«Ychetrampet» – mitten in Gotthelfs Welt

Die «Herzroute» ist nicht die schnellste, aber eine der schönsten Velowanderrouten. Sie führt auf 55 herzerwärmenden Kilometern durchs Luzerner Hinterland, den bernischen Oberaargau und durchs Emmental.

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Gaby Kindler (Text und Fotos)
Reisen, 13.12.2008

«Nach Lützelflüh? Mit dem Velo? Gott helf …», witzelt Erwin, als er vom Projekt «Herzroute» das erste Mal hört. Mitkommen will er aber trotzdem. Die anmächelig ausgearbeitete Routenkarte hat ihn neugierig gemacht. Dass in diesem Jahr auch noch der 150. Todestag des bekannten Lützelflüher Pfarrers und Schriftstellers gefeiert wird, spricht zusätzlich für eine Tour ins Emmental. Die 55 Kilometer scheinen mit etwas «Geld und Geist» gut an einem Tag zu bewältigen zu sein.
Im Bahnhof Willisau löst die Erwähnung unseres Vorhabens bei der Schalterbeamtin eine Schrecksekunde aus. «Die Elektrovelos sind alle weg. Die hätten Sie reservieren müssen!» Die Flyer-Elektrovelos haben sich zum Publikumsrenner entwickelt. Die Schalterbeamtin ist erleichtert über unseren festen Willen, die Route mit eigenen Stahlrössern in Angriff zu nehmen.
Das im letzten Jahr 700-jährig gewordene historische Städtchen durchqueren wir zügig. Nur wenig erinnert an die beiden Stadtbrände 1471 und 1704, denen vier Fünftel der Häuser zum Opfer gefallen sind. Die vielen Sehenswürdigkeiten? Ein andermal. Vielleicht Ende August, mit einem Ohr voll Jazzfestival.
Die erste Abzweigung verpassen wir glatt. Doch bald sind wir eingespurt auf die gelben Herzroutensignale am Boden, die das Kartenstudium beinahe überflüssig machen. Die zugehörigen, träfen Hinweise sind jedoch informatives Zusatzfutter für unterwegs.
Auf der Allmend (700 m ü.M.) lässt sich der erste schöne Rundblick geniessen. Kein Auto stört die Atempause nach der ersten Steigung. Nach der Abfahrt nach Zell folgt bald Hüswil (sprich Hüsu), wo es nach dem Gasthaus Engel (indonesische Spezialitäten!) wie angekündigt «blödsinnig steil» nach oben geht. Vor Schönentüel tut sich linker Hand als Belohnung ein herrlicher Blick auf das Dörfchen Ufhusen auf; kurz darauf lockt ein idyllisches, unter einer riesigen Linde platziertes Holzbänkchen zur Znünirast. Kaum haben wir die Kantonsgrenze hinter uns gelassen, tönts auf der Weiterfahrt nach Gondiswil vor uns: «Gang itz äntlech zum Wäg us, du Löu!» Gemeint ist ein vierbeiniger, etwas sturer «Bärner Gring», der «seine» Strasse gegen fremde Fötzel zu verteidigen weiss.

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Zeitreise zu Ueli dem Knecht & Co.

Via Auswil und Wyssbach rollen wir gut vier Kilometer nach Madiswil hinunter. Die Vorbeifahrt an behäbigen Berner Bauernhäusern mit üppigem Blumenschmuck und prächtigen Gärten geniessen wir in vollen Zügen. An jenem Brunnen traf sich doch Ueli mit Vreneli, hinter dem schmucken Spycher gab Elsi, die seltsame Magd, ihr dunkles Geheimnis preis. Unversehens sind wir mitten in Gotthelfs Welt ychetrampet.
In Rütschelen beginnt eine längere Aufstiegsstrecke. Langsam knurrt der Magen, doch es ist wie verhext: kein lauschiges Holzbänkli mehr weit und breit. Also pedalen wir weiter, das mit «sorry» angekündigte Strassenstück in Richtung Linden heizt in der Tat ziemlich ein; erst nach der Abzweigung Oschwand gibts wieder Schatten. Die nun folgende Streckenführung lässt uns den Hunger glatt vergessen. Durch Wäldchen, ein langes Stück über eine herrliche Naturstrasse, legen wir beinahe zwei Drittel der Strecke zurück, bis Erwin endlich unser Mittagsbänkli erspäht. Im Schatten neben Ginster, unter Feldahorn und Traubeneiche (Erwins Försterherz schlägt merklich höher) schmeckt «Chäs u Brot» unvergleichlich. Gestärkt nehmen wir die letzte Etappe unter die Räder.

