Radeln durch inszenierte Landschaft

Am Grossglockner wurde die erste reine Vergnügungsstrasse für Autofahrer gebaut, perfekt und ästhetisch. Keiner muss hier durch. Das Monument automobilistischen Alpensinns kann man aber auch mit dem Velo besichtigen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 17.05.2002

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Grossglockner: Die Route ist auf weite Strecken mit mutwilliger Verspieltheit ins Terrain gelegt, stets auf der Suche nach neuen Ausblicken.

Im Sommer 1960 fuhren wir im blauen Opel Kapitän meines Onkels über die Grossglockner Hochalpenstrasse (2505 m.ü.M.), welche offizielle Bezeichnung uns Berner Oberländer Kinder belustigte. Wir hielten an der Mautstelle, wo man für die Autofahrt durchs Hochgebirge zahlen muss, und der Opel bekam eine Vignette aufgeklebt, ein rotes G, in dem vor dem schneestarrenden Grossglockner ein Phantom-Auto eine Serpentine nahm. Dass es ausgerechnet ein blauer Opel Kapitän war, fassten wir als besondere Fügung auf, die dem Ausflug einen tieferen Sinn verlieh. Die Formalitäten an der Mautstelle erfüllten einen mit der Überzeugung, die Alpen mit dem Auto zu erobern. Ein Bewusstsein für velozipedischen Heroismus hatte ich noch nicht, obwohl täglich Hunderte Radler ihren Eingänger den Pass hochschoben. Die Glocknergeschichte ist so spannend, dass man sie kurz erzählen muss, auch wenns ein wenig autolastig wird. Doch mit den Autos haben wir Radler ja täglich zu tun, und Feindschaften muss man pflegen.
Um 1930 wurde in Deutschland mit dem Bau der Autobahnen begonnen, obwohl Autofahren Privileg einer Oberschicht war. Erstaunlicherweise nahm bis 1939 die Zahl der Motorfahrzeuge trotz wirtschaftlicher Not zu. Auch nach dem Krieg war die Begeisterung der Flachländer für die Alpen ungebrochen, und die automobile Eroberung des Gebirges konnte beginnen. Im wahren Märchen der Glocknerstrasse spielten der Ingenieur Franz Wallack (1887–1966) und der salzburgische Landeshauptmann Franz Rehrl (1890–1947) die Hauptrollen. Rehrl fragte Wallack 1924, ob er bereit sei, nahe beim Grossglockner, dem höchsten Berg Österreichs, eine Passstrasse über die Hohen Tauern zu bauen. Wallack sagte «Freilich» und begann mit der Planung. Es gab viele Schwierigkeiten zu überwinden. Materielle und politische. Rehrl erhoffte sich eine Steigerung der touristischen Attraktivität des Landes Salzburg und des eigenen Prestiges. Er sah sich gerne als «Schöpfer» der Passstrasse, während er Wallack als «Erbauer» bezeichnete.

Eröffnung mitten im politischen Umbruch

Die pompöse Eröffnung fand im August 1935 statt, und an ihr zeigte sich die Zerrissenheit des Landes. Im Jahr zuvor war Bundeskanzler Engelbert Dollfuss von den Nazis ermordet worden, seit 1933 litt Österreich unter einem von Hitler angeordneten, verheerenden Fremdenverkehrsboykott. Dieser Boykott wurde im August 1935 von den Nazis gelockert, und bei der Einweihung waren neben der offiziellen Delegation aus dem Reich auch zahlreiche deutsche Besucher anwesend. Die verschiedenen Redner bekannten sich zwar zur Unabhängigkeit Österreichs, doch am Fuscher Törl wehte neben den anderen Flaggen auch die gesetzlich verbotene Hakenkreuzfahne, welche von manchen Zeitungen wegretouchiert, von anderen ganz im Gegenteil in den Vordergrund gerückt wurde; Nazis waren aber weder Rehrl noch Wallack.

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Gnadenlose Steigungen – bis 14 Prozent. Dres Balmer trampelt und träumt vom blauen Opel des Onkels.

