20 Jahre Roubaix-Sieg: Als Cancellara auf Alu Geschichte schrieb

Mit dünnen Alufelgen über grobes Pflaster: Vor 20 Jahren gewann Fabian Cancellara erstmals Paris–Roubaix. Heute blickt der Tudor-Teamchef auf eine Radsport-Ära zurück, die technisch völlig anders war.

Emil Bischofberger, Autor (emil.bischofberger@velojournal.ch)
News, Sport, 10.04.2026

Das schwarz-rote Rennvelo der Marke Cervélo mit den schlichten Alufelgen übersehen die Besucher leicht. Es hängt neben vielen anderen, legendären Renn- und Zeitfahrvelos im Eingangsbereich des Hauptsitzes von Tudor Pro Cycling im luzernischen Schenkon. Die Rahmen der anderen Velos sind alle speziell lackiert, bullig-aerodynamisch konstruiert und mit hohen, schwarzen Carbonfelgen ausgestattet.

Anhand dieser Flotte lässt sich die grosse Karriere des Schweizer Radprofis Fabian Cancellara nacherzählen. Dieses vergleichsweise schmächtige, schwarz-rote Velo steht an deren Anfang. Das Modell namens «R3» feiert dieses Jahr zusammen mit seinem Besitzer ein Jubiläum: Vor 20 Jahren, im Jahr 2006, ritten die beiden zum ersten Grosserfolg in Cancellaras Karriere – seinem ersten Sieg beim Radklassiker Paris–Roubaix.

Mit filigranem Material über das grobe Pflaster von Paris–Robaix

Würde heute ein Profi mit einem solchen Rennvelo am Start auftauchen, würde er von der Konkurrenz für verrückt erklärt. Der filigrane Hinterbau (für etwas Flex), die schmalen Collés, die dünnen Alufelgen: Das alles wirkt geradezu zerbrechlich und äusserst ungeeignet, um damit über die gröbsten Pflastersteine Europas zu brettern. Doch genau das tat Cancellara.

2006 stand er zum vierten Mal bei Paris–Roubaix am Start. Bei seinem Debüt drei Jahre zuvor sah er das Ziel nicht – «einen an den ‹Gring› als Neuling», lautet sein heutiges Urteil. Im Jahr darauf attackierte er im legendären Wald von Arenberg mit seinem besonders ruppigen Kopfsteinpflaster (Pavé), erreichte das Vélodrome von Roubaix mit drei Konkurrenten, war diesen im Sprint jedoch unterlegen.

Prägender war für ihn damals, was ihm der zweifache Roubaix-Sieger Franco Ballerini mit auf den Weg gab: «Du wirst dieses Rennen eines Tages gewinnen. Zum Glück noch nicht dieses Jahr – so lernst du am meisten.» 2005 blieb die erhoffte Steigerung ebenfalls aus: Cancellara wurde zwar Achter, hatte aber nach drei Pannen und einem Sturz keine reellen Siegchancen mehr.

Der Traum vom Erdbeben im Vélodrome

Dann kam der 9. April 2006. Wie gross sein Selbstvertrauen vor diesem Rennen war, lässt sich retrospektiv durch seine Äusserungen im «Blick» erahnen. Am Tag zuvor erzählte er dort von einem Traum: «Allein auf der Rennbahn in Roubaix anzukommen. Das muss wie ein Erdbeben sein.»

Markige Worte für einen, der zu diesem Zeitpunkt zwar zu den Anwärtern, nicht aber zu den absoluten Topfavoriten zählte. Diese Rolle gehörte Tom Boonen, dem Vorjahressieger. «Dieses Selbstbewusstsein vor dem Rennen ist mir heute nicht mehr so präsent», gibt Cancellara im Gespräch mit Velojournal zu. Als Chef des Tudor Pro Cycling Teams ist er heute genauso stark in den Radsport involviert wie damals. Und weil die Gegenwart so omnipräsent ist, rückt die Vergangenheit in weite Ferne. Erst nach und nach kommen ihm die Details seines ersten Roubaix-Sieges wieder in den Sinn.

«Allein auf der Rennbahn in Roubaix anzukommen. Das muss wie ein Erdbeben sein.»

Fabian Cancellara

Vom Rennen selbst ist ihm primär die rennentscheidende Szene geblieben. Cancellara befand sich in einer Gruppe, in der alle Sieganwärter vertreten waren. Auf dramatische Weise verabschiedete sich der Amerikaner George Hincapie daraus, als an seinem Velo plötzlich der Gabelschaft brach. Später war es der Russe Wladimir Gussew, der die Entscheidung provozierte: Er trat vor dem Carrefour de l’Arbre, dem letzten schweren Pavé-Abschnitt, an. Cancellara ging mit – und hängte ihn wenig später ab. Im Ziel beschrieb er die darauf folgende Soloflucht über 16 Kilometer treffend: «Danach habe ich mir gesagt: Gring ache u fahre.»

