Es zieht in Andermatt. Und es regnet. Waagrecht. Im Bahnhof hängt ein Plakat, auf dem geschrieben steht: «Beim Biken Berge versetzen.» Die haben Humor. Wir nicht. Und Mut haben wir auch keinen. Und Stolz auch nicht. Hier beginnt also die Rheinroute. Warum? Der Rhein entspringt doch erst jenseits des Oberalppasses. Ach, die Geheimnisse des Velobüros. Es regnet immer noch. Die Moral ist in den Socken. Wir steigen in den Zug. Jawohl.
Oberalppass. Auf der Bündnerseite ist die Strasse trocken. Die Sonne drängt durch. Zu unseren Füssen eröffnet sich die Surselva wie ein reich gedeckter Tisch. Wir schalten auf die grösste Scheibe und aufs kleinste Ritzel, sausen hinunter. Wir radeln, und es ist die natürlichste Sache der Welt, einem fliessenden Wasser entlang zu fahren. Man spart Kraft, wenn man nicht links und rechts abweicht, um schöne Sachen anzuschauen. Dieser Versuchung kann man am Rhein tausendmal erliegen, und uns passiert es schon in Sumvitg, sieben Kilometer nach Disentis, wo wir in den kleinsten Gang schalten und hinauf nach Sogn Benedetg kriechen. Dort steht am schönsten Aussichtspunkt Peter Zumthors kleine Holzkapelle. Sie wurde vor elf Jahren geweiht und ist von einer genialen Schlichtheit.
Zum zweiten Mal erwischt es uns in Trun. Hier ist kein Umweg nötig, die Kapelle Sontg’Onna steht mitten im Dorf an der Hauptstrasse. Mehr als das Kirchlein zieht uns gleich daneben das eingefriedete Rasenplätzchen mit dem grossen Ahorn an, sozusagen das Rütli der Bündner, denn hier wurde 1424 die Ligia Grischa, der Graue Bund, beschworen. Am selben Ort, und das ist noch bemerkenswerter, befindet sich eine Art bündnerische Walhalla mit Gedenktafeln für Persönlichkeiten aus der Kultur, für cumponists, poets, scribents, schurnalists und geografs, die beigetragen haben zum gesunden Kulturbewusstsein des Bündner Oberlands.
Aber jetzt radeln! Radeln, wie das Wasser fliesst. Die grosse Strasse ist meistens auf der anderen Seite des Rheins, wir müssen nicht auf den Autoverkehr achten. Wir sind unterhalb von Ilanz auf der Strasse nach Valendas, und da taucht es links auf: das Urzeitalter. Seine Namen – Uaul Grond und Ruin Aulta – klingen wie das Heulen von Dinosauriern. Die Radler verstummen. Es hat ihnen die Sprache verschlagen. Vor etwa 14'000 Jahren stürzte hier der Berg ins Tal und versperrte dem Fluss den Weg in den Osten, doch der Fluss liess sich nicht unterkriegen, begann sich durchzuwühlen und arbeitet heute noch an der Gestaltung einer dramatischen Felslandschaft. Verrückte Menschen: Die Wunden einer Naturkatastrophe finden sie heute schön. Vielleicht braucht man in der wohlorganisierten Gegenwart die Besichtigung des Chaos? Aber dann bitte auf sichere Distanz und vom Logenplatz aus, so wie hier auf dem Strässchen im Süden des Flusses.
Die Landschaft wird offener, die Berge ziehen sich nach links und rechts zurück, der Rhein hat weitere Gewässer aufgenommen, ist jetzt in der Ebene ein stattlicher Fluss mit seinen Launen geworden; auch deshalb wurde die Stadt Chur in respektvoller Distanz gebaut. Der r(h)eine Radlergenuss beginnt. Jeder Rundtritt wird mühelos umgesetzt in vier, fünf Meter Fortbewegung. Bei Rückenwind glaubt man zu fliegen, und während des Flugs kann sich die Radlerseele einstellen auf den nächsten Leckerbissen.
Am Kistenpass
Die Route verläuft jetzt an der Perlenkette der Weindörfer in der Bündner Herrschaft: Zizers, Igis, Malans, Jenins, Maienfeld und Fläsch. Südliche Milde umkräuselt Ellbogen und Waden, doch es gibt auch ein paar kleine Steigungen zu überwinden, zum Beispiel zwischen Malans und Jenins den Kistenpass. Der wird vom einheimischen Volksmund aus naheliegenden Gründen so genannt: In Malans und Jenins gedeihen prächtige Weine, und mancher transportiert im Subaru ein Kistlein Freisamer oder Blauburgunder über die kleine Anhöhe. Der Name des «Passes» lässt sich auch anders herleiten, doch in diesem Fall übernachten Auto- und VelofahrerInnen gescheiter in einem der urchigen Gasthäuser. Wein wird hier seit Urzeiten angebaut, doch ein paar Produzenten denken mehr an die Zukunft als an die Vergangenheit, probieren mit grossem Erfolg den Anbau neuer Sorten aus. Je nach Tageszeit werden sich die RadlerInnen mehr oder weniger intensiv mit der regionalen Weinkultur beschäftigen.
Bei Fläsch überqueren wir den Rhein hinüber auf dessen linke Seite. Wir haben Rückenwind, am Himmel spielen Cirren, und die Vögel veranstalten ein Morgenkonzert. Da sticht uns die Velomücke: Wir pedalen wie von Sinnen über den Rheindamm, ein seidenglattes Asphaltband, auf dem kein Motorfahrzeug fahren darf, auf das man Acht geben müsste, und mit den SpaziergängerInnen kommen wir mit ein wenig Rücksicht ohne weiteres zurecht. Fast möchte man hier die Ode auf den Asphalt anstimmen, denn es gibt nichts Schöneres, als auf schmalen Reifen über die glatte Fläche zu fegen, den Rhythmus zu finden, so dass man auch bei hoher Geschwindigkeit nicht ausser Atem gerät. So sehr gefällt uns das rheinische Radeln, dass wir sogar die Abzweigung Buchs, die uns zum putzigen Städtchen Werdenberg führen würde, links liegen lassen.
Fast ein Meer
Noch eine gute Stunde, und wir stehen am Bodensee. Oder am Bodenmeer. Es riecht nach unendlicher Weite, das gegenüberliegende Ufer versteckt sich im Dunst. Doch das vermeintliche Meer fliesst weiter, der See ist bloss eine Verbreiterung des Flusses, und am Südufer sehen, hören und riechen wir so viele Autos wie schon lange nicht mehr. Freilich ist Mammern elegant und Stein am Rhein gepflegt, der Rheinfall rauscht mächtig, und das Zürcher Südufer ist behäbig, doch der Rhein ist so ruhig geworden, bleiern grün wie gegossen liegt er in seinem Bett, und die Berge sind weit hinter uns. Dafür liegt Europa gleich vis-à-vis, und bis Basel werden wir einige Male schwindeln und ein paar Kilometer auf der deutschen Seite zurücklegen. Vater Rhein wird nichts dagegen haben.
Information:
Allgemein:Die familienfreundliche Rhein-Route ist von Andermatt über Chur, St.Margrethen und Schaffhausen bis Basel 424 Kilometer lang. Davon sind 80 km ungeteert. 1550 Höhenmeter. Der obere Teil bis zum Bodensee ist landschaftlich abwechslungsreicher, die Route (auto)verkehrsärmer. Die ganze Strecke ist ausgeschildert und vom öffentlichen Verkehr gut erschlossen.
Dokumentation:
Band 1 des offiziellen Routenführers Veloland Schweiz, Werd Verlag Zürich, Fr. 37.80







