Das Märchen vom Ausweichverkehr

Weniger Platz fürs Auto, mehr fürs Velo –und schon droht angeblich der Kollaps in den Quartieren. Doch Studien zeigen: Der gefürchtete Ausweichverkehr ist meist ein Mythos. Verkehr verschwindet, statt sich zu verlagern.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
Kommentar, 20.04.2026

Kaum wird eine Autospur zugunsten von Velorouten umgebaut, wird Kritik laut: mehr Stau, mehr Schleichverkehr. Doch die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Verkehr verhält sich dynamisch und nimmt oft ab, wenn Raum neu verteilt wird.

Am Neumühlequai in Zürich wurde während Bauarbeiten eine Autospur temporär in eine Velospur umgewandelt, um die Sicherheit für Velofahrende zu erhöhen. Der Kanton kritisierte die Massnahme wegen Staugefahr auf der übergeordneten Verkehrsachse und ordnete den Rückbau an.

Eine Ausnahme, nicht die Regel

Der Streit um die Velospur am Neumühlequai in Zürich zeigt exemplarisch, wie emotional die Debatte geführt wird. Eine Fahrspur wurde temporär zugunsten des Veloverkehrs umgenutzt und die Kritik folgte umgehend mit den bekannten Argumenten zu Rückstau im Hauptnetz und Ausweichverkehr in angrenzende Gebiete. Tatsächlich kam es zu Engpässen und stockendem Verkehr. Doch solche punktuellen Situationen lassen sich nicht ohne Weiteres verallgemeinern.

Reflexartiger Einwand

Wo Velovorzugsrouten entstehen, folgt fast immer derselbe Einwand: Wenn dem Auto Platz weggenommen wird, weicht der Verkehr in die Quartiere aus. Die Folgen, so die Befürchtung, sind mehr Stau, mehr Lärm und unsichere Nebenstrassen. Diese Argumentation ist zwar intuitiv, aber falsch.

Verkehr ist kein fixes Volumen

Studien zeigen vielmehr, dass Verkehr veränderlich ist. Wird Strassenraum reduziert, passt sich das Verhalten an.

«Verkehr funktioniert nicht wie Wasser, das sich einfach neue Wege sucht.»

Fachleute sprechen bei diesem Phänomen von «Traffic Evaporation». Das bedeutet, dass ein Teil des Verkehrs schlicht verschwindet. Menschen wählen andere Verkehrsmittel, legen Wege zusammen, fahren zu anderen Zeiten oder verzichten ganz auf einzelne Fahrten.

Das Gegenteil ist besser belegt

Während der «Ausweichverkehr» oft behauptet wird, ist das Gegenteil wissenschaftlich klar belegt: Mehr Strassen und Fahrspuren erzeugen mehr Verkehr. Dieses Prinzip der «induzierten Nachfrage» ist seit Jahrzehnten bekannt. Das heisst: Wird eine Strasse verbreitert, nutzen mehr Menschen das Auto und der zusätzliche Platz füllt sich wieder. Auch die Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) hält fest, dass Kapazitätsausbau kein nachhaltiges Mittel gegen Stau ist.

Konkrete Beispiele aus einer Studie zur «Traffic Evaporation» im Eixample-Quartier in Barcelona zeigen, wie sich der Verkehr verhält, wenn Fahrspuren fürs Auto zugunsten von Bus- und Velostreifen reduziert werden. Auf elf umgestalteten Strassen nahm der Verkehr im Schnitt um 14.8 Prozent ab. In angrenzenden Nebenstrassen stieg er nur minimal um 0.7 Prozent, auf weiteren blieb er unverändert.

Velospuren schaden dem Verkehr nicht

Wenn Fahrspuren zugunsten von Veloinfrastruktur umgestaltet werden, passiert deshalb nicht automatisch das, was oft befürchtet wird. 

«Ein Teil des Verkehrs verlagert sich, aber ein anderer Teil verschwindet.»

Gerade in Städten mit guten Alternativen wie ÖV, Fusswegen oder Velorouten reagieren Menschen flexibel. Sie passen ihr Verhalten an die neuen Bedingungen an. Velovorzugsrouten schaffen nicht mehr Verkehr im Quartier. Sie schaffen eine andere Mobilität.

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