Nach Warholien

Die Slowakei ist ein unbekanntes und – vor allem im hügeligen Norden – ein sehr attraktives Veloland für entdeckungsfreudige Leute, die vor Improvisation keine Angst haben. Ein Land auch, in welchem die Zeit stehen geblieben ist, mit hilfsbereiten, ehrlichen Leuten und kaum Verkehr.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 26.01.2001

 «My mother would read me in her thick Czechoslovakian accent as best as she could and I would always say 'Thanks, Mum’, after she finished with Dick Tracy, even if I hadn't understood a word.»
Andy Warhol


Die Eltern von Andy Warhol (1928–1987) waren Ruthenen und aus dem nordöstlichsten Zipfel der Slowakei, aus Miková, in die USA ausgewandert. Auf dem Friedhof Miková stehen die Grabsteine von Andys Sippe, die hierzulande Warhola heisst. Andy Warhol hat die Heimat seiner Eltern nie besucht. Im nahen Hauptort Medzilaborce steht aber ein Warhol-Museum, das der Künstler in seinem Testament mit ein paar Gaben bedacht hat.

Der pataphysische Veloclub auf Pilgerfahrt Für den pataphysischen Veloclub ist dieses Museum Grund genug, eine warholische Pilgerfahrt nach Medzilaborce zu unternehmen und eine Route zu erkunden, die nördlicher liegt als diejenige, die wir im vj 5/96 vorgestellt haben. Auch für diese Variante liegt das Tor zum Orient in Wien, denn zur Slowakei gibt es nur zwei Übergänge bei Bratislava, obwohl die beiden Länder etwa 80 km gemeinsame Grenze haben. Nach Bratislava folgen wir dem Grenzflüsschen March in nördlicher Richtung. Da ist sogar ein ausgeschilderter Veloweg durch idyllische Flussauen mit zerfallenden Wachttürmen. Die Erste Welt und die Zweite Welt scheinen Rücken an Rücken zu leben.

Der Kaiser von China im Kurort

Ganz wunderbar kommt uns der Badekurort Pies&nbsptàny vor. Hier ist gerade Hochsaison, und es geht noch zu und her wie zu sozialistischen Zeiten; Passanten ohne ärztliche Einweisung können die Bäder nicht benutzen. Gewitzt durch die Erfahrungen der letzten Reise steuern wir das grösste und schönste Hotel an, das Thermiae Palace. Andy Warhol würde das auch tun. Die besten Häuser sind in der Slowakei jeweils nur wenig teurer als die mittelmässigen, dafür kommt man sich in ihnen vor wie der Kaiser von China. Von wegen: Im Thermiae steigen Scheichs ab, die mitsamt ihrem Harem durch den Kurpark wandeln. Die Mohammedaner samt Harem haben ihren Speisesaal, durch eine Glaswand von demjenigen der Israeliten getrennt, die in Gruppen aus Süd- und Nordamerika ebenfalls in der Slowakei zur Kur weilen. Es ist auf eine besondere Art mondän, hier zu kuren – ein anderer Stil allerdings als im Westen. Im Musikpavillon spielt ein Orchester, die Herren bitten die Damen um einen Tanz, indem sie sich leicht verbeugen. Man spürt den Unterschied, doch er ist schwierig zu benennen. Vielleicht hat sich die Zeit verlangsamt, vielleicht ist sie stehen geblieben?

