«Mais bien sûr que j’ai un vélo!», prahlt der Wirt hinter der Bar in Malaucène, wo wir einen letzten Kaffee trinken. Kleinmütig fügt er hinzu: «Mais il est dans la cave, les pneus sont dégonflés.» Das Übliche also: Er braucht sein Velo gar nicht. Mein Freund Röbeli murmelt: «Mensch, der ist halb so alt wie ich, und doppelt so schwer.» Ich sage: «Hör auf zu lästern, Röbeli, bald sehen auch wir alt aus.»
Wir zahlen und machen uns auf den Weg zum Schlimmsten, was einem Radler unter die Räder kommen kann. Kurz nach dem Dorf beginnen die ersten Rampen, und jetzt, am Nachmittag, brennt uns die Sonne direkt auf den Rücken. Schon tropft der Schweiss auf den Lenker. Zum Glück sind wir in guter Gesellschaft. Dutzende von cyclotouristes sind in beiden Richtungen unterwegs. Selbstverständlich grüssen alle, denn man ist ja gemeinsam am grossen Berg. Doch auf der Strasse sind auch ältere Herrschaften mit schwer beladenen Tourenvelos, die sich in den Kopf gesetzt haben, auf dem Gipfel die Windfestigkeit ihrer Zelte auszuprobieren. Die grüsst man mit besonderem Respekt. Jetzt tröpfelt der Schweiss nicht mehr, sondern er fliesst in Strömen. Die Luft flimmert über dem Asphalt. Unendlich langsam kriechen wir den Berg hoch, und an jedem Kilometerstein lesen wir die paar lumpigen Höhenmeter ab, die wir geschafft haben.
Plötzlich in der Kälte
Plötzlich glaubt man, es sei fünfzehn Grad kühler, man hat das Gefühl, gleich werde der Schweiss auf der Haut einfrieren, man beginnt zu schlottern, es wird schwierig, die Richtung einzuhalten. Ein Mars ist in zehn Sekunden aufgefressen, dann geht es ein wenig besser. Und dann ist man oben, reisst mit fahrigen Händen alle Textilien aus der Packtasche, um sie sich überzuziehen. Auf dem Gipfel steht eine scheussliche Wetterstation, die dem Kulturpalast in Moskau gleicht, wir gehen in die Kneipe, bestellen Tee. Seltsames Tun, dieses Radeln …
Eine Schönheit ist er nicht, der 1912 Meter hohe Steinbrocken, der in seiner Mächtigkeit isoliert im Rhonetal steht. Im unteren Teil ist er bewachsen mit Wald und Gestrüpp, oben leuchtet weisses Kalkgestein, so dass man glaubt, auch im Hochsommer liege auf dem Gipfel Schnee, was sich bei näherem Hinsehen als Trugbild herausstellt. Der Berg ist ziemlich hässlich, doch er fasziniert auf eine seltsame, zuweilen auch unheimliche Weise.
Vor einem Jahr, am 13. Juli 2000, hat die Tour de France in ihrer bald hundertjährigen Geschichte dem Mont Ventoux zum zwölften Mal die Ehre erwiesen. Man erinnert sich: Alles wartete auf den grossen Angriff von Marco Pantani. Der liess sich nicht lumpen und brachte Lance Armstrong zeitweise in arge Schwierigkeiten. Doch Armstrong war stärker und schenkte Pantani den Etappensieg. Das Publikum war hin von der grossmütigen Geste, und Pantani war steinhässig. Darob konnte man getrost vergessen, dass dieser 13. Juli auf den Tag genau Anlass gewesen wäre für ein trauriges Jubiläum.
Die Geschichte
Am 13. Juli 1967 zeigt das Thermometer in der Provence 40 Grad an, der Ventoux flimmert im Dunst. Im unteren Teil der Steigung fährt der Engländer Tom Simpson unter den ersten, wird sechs Kilometer unter dem Gipfel von seinen Rivalen Jiménez und Poulidor überholt. Sein Gesicht ist schneeweiss, er fährt im Zickzack, stürzt vom Velo, ist bewusstlos. Mit dem Helikopter wird er ins Spital von Avignon gebracht, wo er stirbt. Bei der Obduktion findet man in der Leiche einen wahnsinnigen Cocktail von Dopingmitteln. Und so wird der Mont Ventoux zum Doping-Berg. An der Stelle, wo Simpson vom Velo stürzte, hat man ihm ein Denkmal gesetzt. Hobbyfahrer, so ist der seltsame Brauch, legen dort einen Schlauch, ein Käppi oder einen Bidon hin, um die Berggeister günstig zu stimmen.