Teures Lehrgeld und die Carbon-Revolution im Radsport

«Der Rahmen würde mit seinen dämpfenden Eigenschaften wohl heute noch gut mitspielen», glaubt Cancellara. Bei den Laufrädern und Pneus ist die Welt jedoch eine völlig andere. Carbon war im Frühjahr 2006 auf dem Pflaster noch tabu. Im Herbst desselben Jahres machten Cancellara und das Team erste Tests: «Innert einer halben Stunde haben wir Carbonlaufräder im Wert von 40’000 Franken zerstört.» Und trotzdem setzte er ab dem darauffolgenden Jahr auf Carbon. Heute sind steife, aerodynamische Carbonlaufräder die Norm. Gedämpft werden die Schläge von Pneus mit über 30 Millimetern Breite – ein Drittel mehr als noch vor 20 Jahren.

«Innert einer halben Stunde haben wir Carbonlaufräder im Wert von 40’000 Franken zerstört.» 

Fabian Cancellara

Auf den Vergleich von damals zu heute angesprochen, meint Cancellara: «Tadej Pogacar auf meinem Velo von damals? Das würde nicht gehen. Das war körperlich eine ganz andere Challenge, habe ich das Gefühl. Damals warst du Classique-Spezialist oder Rundfahrer.» Den Grund für diese Entwicklung sieht er in den massiven Fortschritten bei Material und Trainingswissenschaft.

Eine ungeplante Rückkehr und das Leben nach der Profikarriere

Während er vom Renngeschehen am 9. April 2006 nicht mehr jedes Detail weiss, erinnert sich Fabian Cancellara an die darauffolgende Nacht umso besser. Das Team logierte während der Frühjahrsklassiker stets im Parkhotel in der flämischen Stadt Kortrijk. Vor der Abreise am Vorabend von Paris–Roubaix scherzte Cancellara mit dem Hotelpersonal: «Wenn wir gewinnen, kommen wir zurück.» Tatsächlich kehrte die gesamte Equipe am Abend zurück. «Mit den Koffern standen wir vor dem Hotel und fragten, ob sie freie Zimmer für uns hätten.» Das hatten sie – und die teaminterne Feier dauerte bis in die Morgenstunden.

Anders als viele Ex-Profikollegen schwelgt Cancellara in seinem heutigen Alltag kaum mehr in der Vergangenheit. So gerne der 45-Jährige Zeit an Velorennen verbringt, zentral sind diese Besuche für ihn nicht mehr. «In diesem Jahr getraue ich mich erstmals zu sagen: Ich bin auf einem guten Weg, bin gelandet, bin in meiner neuen Rolle angekommen», resümiert er zehn Jahre nach seinem Rücktritt als Radprofi. Wenn er auf seine Karriere zurückblickt, erwähnt er den einzigen Schönheitsfehler von sich aus: Mit dem Strassen-Weltmeistertitel wollte es, im Gegensatz zum Zeitfahren (viermal Gold), nie klappen. «Klar, ich war nie Strassen-Weltmeister. Aber ich habe meine Goldmedaille: Dass Tudor kam und in unser Team einstieg, das ist meine Goldmedaille.»

«Die Flandern-Rundfahrt lebt viel mehr»

Bei Paris–Roubaix sollte er noch zwei weitere Male triumphieren. Es ist das Rennen, mit dem er am stärksten in Verbindung gebracht wird – auch, weil er den Sieg mehrmals nur knapp verpasste. Und doch sagt Fabian Cancellara heute erstaunlich nüchtern: «Die Flandern-Rundfahrt lebt viel mehr. Paris–Roubaix ist ein Rennen von A nach B, das ein logisches Ziel war angesichts meiner physischen Voraussetzungen. Aber Flandern: Am Tag der Ronde stand das Land still. Sie war für mich viel spezieller, auch weil ich viel länger kämpfen musste bis zum Sieg.» Erst 2010 war es so weit; auch die Ronde gewann er dreimal. Zusammen mit Mailand–Sanremo 2008 stehen damit sieben Siege bei Radmonumenten in Cancellaras Palmarès.

Erzählt Cancellara die Geschichten von damals seinen heutigen Fahrern? «Viel fragen sie mich nicht mehr danach. Ich bin schon zu weit weg», sagt er. «Aber ich weiss, wie es sich anfühlt, ‹ufe Grind z’gheie›. Und auch, wie es ist, zu gewinnen. Aber ich spiele das nicht aus, sondern lebe das vor.»

Er ist der stille Zeitzeuge. Zusammen mit seinem filigranen Roubaix-Velo, das am Team-Hauptsitz an der Wand hängt.

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