Über den Napf, Gopf.

Wer zwischen den bekannten Routen von Zürich nach Bern fährt, entdeckt eine andere Schweiz. Ein Tourenvorschlag für ein trockenes Winter-Wochenende mit garantiertem Aha-Erlebnis auf dem Napf.

no-image

Dres Balmer
Reisen, 27.11.2008

Neun Kilometer nach Zürich beginnt das Gebirge. Die Buchenegg ist ein richtiger kleiner Pass im Westentaschenformat mit Serpentinen und allem Drum und Dran wie Obstbäume, Leitplanken und Kuhweiden. Zwanzig Minuten lang geht es scharf aufwärts, und man muss aufpassen, dass es einem so kurz nach dem Frühstück nicht auf den Magen schlägt. Das ist auf dem Weg nach Westen der erste Moränenkamm, und weitere werden folgen: Der Mühliberg, der Zwilliker, der Lindenberg, der Erlosen und wie sie alle heissen. Eine andere Welt, Hügel um Hügel, See um See, Wald um Wald, Weide um Weide, Bauernhof um Bauernhof, Saumästerei um Saumästerei. Und mittendrin, im Kloster Muri, sind die Herzen von ein paar Habsburgern eingemauert. Überall am Strassenrand stehen Wahlplakate der SVP, grün in grün, mit dem Slogan: «Damit wir nicht Fremde im eigenen Land werden.» Dörfer mit sieben Beizen, von denen jede an einem anderen Tag sich ausruht.
Zum Beispiel Hitzkirch, eine unförmige Ansammlung von Häusern mit mordsmässiger Kathedrale, Mosterei und künstlich aufgebauter Ruinenstadt für Zivilschutzübungen. Hier steht auch das Tea-Room Hilti, wo sich die grünen Witwen treffen und über Hingis, Jackpot und Krampfadern tratschen. Ohne die guten Kuchen wäre die Ambiance nicht auszuhalten, sagt mein Begleiter Röbeli. Unsere Reise führt durch die Suisse profonde. Fremde im eigenen Land? Genau so kommen wir uns hier vor. Das kann auch positive Seiten haben. Waren Sie schon einmal auf dem Bänklein im kleinen Rosengarten bei der Kathedrale Beromünster? Oder beim Landessender, einem wahnsinnigen Stangenmast, dessen Spitze im Nebel verschwindet, so dass man denkt, er sendet seinen Hudigäggeler Fünfeinundreissig ins Weltall? Sursee, Willisau, die Qual der Wahl an schönen Dorfplätzen, die kein Fremder kennt, an gemütlichen Kneipen, in denen ausschliesslich Einheimische sitzen.
Man könnte philosophisch werden: Von Bern nach Zürich sind es in der Luftlinie bloss neunzig Kilometer. Die grossen Bahn- und Strassenachsen machen einen Bogen nach Norden, die meisten Züge und Autos legen etwa 140 Kilometer durch das Mittelland zurück. Die Südvariante über Luzern und Entlebuch ist etwa gleich lang und viel hübscher, aber etwas umständlich, und die Autofahrer bekommen Vögel. Und zwischen diesen beiden Bögen liegt die Direttissima, die keine ist, denn die Strasse muss sich immer wieder dem hügeligen bis verschachtelten Terrain anpassen, und so wird die Direttissima zur längsten Variante. Genau das Richtige für Velofahrer. Die Route führt durch unbekannte Gegenden im eigenen Land: Die drei Seen zwischen Aarau und Luzern und vor allem das Napfgebiet, geheimnisvoller Mittelpunkt der Schweiz. Und noch etwas Philosophisches: Von Bern nach Zürich braucht die Eisenbahn siebzig, ein Auto neunzig Minuten, ein Velofahrer zwei, ein Wanderer vier Tage.