«Die schwarze Spinne» auf kroatisch

Via Rysch- und Lünschberg gehts mehrheitlich asphaltierten Wanderwegen entlang, der «Lueg» (830 m ü.M.) entgegen. Vor Eggerdingen, auf einer Hochebene, wogen sanft die Gerstenfelder, weiter hinten blickt man über den Napf, an der Schrattenfluh vorbei bis in die Berner Alpen. Kein Verkehr hier oben, nur wenige Wanderer unterwegs, wohltuende Stille.
In Affoltern, wo wir die Emmentaler Schaukäserei passieren, ist mehr los. Hier tummeln sich carweise Schaulustige. Wir jedoch wittern unser Ziel und erklimmen mit bereits etwas müden Beinen die letzte Steigung zum Schufelbüel. Ein Blick hinunter nach Trachselwald, dann lassen wirs steil abwärts in vielen Kehren «gängume» nach Lützelflüh sausen. Den Zug Richtung Huttwil verpassen wir knapp und nutzen die Zeit für einen Besuch in der Gotthelfstube, direkt neben dem Pfarrhaus. Neben der Sonderausstellung «Begegnungen und Besuche im Pfarrhaus» gibts sämtliche Gotthelfwerke im Original zu bestaunen, dazu Übersetzungen in englischer, französischer, italienischer und gar kroatischer Sprache.
Wie es wohl wäre, die Strecke mal umgekehrt zu fahren, überlege ich bei der Heimfahrt im Zug. «Mit einem Taufessen à la “Schwarze Spinne” als währschaftes Zmorge – warum nicht?» meint Erwin.

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Infos zur Tour

An- und Rückreise: Die Herzroute kann dank der Anbindung an den öffentlichen Verkehr an beliebigen Stellen gestartet bzw. unterbrochen werden. Von Lützelflüh fahren Züge in Richtung Huttwil jeweils stündlich um .21 Uhr; nach Langnau um .28 Uhr, nach Burgdorf um .16/.33 Uhr. Weitere Verbindungen siehe Prospekt. Für kleinere Fahrstrecken bezahlt man statt dem Velo-Tageszuschlag von 10 bzw. 15 Franken lediglich ein zweites halbes/ganzes Streckenbillet.

Kulturelles: Am 22. Oktober jährt sich der Todestag von Albert Bitzius alias Jeremias Gotthelf zum 150. Mal. Aus diesem Anlass hat Fritz von Gunten von der Kulturmühle Lützelflüh im Emmental ein reichhaltiges Programm unter dem Motto «Auf dem Weg zum Original» zusammengestellt: Ausstellungen, Predigten, Vorträge, Filme, Ausflüge, Theateraufführungen und anderes mehr. Über dem Dorf Lützelflüh ist ein grosses Dahlienbild mit 150 Blumen angepflanzt.
Die «Lützuflüher-Spiulüt» zeigen die Theaterproduktion «Jeremias» nach dem autobiografischen Roman «Der Bauernspiegel» von Jeremias Gotthelf im Weiler Waldhaus bei Lützelflüh. Bis 3. August. (Vorverkauf und Infos unter Tel. 034 461 81 73; www.theater-luetzelflueh.ch).
Die Veranstaltungsbroschüre zum Gotthelf-Gedenkjahr ist erhältlich bei Pro Emmental, 3550 Langnau, Tel. 034 402 42 52, oder unter www.emmental.com/gotthelf.

Weitere Links:
www.herzroute.ch
www.flyer.ch

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