Andys Langeweile – unsere Erholung

Dann ist das mondäne Leben vorbei, und es geht in die Wildnis. In den Mittelgebirgen weiter östlich stehen riesige Wälder. Tagelang geht es über ein Pässchen nach dem anderen, durch eine geheimnisvolle, reine Naturwelt, in der wir oft kaum einen Menschen sehen. Kommt einer daher, sagen wir ahoi. Brauchen wir eine Auskunft, beginnt das grosse Stottern, Fuchteln, Deuten und Blättern im Wörterbuch. Wir sind in einer anderen Welt, geniessen das dépaysement, sprachlich und zivilisatorisch. Keine Hektik, kaum Reklameschilder. Zwischen der Strasse und den Häuserzeilen liegen behäbige Gärten, jeder zieht sein Gemüse, jeder hat sein Obst, und im Dorf gibts ein Lädeli für die Seife, das Öl und die Suppenwürfel. Ohne die bukolische Idylle strapazieren zu wollen: Wir finden das erholsam, auch wenn es Andy nicht gefallen würde: «I’m a city boy. In the big cities they’ve set it up so you can go to a park and be in a miniature countryside, but in the countryside they don’t have any patches of big city, so I get very homesick.»

Am Ziel der Träume

Auf dem Velo durch die Slowakei. Das Radeln durch diese Natur ist berauschend, die Fremdheit der Siedlungen verwirrend. In allem eine andere Kultur, von der man im Westen keine Ahnung hat. Hier ist Mitteleuropa. Wir nähern uns Medzilaborce. Im ganzen Nordosten der Slowakei stehen viele Holzkirchen, die Dörfer wirken geschlossener als weiter westlich, so, als wollten sich die Häuser zusammendrängen. Und dann, im goldenen Licht des späten Nachmittags, Medzilaborce, langgezogen am Fluss Laborec und an der Bahnlinie nach Polen. Die meisten Hotels, die wir im veralteten Führer finden, hat das Rauschen der Zeit hinweggefegt. Die Pension Andy schräg vis-à-vis ist noch nicht fertig gebaut. Ein Ort nach Andys Geschmack, obwohl er nie hier war: «My ideal city would be one long Main Street with no cross streets or side streets to jam up traffic.» Als ob er Medzilaborce entworfen hätte. Auf dem Stadthügel steht eine orthodoxe Kirche, am Stadtplatz das Warhol-Museum, links und rechts neben dem Eingang zwei riesige Dosen Campbell-Tomatensuppe aus Beton. Das Museum hat riesige Räume, in denen wenig ausgestellt ist. Neben ein paar Bildern von Warhol finden wir in Vitrinen ein paar persönliche Gegenstände: Sonnenbrillen, einen Walkman, eine Weste aus Leder. Irgendwie rührend. Der pataphysische Veloclub ist am Ziel seiner Träume angelangt und kann die Heimreise antreten.

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INFORMATION:

Die Slowakei ist ein unbekanntes und – vor allem im hügeligen Norden – sehr attraktives Veloland für entdeckungsfreudige Leute, die vor Improvisation keine Angst haben. Hilfsbereite, ehrliche Leute, Sicherheit, gute Strassen, wenig Verkehr. Gutes Eisenbahnnetz, problemloser Velotransport. Günstige Preise.

An- und Rückreise:
Mit dem Nachtzug nach Wien. Das Velo reist im Velosack gratis mit. Rückfahrt mit der Bahn von Kosice via Bratislava. Zwischen Bratislava und Wien verkehren auf der Donau auch Tragflügelboote.

Kost und Logis:
Lädeli gibts in den meisten, Gaststätten nur in grösseren Orten. Slowakisches Essen ist ländlich-deftig, der Wein dünn. Hotels existieren oft nur im Reiseführer, dafür sind neue entstanden. Campingplätze sind entweder riesig und gut oder klein und vergammelt, im Osten spärlich.

Dokumentation:
Es gibt kaum Reiseführer. Zur Not: Czech and Slovak Republics bei Lonely Planet (Fr. 33.70), wo die Slowakei aber nur kurz vorkommt. Im Sommer 2001 erscheint voraussichtlich: Humphrey, Tschechische und Slowakische Republiken, Müller Verlag, ca. 40 Franken.

Karten:
Kümmerly+Frey Strassenkarte Slowakische Republik 1:500’000, Fr. 14.80. Im Land findet man an grösseren Tankstellen für 250 Kronen den guten slowakischen Autoatlas 1:100’000.

Unsere Route:
Rund 950 km von West nach Ost. Ausser am Anfang und am Schluss immer hügelig.

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