Radeln wie die Ostfriesen

Wer es auf dem Velo gern geruhsam hat, ist auf den Ostfriesischen Inseln – speziell Juist und Langeoog – am richtigen Ort. Hier rollen Hunderte, Tausende durch die frische Meeresluft. Unter ihnen der velojournal-Reporter Dres Balmer.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 12.05.2000

 Die Geografie ist etwas verwirrend: Die sieben Inseln liegen eindeutig im Westen des obersten Teils von Deutschland, und dennoch heissen sie die Ostfriesischen, und sie haben schwierige, geheimnisvolle Namen. Jedes deutsche Kind lernt im Geografie-Unterricht dieses Sprüchlein: Welcher Seemann Liegt Bei Nanni Im Bett? Aufgeschlüsselt, von Ost nach West: Wangerooge, Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney, Juist und Borkum.

Dicke Gardinen

Die Natur ist gewaltig, besteht aus den wenigen Elementen Himmel, Meer, Wind und Sand. Sand, wo man hinblickt. Die Binsen, die den Sand halten, stehen unter Schutz, denn ohne sie würden die Inseln vom Wind weggetragen, Sandkorn für Sandkorn, und in hundert Jahren müsste man sagen: Adieu, Ostfriesische Inseln, das wars. Und noch ein Element, von Menschen gemacht: Rote Backsteine. Die Strassen sind aus roten Fliesen, die niederen Häuser aus roten Backsteinen. Sie haben grosse Fenster und dicke Gardinen, wie man hier sagt. Gardinen sind dicker als Vorhänge, und im Flachen ist das Bedürfnis nach Geborgenheit gross. Darum Gardinen. Zehn Kilometer weiter westlich leben die Niederländer – ohne Vorhänge.

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«Moin!»...

Die Insel Juist – «Jüüüst» ausgesprochen – wird als die natürlichste gelobt. Sie ist autofrei, nicht aber flugzeugfrei: Vom Flugplatz ziehen Motorsegler den ganzen Tag ihre Runden und bescheren der ganzen Insel ununterbrochenen Fluglärm. Man kann auf der langgezogenen Insel dreissig Kilometer Velo fahren, immer auf sehr guten Fliesenpisten, die wir mit Hunderten anderer Radler teilen. Die Mieträder quietschen etwas unter den schweren Festlandpos. Radeln hier ist königlich und nie schneller als 9 km/h, doch Spaziergänger können keine zehn Schritte machen, ohne weggeklingelt zu werden. Plötzlich rufe ich den anderen Velofahrern «Moin!» zu. Die Radler sind zuerst verwirrt, dann grüssen sie zurück: «Moin moin!» Nun grüssen auch andere: «Moin!», und bald ruft es auf allen Velowegen in allen Richtungen: «Moin!» – «Moin moin!». «Moin – Moin moin!».

...grüssen sich Bergler und Insulaner

Nach Langeoog legt unsere Fähre im Hafen von Bensersiel am späten Nachmittag ab. Sie fährt auf dem abfliessenden Wasser im Priel nach Norden. Die Sonne nähert sich dem Horizont und verwandelt das nasse Watt in eine silberne Fläche, auf dem sich Spaziergänger bewegen. Kinder tollen herum, Hunde rasen Möwen nach. Im Hintergrund drehen sich Windräder. Auch Langeoog ist autofrei. In einer Kneipe kommen wir mit Ulff ins Gespräch. Er kennt die Schweiz, denn er hat als Koch in Schuls gearbeitet. Dann hielt er es vor Heimweh nicht mehr aus. «Ach, diese Berge ringsum!» stöhnt er. «Ach, und dieser unendliche Horizont hier!» lachen wir. Dann trinken die Bergler und der Insulaner noch ein Bier. «Auf eure tausend Berge!» sagt der Insulaner. «Auf eure sieben Inseln!» sagen die Bergler. Bald ist es Mitternacht. Die Kurgäste schlafen schon, ermattet von der kräftigen Meeresluft.

