Pedaldarwinismus

Eine der Traumstrassen der Welt heisst Stuart Highway und durchquert Australien von Nord nach Süd. Alle raten von dieser Velotour ab. Dres Balmer war dies Grund genug, sie zu unternehmen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 21.01.2000

The Track, wie dieser Highway auch genannt wird, ist ungeheuer und eindeutig. Er führt von Darwin im Norden nach Adelaide im Süden, über 3’000 Kilometer durch das Outback, also durch extreme Natur und verlassenstes Menschen-Nichts. Von den Tropen durch Steppen und Halbwüsten in die gemässigte Zone. Verlassenheit? Ausserhalb der Ortschaften begegneten wir während eines Monats auf der Strasse ganzen fünf nicht motorisierten Menschen: vier Radlern und einem Wanderer.
Freunde haben The Track schon mit dem Auto bereist, sagen, es sei die langweiligste Reise, die man machen könne. Sie raten ab, denn jeeeh diese Hitze, und joooh, diese hochgefährlichen road trains und juuuh, diese Distanzen, die wir uns in Schnottwil gar nicht vorstellen können und jiiih alles arschflach. Als ob ein Arsch flach wäre. Sie bringen alle Argumente, die geeignet sind, im Kopf riesige Hindernisse aufzubauen, und die sich im Lauf der Reise alle als falsch erweisen.
Die Equipe – eine Frau und acht Männer – ist eine Mischung aus Italien, der Schweiz und Deutschland. Die einzige Frau ist Fotografin und hat den härtesten Job, denn wir fahren ohne Begleitfahrzeug. Die ersten Tage sind schwierig. Man kennt sich noch nicht, die einen sehen den Sinn des Windschattenfahrens nicht ein, andere verstehen nicht, warum wir schon um fünf Uhr losfahren. Zwei stellen sich als Debütanten heraus, schämen sich und leiden die erste Woche wie die Hunde, zäh und stumm. Einem schmerzt das Knie, dem anderen das Gemüt. Die Gruppentherapie übernehmen die Natur und der kollektive Wahnsinn. Nach Tagen im Gegenwind und Temperaturen bis 45 Grad ist es sieben klar, warum wir früh und im Pulk losfahren und dass es so am besten geht. Zwei kämpfen einzeln gegen die Elemente, doch alle Neun kommen durch. Übrigens gibt es während rund 3’500 km Windschattenfahren keinen einzigen(!) Sturz; Glück muss man also auch noch haben.
Bald begreifen wir, warum Normalos unser Unternehmen verrückt finden. Am Track gibt es kaum Landschaften, bei denen die Autofahrer anhalten und die Kamera zücken; das tun einige nur, wenn sie am flimmernden Horizont als willkommene Abwechslung uns erblicken. Wir fahren durch eine Aussenwelt, die sich sehr langsam verändert. Das ist Balsam für die Innenwelt, und man hat ein anderes Landschaftserlebnis.
Die Aussenwelt und die Innenwelt treten in eine ebenso intensive wie fragile Beziehung zueinander, und die hängt am Asphaltband, auf dem wir durch die Wildnis fahren. Wer um die Mittagszeit anhalten muss, schwitzt doppelt so viel Wasser wie beim Fahren. Das Staunen verwandelt sich in Erschrecken. Ohne Velo und Strasse, ohne den Willen, mit ersterem auf zweiterem voran zu kommen, wären wir verloren.
Im Norden scheint das Unternehmen aussichtslos. Dann wird die Gruppe täglich besser. Wir einigen uns beim Windschattenfahren auf Ablösungen von einem Kilometer. Wer gerade keinen Saft hat, lässt seine Ablösungen aus, wer gut drauf ist, übernimmt zwei Kilometer. Das Meiste ergibt sich von selber, denn das Tagesziel heisst Roadhouse und das Reiseziel Adelaide. Anfangs zeichnen sich zwei Positionen ab. Die einen wollen «wissenschaftlich» radeln, reden stets von Trittfrequenzen, Kalorien, Mineralien, richtiger Ernährung und Abstinenz. Die anderen holen ihre Kraft aus der Lebenslust, was nicht immer der Logik entspricht, aber mehr Spass macht und ungeahnte Energien freisetzt. Etwa in der Hälfte bricht ausgerechnet der Hauptvertreter der wissenschaftlichen Richtung zusammen. Er sagt: «Mein Arsch ist durchgesessen», muss per Greyhound voraus reisen und vier Tage aussetzen. Brutal. So entsteht das grausame Bonmot vom Pedaldarwinismus. Image