Der Ventoux ist in mehrfacher Hinsicht ein Monument. Er ist die Geburtsstätte des Tourismus, was aber nichts mit der Tour de France zu tun hat, sondern mit dem italienischen Dichter Francesco Petrarca, der den Berg im April 1336 bestieg und über diese Wanderung einen Bericht schrieb. Darin bekennt der Dichter, die Bergtour «aus schierer Neugier» unternommen zu haben. Das war 1336 ein ketzerischer Gedanke, den er sogleich bereute. Doch es war zu spät, der Gedanke war gedacht. Neugier aber ist die Mutter aller Reisekunst, Petrarca als Autor der ersten Reisereportage der Urvater aller Reiseschriftstellerinnen und Tourismusreporter.
Unsinnig steile Auto-Zufahrtstrassen
Ein Ort des Tourismus wurde der Mont Ventoux ganz und gar. Vor hundert Jahren entdeckte man ihn als Leckerbissen für Velo- und Autorennen und baute drei unsinnig steile Zufahrtsstrassen. Doch erst 1951 fand die Tour de France den Weg zu Petrarcas Berg. Hugo Koblet spielte in diesem Jahr mit seinen Gegnern Katz und Maus, bis er am Ventoux einbrach, aber schliesslich die Tour doch noch gewann. 1955 wollte es Ferdy Kübler wissen und griff leichtsinnig kurz nach Bédoin an. Er kannte den Mont Ventoux noch nicht aus eigener Anschauung. Seine Mitstreiter riefen ihm zu: «Ferdy, pass auf, der Mont Ventoux ist nicht ein Berg wie ein anderer!» Ferdy rief keck zurück: «Und der Ferdy ist auch nicht ein Radler wie ein anderer!» Dann wurde er vom Feld eingeholt und gab am folgenden Tag auf. Sein Kommentar: «Der Mont Ventoux hat mich umgebracht.» Doch Ferdy Kübler ist bis heute am Leben.

INFORMATION:
Beste Reisezeit:
Mai/Juni und September/Oktober. In den Sommermonaten herrscht am Mont Ventoux ein Affenzirkus. Auch im Sommer kann es oben winterlich kalt sein.
Anreise:
Mit dem Zug bis Avignon. Von da sind es noch 40 km bis Bédoin (275 M.ü.M.) am Fuss des Mont Ventoux.
Drei Routen führen auf den Berg:
1. «La Douce» (die Sanfte) ist 26 km lang, beginnt in Sault (765 m.ü.M.), im Südosten des Berges. 20 km (bis Chalet Reynard) geht es sanft, dann 6 km brutal aufwärts zum Gipfel.
2. «La Trompeuse» (die Trügerische) beginnt im westlich gelegenen Malaucène (377 m.ü.M.), und ist 21 km lang. Die unteren 16 km bis Mont Serein sind durchschnittlich 7% steil, die letzten 5 km 9-10% .
3. «L’Impitoyable» (die Erbarmungslose) beginnt im Südwesten, in Bédoin (275 m.ü.M.). Bis zum Gipfel sind es 21 km. Die ersten 6 km sind Zuckerschlecken. Dann folgen 10 km mit 9%, ohne die kleinste Erholungsmöglichkeit.
Rund um den Mont Ventoux: Malaucène – Bédoin – Villes-sur-Auzon – Gorges de la Nesque (sehr schön!) – Sault – Monbrun – Brantes – Veaux – Malaucène. 110 hügelige Kilometer.
Kost und Logis:
Rund um den Mont Ventoux findet man überall Hotels, Zeltplätze, Läden und Restaurants. Im Chalet Reynard, 6 km südöstlich des Gipfels, ist ein Restaurant. Übernachten kann man dort nicht. Ein unvergessliches Erlebnis hat, wer auf dem Mont Ventoux zeltet. Es ist dort sehr windig.
Dokumentation:
Michelin-Strassenkarte 1:200'000, Blatt 81, Montélimar, Avignon, Digne, Fr. 6.–. Über den Mont Ventoux gibt es einige interessante Literatur. Zum Beispiel: Francesco Petrarca, Die Besteigung des Mont Ventoux, Reclam Fr. 5.–. Roland Barthes, Die Tour de France als Epos. In Sport – Eros – Tod, hrsg. von Gerd Hortleder und Gunter Gebauer, Suhrkamp, Fr. 14.–. Vor Ort findet man von Bernard Mondon das Buch Les grandes heures du Tour de France au Ventoux, Barbentane 1997, FF 99.–.







