Julie Nielsen,
Redaktorin
(julie.nielsen@velojournal.ch)
News,
20.04.2026
Leuchtgelbe Rucksäcke, reflektierende Jacken, blinkende Gadgets: Noch nie gab es so viele Produkte, die Velofahrende sichtbarer machen. Ein Trend, der nicht nur auffällt, sondern einen gesellschaftlichen Wandel aufzeigt.
Julie Nielsen,
Redaktorin
(julie.nielsen@velojournal.ch)
News,
20.04.2026
Das Thema Sicherheit gewinnt immer mehr an Bedeutung. Und damit ein wachsender Markt an reflektierenden Produkten. (Fotos: zVg)
Velofahren boomt. Die Beliebtheit von Velos und E-Bikes belebt auch einen wachsenden Markt für sogenannte «High-Vis»-Accessoires und -Bekleidung, die die Sichtbarkeit erhöhen. Velofahrende werden durch die Verwendung von gut reflektierender Kleidung bewusst sichtbarer im Strassenverkehr. Dahinter steckt nicht nur Technik, sondern ein kultureller Wandel hin zu Prävention, Selbstverantwortung und neuer Ästhetik.
Velofahrende sind im Strassenverkehr besonders gefährdet. Nicht zuletzt, weil sie oft von Personen hinter dem Steuer übersehen werden. Wer sichtbar unterwegs ist, reduziert das Unfallrisiko deutlich. Dunkel gekleidete Personen werden nachts erst aus rund 25 Metern erkannt, mit Licht und reflektierender Kleidung hingegen schon aus über 100 Metern. Reflektierende Materialien können die Sichtbarkeit sogar auf das Drei- bis Fünffache erhöhen.
Was früher auf Licht und Reflektoren beschränkt war, ist heute ein ganzer Markt. Neben klassischen Leuchtwesten gibt es reflektierende Jacken, Handschuhe, Helmüberzüge oder Speichenclips. Praktisch jedes Element am Körper oder am Velo kann heute sichtbar gemacht werden.
Der Trend geht dabei klar in Richtung Style: Sichtbarkeit soll nicht mehr wie ein Fremdkörper wirken, sondern Teil von Design und Alltag sein.
High-Vis-Veloaccessoires: Cap von Woom, Schloss von Abus, Regenmantel von Paikka, Handschuhe Stella von Gofluo, Stickers von Rieseldesign, Rucksack von Vvelo. (Bilder: Velokiosk.ch, madevisible.swiss, Galaxus.ch, vvelo)
Ein aktuelles Beispiel ist der neue neongelbe Rucksack von vvelo, der gezielt auf auffällige Farbe und Fläche setzt. Auch Modedesigner verfolgen diesen Ansatz. Seit wenigen Jahren sind immer mehr sogenannte «Hi-Vis»-Produkte, die leuchtende Materialien mit reflektierenden Elementen kombinieren, auch auf Laufstegen zu sehen. Bei Burberry, Calvin Klein, Walter van Beirendonck oder Junya Watanabe wurde Sichtbarkeit nicht mehr versteckt, sondern bewusst inszeniert. Jetzt ist der Trend auch in der Alltagsmode angekommen.
High-vis-Details sind immer häufiger Teil des Designs bei Sportbekleidung. (Bilder: Zalando.ch, transa.ch)
Diese Entwicklung passt in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext. Prävention gewinnt an Bedeutung. Weniger Alkohol, bewussteres Essen, mehr Bewegung: Der Alltag wird zunehmend unter dem Gesichtspunkt von Gesundheit und Risikominimierung gestaltet.
Auch im Verkehr zeigt sich dieser Wandel. Sichtbarkeit ist eine Form der Selbstverantwortung: Wer gesehen wird, reduziert sein Risiko. Produkte, die das unterstützen und gleichzeitig stylisch sind, treffen damit den Nerv der Zeit.
Neonfarbene Leuchtwesten mit Reflektoren gelten als funktional, aber unästhetisch. Heute verschiebt sich diese Wahrnehmung. Hier spielt auch die Rückkehr der Y2K-Mode eine Rolle. Auffällige Farben, technische Materialien und funktionale Details erleben ein Comeback. Was früher nach Sport oder Sicherheit aussah, wird neu interpretiert und akzeptiert.
Wer sichtbar fährt, signalisiert: Ich nehme am Verkehr teil, ich will wahrgenommen werden.
Damit verschiebt sich aber auch die Verantwortung. Sicherheit wird nicht mehr ausschliesslich von Infrastruktur oder Regeln erwartet, sondern zunehmend auch vom Individuum mitgetragen.
Diese Entwicklung ist nicht frei von Ambivalenzen. Velofahrende bewegen sich in einem Verkehrssystem, das grösstenteils nicht für sie gebaut wurde. Es stellt sich die Frage: Muss sich der Mensch immer stärker an ein riskantes System anpassen und sind Velofahrende selbst Schuld, wenn sie übersehen werden?

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