Die Schweiz ist weggeknipst

Unter einem bleiernen Hochnebeldeckel sind wir in Zürich losgefahren, der, je weiter wir nach Westen kommen, noch bleierner zu werden scheint. Normale Velolustfahrer haben ihre petite reine längst gefettet und an die Wand gehängt, doch Röbeli und ich können es auch im Herbst und Winter nicht lassen, sogar in der kalten Jahreszeit zappeln die Beinchen weiter, wenn auch mit geringerer Kadenz. In Hitzkirch haben wir den Bauch aufgewärmt, ein weiterer Kaffee ist in Sursee angesagt. Auf der Strecke Sursee-Willisau scheinen sie mit dem Verkehr der A1 Konkurrenz machen zu wollen, doch neben der Strasse verläuft ein Veloweg. Als wir ein paar Kilometer nach Willisau, in Hüswil, nach links abbiegen und die Steigung zum Dach der Tour, dem Napf, unter die Räder nehmen, ist die geschäftige Schweiz wie weggeknipst. In Luthern, genau in der Kurve, wo sich die Steigung verschärft, steht der Gasthof Sonne. Auf einer Schiefertafel am Eingang steht METZGETE geschrieben. Ich sage zu Röbeli, dem Vegetarier: «Heute ist Blut- und Leberwurstwetter.» Röbeli sagt: «Wer so etwas isst, ist selber ein Schwein.»
Zwei Stunden später hängen wir den Helm an den Lenker und schalten in den kleinsten Gang. Nach vier Kilometern sind wir in Luthernbad, und hier ist die Strasse, hoppla, zu Ende. Vor uns steigt ein Bergweg senkrecht hinauf in den bleiernen Nebel. Röbeli sagt: «Ich kehre um, diesen Napf brauch ich nicht, Gopf.» Ich sage: «Oben wird goldener Sonnenschein dein Herz erfreuen, und wenn Du mitfährst, Röbeli, zahle ich dir Gopf ein Bier.» Und dann sagen wir länger als eine Stunde nichts mehr. Die bleierne Decke bekommt einen Blauschimmer, dann sehen wir auf dem Weg unsere Schatten, und plötzlich sind wir im wärmsten Sonnenschein. Noch ein paar Höhenmeterchen, und wir stehen auf dem Napf-Plateau, einer Sonnenbühne mit einem schönen, alten Hotel aus Holz. Hundert gut gelaunte Menschen blinzeln in die Sonne und geniessen das Leben, und jetzt sind es hundert und zwei.
Die Bergwanderung dauert noch eine gute Stunde bis zur nächsten Strasse, dann gibt es eine Sause hinunter nach Trubschachen. Je näher wir Bern kommen, desto schöner wird das Wetter, und wir fahren, meist leicht abwärts, mitten in die untergehende Sonne hinein, EX OCCIDENTE LUX.

Information:

Eckdaten:
Die beschriebene Tour ist 170 km lang und hat im Aufstieg rund 2’500 Höhenmeter. Route: Zürich (410) - Adliswil - Bucheneggpass (786) - Aeugstertal (ca.600) - Mühlibergpass (ca.650) - Affoltern a.A.- Ottenbach (412) - Muri AG - Müswangen/Lindenberg (860) - Hitzkirch (498) - Herlisberg (811) - Beromünster - Sursee (508) - Mauensee - Willisau - Hüswil - Luthern - Luthernbad - Napf (1408) - Trubschachen - Langnau - Signau - Grosshöchstetten - Worb - Bern (540).

Wer die Napf-Variante wählt, muss 3 Stunden anstrengende Fusswanderung einrechnen und das Velo schieben, an gewissen Stellen über Wurzeln und Stufen tragen. Wem das zu mühsam ist, der nimmt die Route Hüswil - Huttwil - Sumiswald - Langnau, und fährt dann weiter wie oben beschrieben. Diese Route ist rund 20 km länger, hat aber 900 Höhenmeter weniger.

Kost und Logis:
Jede Menge Gasthäuser stehen an der Route. Ganz aussergewöhnlich ist aber das Berggasthaus Napf, wo man auch im Winter essen und übernachten kann. Die Übernachtung mit Frühstück kostet im Massenlager Fr. 32.–, für Kinder bis 16 Jahre Fr. 22.–, im Zimmer Fr. 55.–, bzw. Fr. 40.– Tel. 034 495 54 08.

Dokumentation:
Velokarte Schweiz 1:275’000; wer es genauer nimmt, die Blätter 2, 8 und 10 der Velokarten im Massstab 1:60’000. Alle sind bei Kümmerly und Frey erschienen.

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Reisen

Durch Canyons der Märchenwelt

Reisen

Sarazenentürme, Supercrema und Steilhänge

Reisen

Zehn gute Gründe für Kolumbien