Verspielte Streckenführung

Die Glocknerstrasse ist nicht wie die Nachbarpässe Brenner (1374 m.ü.M.) und Radstädter Tauernpass (1739 m.ü.M.) die moderne Ausformung eines seit Jahrhunderten benützten Übergangs. Von Anfang an wurde die Strasse zum reinen Fahrvergnügen gebaut, dieser Zweckbestimmung entspricht die Anlage ganz und gar, und auch wir Radler können sie geniessen – und erleiden. Die Route ist auf weite Strecken mit mutwilliger Verspieltheit ins Terrain gelegt, führt, stets auf der Suche nach neuen Ausblicken, noch um diesen Kogel herum und an jenem künstlich gestauten Bergteich entlang. Wer hier durchfährt, hat ein inszeniertes Landschaftserlebnis. Dazu gehören neben den Gasthäusern und Souvenirläden auch Lehrpfade und Ausstellungen, die Flora und Fauna in der empfindlichen Ökologie sowie die Baugeschichte zum Thema haben. So gesehen und unter Abzug der Auspuffgase und des Lärms wäre an der Glocknerstrasse ein neues Zeitalter angebrochen, das ökologische. Die Technik und die Natur, scheint es, liegen in inniger Umarmung. Bei so viel Harmonie kann es einem zuweilen mulmig werden.
Die Entwicklung hat Franz Rehrls Visionen bestätigt. Nach der Eröffnung setzte der Ansturm ein. 1938 befuhren über 300’000 Personen die Glocknerstrasse, die höchsten Zahlen, bis 1,5 Millionen, waren 1960–1980 zu verzeichnen. Seither hat sich die jährliche Besucherzahl bei einer Million eingependelt. Was Wallack ahnte, ist eingetreten: Die Felbertauernstrasse und die Tauernautobahn übernehmen den Transitverkehr, die Glocknerstrasse dient freizeitlichem Fahrspass. Am Glockner lassen sich Eigenheiten motorisierten Genussfahrens ablesen. So wurden im Jahr 1955 etwa 48’000 Motorräder gezählt, 1961 dagegen weniger als 3000, und heute nähern sich die Zahlen der motorisierten Zweiräder wieder denjenigen der Fünfzigerjahre. Nirgends wird entspannter gefahren als am Glockner, denn durch müssen tut hier keiner, und Lastwagen gibts keine. Wer hier unterwegs ist, hat Zeit und Geld, die hochalpine Auto- oder Motorradfahrt zu zelebrieren, nimmt es locker. Ähnlich wie mit den Motorradfahrern verhält es sich statistisch mit den Velofahrern, die den Grossglockner unter die Räder nehmen und von Seiten der Motorisierten, die ein schlechtes Gewissen haben, höchsten Respekt geniessen. Als einzige Besucher auf Rädern zahlen Radler keine Maut, dafür können sie sich für die Radtour eine Urkunde ausstellen lassen, auf der die elektronisch erhobene Fahrzeit verewigt wird.

Ein harter Brocken

Die Radler sind, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, etwas weniger locker als die Motorisierten, denn die Glocknerstrasse gehört zu den härtesten Brocken in den Alpen. Die Steigung ist durchgehend bei gnadenlosen 10 bis 12, mit Spitzen bis 14 Prozent. Der Atem geht schwer, der Schweiss tropft auf den Lenker, eine kleinere Übersetzung ist nicht zu finden. Als ich auf der Edelweissspitze bei einem Radler (= Panaché) und einer Wurstsemmel sitze, schiebt mir die Kellnerin einen Schemel unter die müden Waden. Da entspannen sich meine Bein- und Gesichtsmuskeln, ich werde schläfrig und träume vom blauen Opel Kapitän meines Onkels. Wenn er noch lebte, würde ich ihm eine Postkarte schreiben.

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Information:

Steckbrief:
Der Grossglockner (2505 m.ü.M.) ist einer der schönsten Pässe in den Alpen. Distanzen: Bruck a.d. Grossglocknerstrasse (755 m.ü.M.) – Fuscher Törl (2502 m.ü.M.) 27 km. Fuscher Törl – Heiligenblut (1288 m.ü.M.) 21 km. Abzweiger Nordrampe: Fuscher Törl (2502 m.ü.M.) – Edelweissspitze (2577 m.ü.M.) 1 km. Abzweiger Südrampe: Kasereck (1859 m.ü.M.) – Franz Josephs-Höhe (2362 m.ü.M.) 8 km. Wer den Grossglockner von Nord nach Süd samt den Ablegern befährt, kommt auf rund 2500 Höhenmeter. Viel Spass!

Anfahrt:
Mit dem Zug z.B. Zürich ab 9.33 Uhr via Innsbruck nach Zell am See an 15.17 Uhr. In diesem Zug kann das Velo im Selbstverlad mitgenommen werden. Von Zell am See bis Bruck sind es 5 km. Wer eine Nord-Süd-Überquerung plant, kann von Heiligenblut weiterfahren nach Spittal und dort den Zug zurück nach Innsbruck nehmen.

Unterkunft:
Am besten gefiel es uns beim Mankeiwirt an der Fuscher Lacke, einen Kilometer nach dem Fuscher Törl, auf der Südrampe. Hier gibt es einfache Zimmer, gutes Essen, und man ist mitten im Geschehen.
Tel. 0043 654 56 77 90.

Literatur:
Georg Rigele, Die Grossglockner-Hochalpenstrasse. Zur Geschichte eines österreichischen Monuments, Wien 1998.

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