Per Rad durchs Reich der Pharaonen

Wer Wüsten liebt, auf perfekte Asphaltstrassen nicht verzichten möchte und jahrtausendealte Kulturgüter besichtigen möchte, ist mit Ägypten gut beraten. Die Fahrradreise führt von Kairo nach Luxor – nicht dem Nil entlang, sondern durch die Oasen der libyschen Wüste.

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Markus Greter, Autor (markus@bikeforever.ch)
Reisen, 12.12.2008

Gleich bei den Pyramiden am Stadtrand von Kairo verwandelt sich das urbane Leben in ein unendliches Meer aus Sand und Kies. Nichts liegt vor uns ausser 1400 Kilometer Wüstenstrasse mit vier Oasenstädten. Die Strecke in die erste Oase, Bahariya, misst 340 Kilometer und präsentiert sich als meist schnurgerades Asphaltband durch die flache Wüste. Wir rechnen vorsichtig mit fünf Tagen und führen entsprechende Mengen von Wasser und Essen mit. Was das Essen betrifft, mag dies richtig sein. Zu viel Wasser mitzuschleppen erweist sich angesichts der alle 100 oder 200 Kilometer anzutreffenden Erste-Hilfe-Stationen aber als unnötig. Die Angestellten freuen sich stets über Besuch und decken uns Radler mit Tee, Wasser und guten Gesprächen ein.

Abu SimbelDer Bauernhof von Dr. Badr

Zwischen Bahariya und Farafra erhebt sich eine der imposantesten Attraktionen des Landes: die «Weisse Wüste». Das kalkhaltige, weisse Gestein wurde während Jahrtausenden von Sand und Wind zu fantastischen Figuren geschliffen – zu überdimensionierten Pilzen, Säulen, Köpfen oder Fabelwesen. Unvergesslich ist die Nacht unter einem der riesigen Pilze, sensationell die Fahrt durch diese märchenhafte Szenerie. Vor allem bei Vollmond zieht die «Weisse Wüste» zahlreiche Einheimische und Touristen an. Die Folgen sind spür- und sichtbar: Fliegenschwärme streiten sich um die liegen gelassenen Abfälle, und in den Büschen weht das Klopapier.
Wer nicht gern zeltet und abends ein bequemes Sofa oder Bett vorzieht, hat in der Wüste nichts verloren. Es sei denn, er sucht Dr. Badr auf. Ein wunderschönes Schild am Strassenrand verkündet in grossen Lettern: «Dr. Badr, Archäologe. Willkommen! Freie Auskunft und Unterkunft mit Schwimmbad, in Freundschaft und Liebe!» Wir biegen in ein sandiges Strässchen und finden bald den kleinen Garten Eden: Obstbäume spriessen aus dem bewässerten Boden, ein Esel frisst frisches Gras zwischen den Dattelpalmen, und mitten in diesem winzigen Paradies erhebt sich das Lehmhaus des gastfreundlichen Ägypters. In unserem Reiseführer findet sich zwischen zwei Zeilen der Vermerk, dass der Besitzer Deutsch studiert habe, in Kairo an der Universität doziere und auch in Abwesenheit alle Radler willkommen heisse – mit vollen Wasserkrügen und Korbstühlen auf dem gedeckten Vorplatz. Nur mit dem Schwimmbad hapert es.
Doch kommt wenig später auf die Rechnung, wer mitten in der Sahara schwimmen möchte: Bei Farafra sprudelt heisses Quellwasser aus dem Wüstenboden und wird in einem grossen Becken gefasst. Wer geglaubt hat, in der Wüste gebe es nur Sand, sieht sich hier auf dem Holzweg: Zuerst der Bauernhof von Dr. Badr, und jetzt auch noch ein Freiluftschwimmbad!

Bilderbuch-Oasen: Bald Vergangenheit?

