Julie Nielsen,
Redaktorin
(julie.nielsen@velojournal.ch)
News,
09.07.2026
Kette, Schaltung und Ritzel gehören seit über hundert Jahren zum Fahrrad. Neue E-Bike-Systeme stellen dieses Prinzip infrage. Kettenlose Antriebe versprechen weniger Verschleiss, mehr Komfort und neue Möglichkeiten.
Julie Nielsen,
Redaktorin
(julie.nielsen@velojournal.ch)
News,
09.07.2026
Das Fahrrad hat sich über Generationen verändert, doch ein Bauteil blieb nahezu unverändert: Der Ketten- oder Riemenantrieb. Nun könnten neue elektrische Antriebssysteme dieses Grundprinzip erstmals ernsthaft herausfordern und völlig neue Velodesigns ermöglichen.
Bei kettenlosen Antrieben wird die Kraft der Pedale nicht mehr direkt ans Hinterrad übertragen. Stattdessen treibt der Fahrer einen Generator an, der elektrische Energie erzeugt. Diese wird unmittelbar an den Antriebsmotor weitergegeben oder zwischengespeichert.
Fachleute sprechen von einem Serienhybrid- oder «Chainless»-Antrieb. Das Konzept ist nicht neu und wurde bereits vor Jahrzehnten wissenschaftlich beschrieben. Lange blieb es jedoch auf Prototypen und Spezialfahrzeuge beschränkt.
Jüngstes Beispiel: das «Go» des schwedischen Start-ups Noll. Hier liefert statt der Kette das System Impulse für die Motorsteuerung. (Foto: Noll)
In mehrspurigen Lastenfahrzeugen und Lieferbikes hat sich die Technologie bereits etabliert. Hersteller nutzen die neue Freiheit, um Antriebe flexibler im Fahrzeug zu platzieren und den Wartungsaufwand zu reduzieren.
Inzwischen halten kettenlose Systeme auch Einzug in den klassischen E-Bike-Markt. Unternehmen wie Cixi entwickeln Antriebe für Zweiräder, die vollständig auf Ketten, Ritzel und konventionelle Schaltungen verzichten.
Die Vorteile liegen vor allem in der Einfachheit. Ohne Kette entfällt ein typisches Verschleissteil des Fahrrads. Auch Probleme wie verschmutzte Hosenbeine, Kettenrisse oder Schaltungsdefekte gehören der Vergangenheit an.
Hinzu kommt ein ergonomischer Vorteil: Die Trittfrequenz kann unabhängig von der Fahrgeschwindigkeit gewählt werden. Die Elektronik sorgt automatisch dafür, dass der Fahrer stets im optimalen Kadenzbereich pedaliert. In Kombination mit stufenlosen Automatikgetrieben entsteht aber ein Fahrgefühl, das eher an moderne Elektrofahrzeuge als an klassische Velo erinnert.
Ganz ohne Kritik kommt die Technologie allerdings nicht aus. Jede Umwandlung von mechanischer in elektrische und wieder zurück in mechanische Energie verursacht Verluste. Klassische Kettenantriebe erreichen nach wie vor sehr hohe Wirkungsgrade.
Zudem sind die Systeme technisch komplex und bislang teurer als konventionelle Lösungen. Ob sich der kettenlose Antrieb langfristig durchsetzt, ist daher offen.
Unabhängig davon eröffnet die Technologie neue Möglichkeiten für den Fahrzeugbau. Rahmengeometrien, Fahrwerkskonzepte und Lastenvelos lassen sich freier gestalten, weil die Kettenlinie nicht mehr berücksichtigt werden muss.
Für viele Fachleute sind kettenlose Antriebe deshalb weniger eine Konkurrenz zum klassischen Fahrrad als vielmehr ein Baustein für eine nächste Generation elektrischer Velos.

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