Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
News,
28.05.2026
Zürichs mobile Recyclinghöfe bringen die Entsorgung ins Quartier. Autofrei, kostenlos und staufrei: Fast die Hälfte der Besuchenden kommt mit dem Velo oder Cargo-Bike. So wird das Entsorgen zum kleinen Quartierfest.
Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
News,
28.05.2026
Frisch getauscht: Ein Rennvelofahrer aus dem Quartier fährt mit den neuen alten Langlaufskis nach Hause. (Bild: Aline Künzler)
Auf dem Hottingerplatz in der Stadt Zürich herrscht an diesem sonnigen Nachmittag im Mai reger Betrieb. Das Quietschen der Müllpresse begleitet Gespräche unter Nachbarn und Bekannten. Nach gut einer Stunde zeigt der Zähler von Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) bereits 191 Personen, die hier etwas entsorgt haben. Mehrere hundert Menschen kommen an einem einzelnen Entsorgungstag vorbei. Rund dreissig bis vierzig Prozent der Besucherinnen und Besucher fahren laut ERZ mit dem Velo vor. Besonders in den innerstädtischen Quartieren sei der Veloanteil hoch. Zu sehen sind Gefährte aller Art: zweckentfremdete Kinderanhänger, Lastenvelos, Falträder und sogar Fatbikes.
Zum ersten Mal besucht heute ein Mann mit Tourenvelo und Einspuranhänger den mobilen Recyclinghof. Entsorgt hat er einen CD-Spieler, defekte Notenständer und ein altes Weingestell. Gerade einmal 500 Meter habe er dafür zurücklegen müssen. «Sehr praktisch», findet er und lächelt zufrieden. Man solle das Velo nicht unterschätzen, rät er allen Entsorgungswilligen. Auch mit seinem vermeintlich kleinen Anhänger habe er bis anhin alles Nötige transportieren können.
Genau darum gehe es beim Konzept der mobilen Recyclinghöfe, erklärt die ERZ. Ziel sei es, «die Entsorgung zu den Menschen zu bringen und nicht die Menschen in den Recyclinghof». Bis Ende 2026 wird das Netz des mobilen Recyclinghofs auf 32 Standorte ausgebaut. Das Vorhaben ist eine Erweiterung der früheren elf Standorte der Cargo- und Elektrotrams. Dadurch sollen die Angebote für alle Bewohnerinnen der Stadt Zürich innerhalb eines Kilometers erreichbar sein.
Der mobile Recyclinghof ist kostenlos, im Gegensatz zu den stationären Entsorgungshöfen, wo Gebühren anfallen können. Möglich wurde dies, nachdem der Gemeinderat einem Einnahmenverzicht zugestimmt hatte. Eine zentrale Bedingung für die Durchführung dieses Vorhaben ist die autofreie Nutzung der mobilen Standorte.
Mit dem Recyclingangebot soll so wenig zusätzliches Verkehrsaufkommen wir möglich geschaffen werden. Durch die zahlreichen Standorte minimiert sich die Distanz pro Entsorgungsfahrt deutlich. Da alle Entsorgungswilligen zu Fuss oder per Velo vorfahren, entstehe auch rund um den mobilen Entsorgungshof kein Verkehrschaos. Nur so könnten derart zentrale Standorte inmitten von Wohnquartieren angeboten werden. Die Wirkung ist gemäss ERZ mittlerweile auch bei den stationären Entsorgungshöfen spürbar. Dort hätten sich die langen Autokolonnen am Samstagvormittag merklich verkürzt.
Dass rund die Hälfte der Zürcher Haushalte inzwischen ohnehin ohne Auto lebt, zeigt sich auch auf dem Hottingerplatz. Eine ältere Frau fährt mit ihrem Mini-E-Bike vor und lädt einige alte Blumentöpfe aus dem Körbli. Drei- bis viermal komme sie pro Jahr vorbei, erzählt sie routiniert. Elektroschrott, Pfannen oder kleinere Gegenstände transportiere sie grundsätzlich mit dem Velo. «Wenn man regelmässig mit wenig Ware kommt, sammelt sich kein Müllberg an», sagt sie aus Erfahrung.

Gut organisiert und routiniert. Die E-Bikerin kommt bei jedem Entsorgungstermin vorbei. (Bild: Aline Künzler)
Wenige Meter weiter sortiert eine Velofahrerin Verpackungsmaterial und Geratenwerkzeug aus einem Kinderanhänger. Nach einem Umzug habe sich einiges angesammelt, erzählt sie. Auch sie komme praktisch bei jeder Entsorgungsmöglichkeit vorbei. Manchmal fahre sie sogar mehrere Entsorgungs-Runden. Selbst eine ganze Europalette habe sie schon mit dem Anhänger transportiert. «Wichtig ist dabei eine gute Organisation und einige Spanngurte», rät sie Entsorgungswilligen.
Für grössere Gegenstände stellt die ERZ vor Ort Handwagen zur Verfügung. Diese können gegen Depot ausgeliehen werden. Im Schnitt entsorgt jede Person vor Ort rund 15 Kilogramm Material. An einem typischen Entsorgungstag kommen so mehrere Tonnen zusammen; rund vier Tonnen brennbares Material und eine weitere Tonne Elektroschrott.
Trotzdem wirkt der Hottingerplatz nicht hektisch. Viele Menschen bleiben stehen, Kinder beobachten fasziniert die Müllpresse, man tauscht sich über Velos und Anhänger aus.
«Die Leute bringen mehr Zeit und gute Laune mit, wenn sie nicht zuerst im Stau stehen», erklärt ein Mediensprecher der ERZ gegenüber Velojournal. Dadurch bekomme der mobile Recyclinghof den Touch eines Quartierfests.
Dazu trägt auch der sogenannte Tauschplatz bei. Auf einem bunt markierten Anhänger dürfen intakte Gegenstände gratis abgelegt und mitgenommen werden. Bewusst befindet sich dieser gleich am Eingang, als Einladung zum Wiederverwenden statt Wegwerfen. Was am Abend übrig bleibt, kommt ins «Josy», eine Zwischennutzung auf dem Josef-Areal, wo brauchbare Gegenstände kostenlos abgegeben oder mitgenommen werden können.
Dass der Tauschplatz funktioniert, zeigt sich an einem Rennvelofahrer auf dem Heimweg. Vom mobilen Recyclinghof habe er zuvor noch nie gehört. Die auffällige Beschriftung habe ihn spontan zum Anhalten gebracht. Nun steht er mit einem Paar Second-Hand-Langlaufski neben seinem Rennvelo. Normalerweise transportiere er alles mit dem Velo, was in den Rucksack passe. Heute schultert er zusätzlich die Ski. «So flexibel ist man nur mit dem Velo», meint er lachend, bevor er vorsichtig die letzten Meter nach Hause rollt.
Der Ausbau der mobilen Recyclinghöfe sei erfolgreich gestartet und werde laufend weiterentwickelt, bilanziert die ERZ. Standorte würden optimiert, am Hottingerplatz werden inzwischen sogar Autoparkplätze temporär gesperrt, sodass Besucherinnen Velo und Anhänger an dieser Stelle parkieren können.
Während die Müllpresse weiterarbeitet und neue Velos auf den Platz rollen, entsteht der Eindruck, dass Entsorgen hier mehr ist als reine Pflichterfüllung. Zwischen Anhängern, Spanngurten und Elektroschrott wird der Hottingerplatz für ein paar Stunden zum Treffpunkt eines Quartiers auf zwei Rädern.

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