ausfahrt wirkt.» 

Unfallherd Gessnerbrücke

Gessnerbrücke

Dave Durner:
«Zu eng, zu viele Fussgänger/Velos  auf der Mischfläche flussabwärts. Enge Spuren, drängelnde Autofahrer in Richtung Löwenplatz. Auch hier: Eine Autospur sperren und schwupp, schon könne man was Gutes machen.»

Velojournal: «Ich schliesse mich der Meinung von Dave Durner an. Es ist zu eng und hat zu viel Gedränge auf den Mischflächen.»

Unfallherd Langstrassenunterführung

Langstrassenunterführung Richtung Zollstrasse

Dave Durner:
«Zu eng, zu viel Verkehr und – man muss es leider sagen – viel zu viele Velofahrende, die hier viel zu schnell fahren. Kommt noch hinzu, dass auch die Fussgänger hier nicht immer wirklich vorhersehbar unterwegs sind.»

Velojournal: «Es ist deutlich besser als früher, Fussgänger- und Velobereich sind klarer von einander getrennt. Allerdings ignorieren viele die Zeichenführung und der Veloweg ist nicht sehr breit. Wenn Velofahrende aneinander vorbei müssen, kommen sie sehr nahe an die Fussgänger.» 

Unfallherd Limmatquai

Unfallherde Limmatquai / Rathaus und Helmhaus 

Dave Durner:
«Dasselbe wie bei der Kalkbreite. Hier kommen noch viele Fussgängerinnen dazu, die nicht sehen, dass hier keine Fussgängerzone ist und mehr oder weniger unkontrolliert auf die Fahrbahn laufen. Hier ist sicher auch ein Unfallherd, weil die Velodichte sehr hoch ist.»

Velojournal: «Die Kombination aus hohen Tramperrons und flanierenden Leuten, die nicht wissen, dass das Limmatquai in diesem Teil eigentlich eine 30er-Zone ist, ist eine Herausforderung für Velofahrende.» 

Unfallherd Rautistrasse Flurstrasse

Kreuzung Rautistrasse / Flurstrasse

Dave Durner:
«Die Industriegleise der VBZ sind natürlich sehr heikel, weil die Rinne noch grösser ist als bei Tramschienen. Meines Wissens wurden hier jedoch STrail (Anm. der Red.: Plattensysteme aus Kautschuckmischungen, die die Gleise auffüllen) verlegt, die an den wenigen Gelegenheiten, wo das Gleis benutzt wird, herausgenommen werden.»

Velojournal: «Auch hier wieder der Faktor Gleise. Die Stadt versucht an dieser Ecke präventiv entgegenzuwirken, in dem sie ein Vorsicht Gleise Schild aufgestellt hat.»

Fotos: Julie Nielsen

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