Die prächtigste aller Oasen ist zweifelsohne Dakhla mit verschiedenen Dörfern, die sich auf einer Distanz von rund 50 Kilometern erstrecken. Spätestens jetzt findet der romantisch verklärte Tourist die Oase wie aus dem Bilderbuch, zum Beispiel Al Qasr mit seiner Altstadt, seinen Minaretten und verwinkelten Gassen. Doch ein Ortsansässiger spielt Teufelchen und fragt, ob uns aufgefallen sei, dass hier keine Mücken zu beklagen seien. Die Oase, meint er, werde mit dem hoch giftigen Insektizid DDT behandelt.
Auch durch das Projekt «New Valley» der ägyptischen Regierung wird die verschlafene Entrücktheit bedroht. Wasser aus dem weit entfernten Nil soll durch gigantische Kanäle bis in die Wüste geleitet werden, um sie fruchtbar zu machen. Einige Abschnitte sind bereits gebaut und die ersten, gesichtslosen Städte wurden aus dem Boden gestampft. Millionen von Menschen sollen dereinst zur Entlastung des Niltals umgesiedelt werden. Inzwischen formiert sich Widerstand: Es wird damit gerechnet, dass ein Grossteil des umgeleiteten Wassers bereits auf dem Weg zur ersten Oase verdunstet, derweil das kostbare Nass die bestehenden Felder im Niltal gar nicht mehr erreichen kann. Falls die Regierung den Bau fortsetzt, wird ein Problem aus dem Weg geräumt und mit einigen Milliarden ein neues, noch viel grösseres geschaffen.

Krokodile und Polizisten am Nil

Der letzte Teil unserer Reise führt von Kharga nach Luxor über ein wunderschönes, bergiges Hochplateau. Als wir den Nil erreichen, liegt ein metergrosses Ding auf der Strasse, das den erschrockenen Ausruf «Hilfe, ein Krokodil!» provoziert. Doch genaues Hinschauen ergibt, dass es sich erstens nur um eine Riesenechse handelt und dass, zweitens, das arme Tier mausetot ist. Allerdings ist die Krokodilphobie nicht ganz unbegründet. Seit dem Bau des Staudamms vermehren sich die Tiere im Nassersee und im nahen Sudan explosionsartig. Wer die Krokodile nicht unbedingt im Schlafsack will, wählt den Zeltplatz mit Vorteil etwas abseits des Wassers.
Die letzten 20 Kilometer dem Nil entlang nach Luxor vermitteln uns einen Eindruck über die Schwierigkeit des Radelns in den urbanen Gebieten. An den Checkpoints warten wir stundenlang, bis uns die Weiterfahrt bewilligt wird, und am Ende fahren wir mit einer Polizeieskorte in die Stadt ein. Nach dem Luxor-Attentat im Jahr 1997 sind die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft und der Individualverkehr entlang dem Nil weit gehend verboten worden. Die libysche Wüste ist deshalb nicht nur die interessantere Strecke von Nord nach Süd, sondern auch die einzig befahrbare Strecke.
Luxor besticht mit Königsgräbern und Tempeln. Die Erste-Hilfe-Stationen der Wüste würden hier möglicherweise mehr Sinn machen – zumindest für jene begeisterten Velofahrer, denen angesichts von so viel Kultur der Atem stockt, oder die mit den Heerscharen von Touristen kollidieren.

ImageInformationen:

Beste Reisezeit:
Winter. Im Sommer zu heiss.

Anreise:
Per Flugzeug Zürich–Kairo und zurück mit Malev via Budapest ab 450 Franken, direkt mit Egypt Air ab 770 Franken. Von Luxor nach Kairo per Eisenbahn, Bus oder Schiff.

Visum:
Bei der Ankunft in Ägypten erhältlich.

Infrastruktur:
In den Oasen einfache Unterkünfte. In Luxor Hotels aller Preisklassen. Für die Veloreise in der Wüste braucht es Zelt und Kochausrüstung. Ein Katadynfilter ist nicht nötig. Der Verkehr ist gering, die Strassen sind mehrheitlich flach und komplett asphaltiert.

markusgreter@gmx.ch , www.bikeforever.ch

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