Auf dem Velo einen Berg hinauffahren als gäbe es kein Morgen mehr, im Jetzt sein und mit jeder Pedalumdrehung nur den eigenen Körper und den Fahrtwind spüren. Velofahren hat häufig etwas Unmittelbares und ist dann ganz und gar im Moment verhaftet. Trotzdem haben die Organisatoren des «Maratona delle Dolomiti» in diesem Jahr den Blick von der Lenkstange der Gegenwart gelöst und ihn ins ferne Morgen gerichtet.
Der Radmarathon mit 9000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der ganzen Welt stand 2019 nämlich unter dem Motto «Duman», was auf Ladinisch «Morgen» heisst. Es ist die Regionalsprache der Dolomiten und dem Rätoromanischen ähnlich. Und in diesem Morgen gehe es darum, die Umwelt zu erhalten und «Mutter Erde» zu schützen, sagte der Maratona-Präsident Michil Costa bei der Eröffnung des Rad-Events am vergangenen Wochenende in Corvara.
Die Strassen gehören den Velos
Der umtriebige «Velo-Papst» aus der Region setzt sich schon seit Langem für die Befreiung der Alpen-Pässe vom motorisierten Verkehr ein. Denn dies ist es, was den Maratona so besonders macht: Auf der langen Strecke können 138 Kilometer in einer atemberaubenden Berglandschaft zurückgelegt werden, ohne dass ein Motorheulen zu hören wäre oder dass ein Pkw wieder einmal den Mindestabstand zum Radfahrer missachtet. Die Strassen gehören den Velos.
Schwierig wird es allerdings, wenn dieser für «Gümmeler» paradiesische Zustand auch auf andere Tage ausgeweitet werden soll. 2017 hatte man testweise das Sellajoch im Juli und August am Mittwoch für den motorisierten Verkehr geschlossen – im Jahr darauf musste diese Massnahme nach Kritik von Restaurantbetreibern und der Hotellobby wieder aufgehoben werden. Doch dies scheint nur eine verlorene Schlacht gewesen zu sein, die Bemühungen gehen weiter. In mehreren Gemeinden der Region fordern die Präsidenten jetzt eine «Verkehrsberuhigung» der Dolomitenpässe. Und Maratona-Präsident Michil Costa will das Anliegen auf nationaler Ebene angehen. Mit der Reform der italienischen Strassenverkehrsordnung solle es neu möglich sein, Velofahrende gezielt zu fördern beziehungsweise zu schützen, sagt er auf Anfrage. Die bestehende Regelung stamme noch aus den 1950er-Jahren. Umweltschutz und Klimawandel sind spätestens seit dem verheerenden Sturm vom Oktober 2018 kein abstraktes Begriffspaar mehr für die Dolomitenregion: Millionen Bäume wurden entwurzelt, Dörfer teilweise zerstört und Strassen sowie Wanderwege stark beschädigt. Der Maratona lancierte deshalb einen Solidaritätsaufruf für die betroffenen Gemeinden, die noch immer mit den Folgen zu kämpfen haben. Dem Umweltschutz hat sich der Maratona auch in anderer Hinsicht verschrieben – so wird das Teilnehmer-Gilet zum ersten Mal aus rezyklierten Plastikflaschen hergestellt. Bei einem Anlass in dieser Grössenordnung zeigen sich im Hier und Jetzt allerdings die Grenzen von ökologischen Anliegen. Von den 9000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern reist die Mehrheit mit dem Auto in die Dolomitenregion, sodass die Zufahrtsstrassen am Maratona-Wochenende sehr stark befahren sind. Ein grosser deutscher Autohersteller ist zudem «Mobilitätssponsor» und parkiert seine, zumindest vorwiegend elektrischen Boliden, publikumswirksam auf dem Renngelände. Aus sportlicher Sicht scheint das «Morgen» dagegen immer noch fest in der Hand der alten Garde zu sein – zumindest aus Schweizer Perspektive: In ihren jeweiligen Altersklassen waren die Tessiner Mauro Gianetti (55 Jahre) und der FDP-Nationalrat Rocco Cattaneo (60) die schnellsten. Sie brauchten nur etwas mehr als fünf Stunden für die 138 Kilometer lange Strecke mit mehr als 4200 Metern Höhendifferenz. Wie sich die Beine da wohl am nächsten Morgen anfühlten? Fotos: Alex Moling, Nicolai Morawitz
Während des sportlichen Grossanlasses bleiben die Passstrassen für einmal autofrei. Radsport und Umweltschutz
Der Autor auf dem Sellajoch. Altbekannte Sieger







