Ein Gang genügt: Die Faszination des Starrlaufs

Was auf den ersten Blick simpel wirkt, verlangt höchste Konzentration und viel Fahrtechnik: der Starrlauf. Zwischen den beiden grössten Schweizer Fixie-Rennen werfen wir einen Blick in die Szene der Starrlaufvelos.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 23.07.2026

Keine Gangschaltung, kein Freilauf und im Rennen nicht einmal Bremsen: Velos mit Starrlauf, besser bekannt als «Fixies», sind reduziert auf das Wesentliche. Zwischen dem erstmals ausgetragenen Fixie-Rennen «Winticrit» und dem etablierten «Zuricrit» in der Limmatstadt gehen wir der Faszination dieser simplen Velo-Konstruktionen auf den Grund. 

850 Meter Spektakel

Wer beim Winticrit Anfang Juli am Strassenrand stand, konnte die Besonderheit des Starrlaufs kaum übersehen. Mit hoher Geschwindigkeit jagten die Fahrerinnen und Fahrer durch die engen Quartierstrassen von Winterthur-Veltheim. Die Beine standen dabei nie still. Denn bei einem Starrlaufvelo ist das hintere Ritzel fest mit dem Hinterrad verbunden: Dreht sich das Rad, bewegt sich auch die Kurbel und damit zappeln zwangsläufig die Beine der Teilnehmerinnen.
Auf einem 850 Meter langen Rundkurs wurden neben der Fixed-Gear-Kategorien für Frauen und Männer auch ein «Road-Rennen» mit Rennvelos inklusive Gangschaltung und ein Kinderrennen ausgetragen. Der kompakte Rennkurs mit engen Kurven machten das Geschehen für das Publikum zum Spektakel. Mit dem Anlass knüpfte Winterthur an seine lange Kriterium-Tradition an, zu der einst Rennen mit Grössen wie Ferdy Kübler und Hugo Koblet gehörten.

Keine Pause für die Beine

Starrlauf meint in erster Linie, dass ein Velo nicht mit einem Freilauf ausgestattet ist. Solange sich das Hinterrad dreht, drehen sich auch die über die Kette fix verbundene Kurbel und Pedale. Wer schneller fährt, muss daher auch schneller treten. Wer langsamer werden will, setzt der Bewegung mit den Beinen Widerstand entgegen.

Das verändert das Fahrgefühl grundlegend. Auf einem gewöhnlichen Velo kann man in einer Kurve die Beine ruhen lassen, ein Pedal nach oben stellen oder sich auf einer Abfahrt einfach rollen lassen. Mit einem Starrlauf ist dies nicht möglich. Das Velo gibt den Rhythmus vor und zwingt den Lenker, ständig in Bewegung und mit dem Velo verbunden zu bleiben.

Intensive Verbindung mit dem Velo

Genau darin liegt für viele Fixie-Fahrerinnen und Fahrer die Faszination. Der Schweizer Starrlaufspezialist Patrick Seabase beschreibt in einem Porträt «den Reiz des Minimalistischen und Puren». Mit möglichst wenig Technik möglichst viel aus dem Velo und dem eigenen Körper herauszuholen, wurde für ihn zum Ausgangspunkt immer extremerer Touren. Unter anderem überquerte er mit einem Starrlaufvelo an einem Tag fünf Schweizer Alpenpässe und legte dabei 325 Kilometer zurück.

Andere Fixie-Fans sprechen von einer besonders unmittelbaren Form des Velofahrens. Jede Veränderung der Geschwindigkeit ist direkt in den Beinen spürbar. Beschleunigen und Verzögern verschmelzen zu einer durchgehenden Bewegung. Das kann anfangs ungewohnt und hektisch wirken. Mit zunehmender Erfahrung entsteht daraus jedoch ein gleichmässiger Rhythmus, ein Flow, der eine viel intensivere Verbindung mit dem Velo zulässt. 

Weniger Technik, mehr Aufmerksamkeit

Auch der Minimalismus gehört zur Anziehungskraft. Ein typisches Starrlaufvelo hat einen Gang, eine Kette und nur wenige bewegliche Teile. Schalthebel, Schaltwerk und Kassettenpaket fallen weg. Das macht die Velos optisch schlicht und grundsätzlich wartungsarm.

Einfach zu fahren sind sie deswegen nicht. Wer nur eine Übersetzung zur Verfügung hat, kann am Anstieg nicht in einen leichteren Gang wechseln. Auf einer Abfahrt steigt dagegen die Trittfrequenz schnell in Bereiche, die eine saubere und kontrollierte Bewegung erfordern. Auch Unebenheiten und Kurven verlangen Aufmerksamkeit, weil die Pedale nicht beliebig in einer günstigen Position gehalten werden können.

