Unsichtbare Bremsklötze: Chancenungleichheit für Frauen

Frauen sind in der Fahrradbranche präsent – aber nicht dort, wo Entscheidungen fallen. Eine neue Studie zeigt: Wer auf Gleichstellung verzichtet, riskiert Fachkräfte, Fortschritt und die Zukunft der Branche.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velogisch.ch)
News, 10.07.2025

Die Velobranche steht unter Druck. Nach Jahren des Wachstums hat sich der Markt abgekühlt, Lieferkettenprobleme und Kaufzurückhaltung prägen vielerorts das Geschäft. Umso wichtiger wäre es, das Potenzial der gesamten Belegschaft zu nutzen – doch genau hier offenbart die Branche deutliche Defizite. Eine neue Studie aus Deutschland zeigt: Frauen sind in der Fahrradwirtschaft zwar sichtbar, aber in zentralen Positionen weiterhin unterrepräsentiert.

Führungspositionen bleiben männlich

Die Studie von «Women in Cycling», durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel, der Hochschule Rhein-Main und dem Zweirad-Industrie-Verband, befragte über 680 Beschäftigte – fast die Hälfte davon Frauen. Die Ergebnisse zeigen ein klares Bild: In Führungspositionen, technischen Berufen und bei der Bezahlung sind Frauen in der Velobranche deutlich im Nachteil. Nur rund 30 % der Top-Management-Posten sind weiblich besetzt. Im Handel und in der Produktion liegt der Anteil beschäftigter Frauen sogar noch tiefer. Dies, obwohl Frauen in gewissen Tätigkeiten unverzichtbar sind und in anderen Bereichen fast die Hälfte der Arbeitsplätze besetzen. Etwa im Marketing, der Eventorganisation und in der Planung sind weibliche Angestellte proportional übervertreten.

Gläserne Decke verhindert Karriereaufstieg

Auch beim Gehalt zeigt sich eine strukturelle Schieflage: Frauen sind in höheren Lohnklassen stark unterrepräsentiert. In der höchsten erfassten Lohnklasse ab 90’000 Euro Jahresgehalt sind gerade mal 18 % weibliche Mitarbeitende zu finden. Die Studie fasst zusammen: «Die Branche lebt von Kundennähe – doch intern herrscht massives Ungleichgewicht». Dies betreffe insbesondere die Bereiche Handel, Vertrieb und Produktion, welche aktuell deutlich männlich geprägt seien. Auch in der Schweiz fehlen unter anderem in diesen Bereichen Fachkräfte, wie die landesweite Werkstattumfrage 2024 von «Dynamot» zeigt: «Die Werkstätten des Schweizer Velofachhandels haben in den letzten vier Jahren ihre Kapazitäten deutlich ausgebaut, was den Fachkräftemangel zusätzlich verschärfte».

Alarmsignal in schwierigen Zeiten

Trotzdem zeigen viele Frauen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen: Zwei Drittel der Befragten möchten sich weiterqualifizieren, ein Drittel strebt eine Führungsrolle an. Gleichzeitig denkt jede zehnte über einen Branchenwechsel nach. Ein Alarmsignal in Zeiten, in denen qualifizierte Fachkräfte dringend gebraucht werden. Was es jetzt braucht, fasst die Studie von «Women in Cycling» in drei konkreten Massnahmen zusammen: höhere, gleichberechtigte Bezahlung, aber auch flexible Arbeitszeiten mit Remote-Optionen und nicht zuletzt sichtbare Vorbilder, Netzwerke und Mentoring für Frauen in der Velobranche.

Vielfalt betrifft alle

Die Ergebnisse der Studie wurden auf der diesjährigen Eurobike-Messe in Frankfurt diskutiert. Dabei wurde deutlich: Wer Vielfalt und Gleichstellung nicht aktiv fördert, riskiert nicht nur den Verlust von Fachkräften, sondern auch Innovationskraft und Glaubwürdigkeit. Einzelne Unternehmen zeigen, dass es auch anders geht – mit klaren Zielen, gelebter Diversität und einem strukturierten Kulturwandel. So fasst Angela Francke von der Universität Kassel zusammen: «Es geht um Männer, Frauen und diverse Personen, die gemeinsam der Schlüssel dafür sind, dass unsere Branche attraktiv bleibt, Zukunft hat und innovativere, bedarfsgerechte Produkte entstehen».

Damit steht fest: Die Herausforderungen der Fahrradbranche – von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis Fachkräftemangel – lassen sich nur mit einem diversen, motivierten und fair behandelten Team bewältigen.

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