Eine Radreise auf dem Stuart Highway ist eine Erfahrung, wie sie umfassender und – in ihren Einzelteilen – gegensätzlicher nicht sein könnte. Eine Stunde vor Tagesanbruch rollt man das Zelt zusammen, würgt das hinunter, was man im Junk-Laden des Roadhouses gefunden hat, ein paar Biscuits, Schokolade, mit einigem Glück sogar ein Joghurt oder eine Banane. Noch im Dunkeln fährt man los, und da befällt jeden die Sinnkrise, jeder denkt: Warum gerade the Track, warum gerade wir, und warum gerade auf dem Velo? Jeden Morgen spürt man den Schlafmangel stärker, man findet den runden Tritt nicht und ersehnt einen klimatisierten Camper. Dann geht die Sonne auf, beginnen die schönsten drei Stunden, wenn die Vögel ihr verrücktes Konzert beginnen und unsere langen Schatten über die Steppe huschen. Da sind alle überzeugt, es könne gar nichts Anderes sein als der Stuart Highway.
Um neun Uhr heizt die Sonne schon mächtig, und dann brechen die Stunden der Wahrheit an. Die Fliegen kommen und suchen in Mundwinkeln und Augen nach Menschensaft. Sie lassen einen erst ab 20 km/h in Ruhe, setzen sich auf unsere Rücken und trinken Schweiss. Die Sonne und die Temperatur steigt und steigt. Wie heiss es wirklich ist, spürt man, wenn man anhält und keinen Fahrtwind mehr hat. Also weiter, immer auf der Suche nach der idealen Geschwindigkeit. So ist, unglaublich aber wahr, die Affenhitze bald kein Thema mehr. Um die Mittagsstunden fährt man auf seinem eigenen schmalen Schatten, die Sonne steht senkrecht. Dann bricht das grosse Schweigen aus, und jeder hat nur noch das Tagesziel im Kopf. Thomas teilt mit, es seien noch 25 Kilometer zu fahren. Olaf zieht vorne wie ein Muni. Alle hängen sich an sein Rad. Niemand murrt, Olaf zieht immer noch. Wir haben Fata Morganas, sehen verzückt den Krug Bier auf dem Tresen, das Schwimmbad, das Bett. Wenn dann endlich das schlichteste Roadhouse auftaucht, kommt es uns vor wie ein versilberter Palast. Wenn wir gar in einer der Wildweststädte Australiens ankommen, wähnen wir uns jeweils in einer Kapitale irdischer Glückseligkeit.

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Information:

Stuart Highway heisst die 3’014 km lange Strasse von Darwin nach Port Augusta. Die attraktive Schlaufe in den Kakadu-Nationalpark im hohen Norden verlängert die Reise um 300 km. Von Port Augusta bis Adelaide kommen 221 km dazu; schöner und doppelt so lang ist es, weiter östlich nach Adelaide zu fahren. Die logistische Basis sind die Roadhouses (Motels mit Zeltplatz und schlichtem Restaurant und Laden), die max. 250 km weit auseinander liegen.

Wasser: Wir tranken pro Person und 35 km einen Liter. Trinkwassertanks stehen etwa alle 100 km.

Radler in Not machen Autostop. Wir legten die rund 3’500 km in 24 Radeltagen zurück. Tagesschnitt: 145 km. Dazu kamen zehn Ruhetage in Darwin, Alice Springs, Coober Pedy und Adelaide. Zwischen den Roadhouses wild gezeltet haben wir dreimal.

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