ImageDie Alp im Meer

Velofahrer finden in Langeoog die schönsten Pisten. Und noch etwas: Hier ist das einzige Tal auf den Ostfriesischen Inseln, das Pirola-Tal. Die mit Binsen überwachsenen Dünen auf beiden Seiten sind zwanzig, dreissig Meter hoch, was hier schon hochalpin ist. Wir haben uns in wenigen Tagen schon so sehr an die flachen Horizonte gewöhnt, dass uns das Tälchen exotisch vorkommt. Vor uns fährt ein Mann in Gummistiefeln. Wir radeln zu ihm, sagen «Moin». Er sagt: «Moin moin». Ich frage, ob er zum Fischen fahre. Er: «Nö, ich fahre zu meinem Vieh». Ich denke, er macht einen Witz, doch er sagt: «Sie werden gleich sehen». Und tatsächlich: Noch eine Kurve, und da weiden Rinder. Ich: «Wie viel Stück?» Er: «Hundertachtzig». Dann erklärt er, dass er dieses Vieh, das im Winter auf dem Festland lebt, hier sömmert. Er hat also eine Art Flachland-Alp.

Teerunde mit Kandiszucker

Den Besuchern von Spiekeroog wird dringend abgeraten, Fahrräder auf der Fähre mitzunehmen. Es lebe der kleine Unterschied: Spiekeroog, die einzige Ostfriesische Insel ohne Veloverleih, versucht mit Erfolg, sich als reine Fussgängerinsel zu propagieren. Hier radeln nur Einheimische. Im Dorf steht unter mächtigen Linden ein Gasthaus mit einer Terrasse. Es ist Zeit für die ostfriesische Tee-Zeremonie. Dazu gehören das Stövchen (Réchaud) für den Teekrug, ein Töpfchen mit Rahm und eines mit den Kluntjes, dem weissen Kandiszucker. Die Tasse ist aus dünnem Porzellan. Man gibt den Kandiszucker ins Tässchen, giesst den Tee darüber und lauscht, wie der Zucker sich knisternd auflöst. Dann legt man einen Löffel Rahm behutsam in den Tee, ohne umzurühren, schaut zu, wie sich Tee und Rahm von selber vermischen. Vielleicht werden wir auf den Ostfriesischen Inseln zu Teetrinkern.

ImageInformation:

Allgemein:
Die Ostfriesischen Inseln und das Watt vermitteln ein elementares Naturerlebnis. Von Insel zu Insel zu reisen, ist aufwändig. Erholsamer ist es, auf eine Insel zu fahren und dort ein paar ruhige Tage zu bleiben.

Beste Reisezeit:
Sommer. Kenner schwärmen aber auch von Aufenthalten im Winter.

An- und Rückreise:
Emden und Norddeich-Mole sind per Bahn erreichbar via Dortmund, Bremen und Münster. Zum Beispiel: Der City Night Liner 470 verlässt Zürich um 20h45. Nach Umsteigen in Dortmund auf den IR 2316 ist man am nächsten Morgen um 8h25 in Emden. Die Abfahrtszeiten der Fähren variieren je nach Gezeiten von Tag zu Tag. Man muss sich vor Ort informieren. Die Fährhäfen von Emden, Norddeich, Nessmersiel, Bensersiel, Neuharlingersiel und Carolinensiel sind untereinander durch den sog. Bäderbus verbunden.

Kost & Logis:
Auf allen Inseln stehen rund ums Jahr zahllose Restaurants, Hotels und Privatunterkünfte zur Verfügung.

Tipps:
Geführte Wattwanderungen werden auf allen Inseln angeboten. Führerlos sollte sich niemand ins Watt wagen. Für die Inselstrecken (max. 30 km) lohnt es sich nicht, ein Velo aus der Schweiz mitzunehmen. Die Mietvelos auf den Inseln sind ausreichend. Für Radler sind Juist und Langeoog, für Spaziergänger Baltrum und Spiekeroog am schönsten.

Dokumentation:
Reiseführer Marco Polo, Ostfriesische Inseln, Ostfildern 1999, 116 S., Fr. 14.80. Weitere Auskünfte bei der Deutschen Zentrale für Tourismus, Talstrasse 62, 8001 Zürich, Tel. 01 213 22 00, Fax 01 212 01 75 oder bei der Informationsstelle Deutsches Küstenland, Findorffstrasse 105, D-28215 Bremen, Tel. 0049 421 308 00 39, Fax 0049 421 308 00 36.

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