Dazu kommt das Fahren im Feld. Bei einem Kriterium bewegen sich die Fahrer eng beieinander. Kleine Geschwindigkeitsänderungen müssen früh erkannt werden, da abruptes Bremsen kaum möglich ist. Die starre Verbindung zwischen Pedal und Hinterrad wird damit zum Trainingsgerät für Rundtritt, Reaktion und Voraussicht.

Vom Velodrom auf die Strasse

Seinen sportlichen Ursprung hat der Starrlauf auf der Radrennbahn. Bahnvelos besitzen weder Freilauf noch Schaltung und werden auf einer abgesperrten Strecke ohne Bremsen gefahren. Wer den Starrlauf kennenlernen möchte, findet noch heute im Velodrom besonders kontrollierte Bedingungen.

Das Tissot Velodrome in Grenchen bietet etwa Schnupperkurse an. Die 250 Meter lange Holzbahn besitzt bis zu 46 Grad steile Kurven, was auf den ersten Blick beängstigend wirken kann. Mit genügend Geschwindigkeit drückt das Velo jedoch sicher auf die Fahrbahn. Einmal in Bewegung, erschliesst sich schnell, weshalb die Bahn als idealer Ort gilt, um den Starrlauf zu erleben: Es gibt keinen Gegenverkehr, keine Kreuzungen und keine überraschend öffnenden Autotüren. Im Schnupperkurs inbegriffen sind Mietvelo, Helm und Schuhe. Voraussetzung sind regelmässige Erfahrung auf dem Rennvelo und ein sicherer Umgang mit Klickpedalen. Wer später am öffentlichen Bahntraining teilnehmen möchte, muss einen aus drei zweistündigen Einheiten bestehenden Bahnkurs absolvieren. Dabei werden das Fahren in der Gruppe, die Regeln auf der Bahn und verschiedene Fahrmanöver vermittelt.

Starrlauf abseits der Rennstrecke

Nicht alle Starrlauffans suchen aber das Rennen. Besonders stark geprägt wird diese «Fixie-Szene» von Velokurierinnen und Velokurieren. In amerikanischen Grossstädten begannen Kuriere in den 1980er-Jahren, ausrangierte Bahnvelos auf der Strasse einzusetzen. Die robuste, einfache Konstruktion eignete sich für den intensiven täglichen Gebrauch und schonte das Budget der geringverdienenden Velokuriere. Aus der amerikanischen Kurierkultur verbreiteten sich Fixies später international.

Starrlauf für Neulinge

Wer Starrlauf auf der Strasse ausprobieren möchte, sollte besser nicht mit dem kompromisslosen Rennsetup beginnen. Ein Fixie kann grundsätzlich mit handelsüblichen Bremsen ausgerüstet werden. 

Geübt wird am besten auf einem leeren Platz oder einer verkehrsarmen Strecke. Zuerst gilt es, sich an das ständige Drehen der Pedale zu gewöhnen, sodass nicht versehentlich die Beine unbewegt bleiben und der Fahrer von der drehenden Kurbel des Fixie wie von einem bockigen Pferd abgeworfen wird. Anschliessend können das kontrollierte Verzögern mit den Beinen trainiert werden. Dies braucht weniger Kraft, umso kleiner die Übersetzung ist, was den Einstieg erleichtern kann.
Besonders wichtig ist ein zuverlässiger Halt der Füsse auf den Pedalen. Beim Starrlauf werden die Pedale durch das Hinterrad weiterbewegt. Rutscht ein Fuss ab, kann es schwierig werden, ihn bei hoher Trittfrequenz wieder aufzusetzen. Klickpedale oder geeignete Pedalriemen gehören deshalb zur üblichen Ausstattung eines Fixies.

Ein Starrlaufvelo lässt kaum Raum für Ablenkung. Es verlangt, dass man tritt, solange man fährt, die Umgebung aufmerksam liest und Bewegungen vorausschauend plant. Die Technik ist einfach, das Fahren aber nie beliebig. Vielleicht liegt genau darin der Reiz: Das Velo besitzt nur einen Gang und eröffnet gerade daruch eine überraschend vielfältige Art, Velofahren neu zu erleben.

Die Autorin fährt seit rund zehn Jahren Starrlaufvelos im Alltag und bei ihrer Arbeit als Velokurierin. Früher stand sie selbst am Start des Züricrits sowie weiterer Fixed-Gear-Rennen und kennt die Schweizer Fixie-Szene aus eigener Erfahrung.

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