Lange vor der Abfahrt stecken wir auf dem Perron im Hauptbahnhof Zürich die Velos in die schwarzen Säcke und wollen in den Zug steigen. Da kommt der Kondukteur und sagt, dass in den Nachtzügen keine Velos mehr transportiert werden. «Aber bitte sehr, Herr Kondukteur», verhandeln wir höflich, «wir haben zu dritt ein ganzes Abteil bis Prag gezahlt, und diese Velos sind jetzt Gepäckstücke wie andere auch.» Die Argumentation ist so bestechend, dass der Kondukteur Ruhe gibt. Als der Zug anruckt, haben wir die Velos verstaut und den ersten Liter Schweiss ausgesondert. Wundersamerweise findet im engen Chaos jeder noch eine leere Pritsche.
Prag ist eine Baustelle, überall bauen sie Strassen. Dort, wo das Pflaster nicht aufgerissen ist, tobt höllischer Autoverkehr. All das, was die Prager während vierzig Jahren Sozialismus verpasst haben, holen sie jetzt nach, scheinen den Westen in Sachen Hektik in den Schatten stellen zu wollen. Ich erkenne die Stadt nicht wieder. Sie war früher verschlafen und von dieser slawischen Grantigkeit, die man hasst oder plötzlich liebt; ich mochte sie. Prag war graubraun und hatte einen eigenen Geruch, eine Mischung aus Bierdunst und Zweitaktabgasen. Alles Ostalgie. Heute herrschen Marzipanfarben vor, es riecht international, das heisst nach gar nichts mehr. In den Gassen stehen sich die Touristen auf dem Füssen herum, es ist nicht möglich, ein Foto fürs Familienalbum zu machen, ohne zwanzig andere Prag-Pilger mit auf dem Bild zu haben. Da bleibt nur der Blick auf die gelassene Moldau.
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Abenteuerliche Pisten
Auf nach Troja. So heisst ein Schloss im Norden der Stadt, und ein respektabler Hügel. Irgendwo ein verlorenes Schild für Velofahrer: Podhari. Hinter uns wird das Dröhnen der Stadt leiser, wir sind an der Moldau. Es kommt einem die lauschige Melodie von Smetana in den Sinn. Aaah, die Moldau. Der Mohn ist rot, die Weiden hängen tief, das Wasser liegt ruhig. Nur der Veloweg ist lausig. Oder er ist anderswo. Zum Teil besteht er aus notdürftig eingeebnetem Bauschutt, scharfkantige Ziegelecken und Fragmente von WC-Schüsseln sind zu umkurven. Dazwischen gibt es schöne Abschnitte mit guter Sandpiste. Doch alle Hektik ist hinter uns, wir sind auf dem Land. Fischer stehen am Wasser, Pöstler, die einzigen Velofahrer hier zu Lande, sind unterwegs.
Auf dem Land ist es zum Glück noch nicht so aufgeregt. Wir sind in einem anderen Universum. Da droht den Radlern neues Ungemach. Der Weg wird immer schmaler, schlängelt sich an einer Felswand vier Meter über dem Wasser der Moldau entlang. Natürlich ist man zu stolz, um abzusteigen. Wenn man fällt, wassert man in der Moldau. Dann wird die Piste eng, das Gras immer höher, bis man nur noch zu Fuss weiterkommt. Die Velotour wird zur Auenwanderung. Oder plötzlich führt die Route auf einer rostigen Metallbrücke mit einer Pipeline über die Moldau, man schleppt das beladene Velo vierzig Stufen hinauf und dann wieder vierzig Stufen hinunter. Aah, die Moldau. Im Kreuz schmerzt es, die Waden sind verschmiert.
Geschichte überall
Wo wir hinkommen, sind wir die einzigen Fremden. Alle anderen sind in Prag geblieben. In einer Kneipe hängen die Porträts der ganzen sozialistischen Ahnengalerie an der Wand, von Marx und Engels über Mao, Fidel bis zu Breschnew, und alle trinken ganz normal ihr Bier, die Strassenarbeiter, der Kaminfeger, die Fischer mit ihren hohen Gummistiefeln und ihren Baseballhütchen. Wir sind die Einzigen, denen das auffällt. Bei Melnik fliesst die Moldau in die Elbe. Ein anderes Kaliber. Und Wind. Gegenwind. Immer Gegenwind, den wir bis Dresden haben werden. Beim Namen Terezin haben wir uns nicht viel gedacht, bis wir den deutschen Namen sehen: Theresienstadt. Eine Festung aus dem 19. Jahrhundert, erbaut zu Zeiten der k.u.k. Donaumonarchie, überall Mauern, Wassergräben, Zitadellen und Schiessscharten. Das fanden die Nazis alles sehr geeignet zur Einrichtung eines so genannten Durchgangslagers, wobei der Name Durchgangslager nur für einige wenige zutreffend war: 80000 Menschen, die von hier zu weiter östlich gelegenen Vernichtungslagern hätten gebracht werden sollen, überlebten Theresienstadt nicht. Der Friedhof ist gigantisch. Völlige Stille. Sogar den Vögeln scheint es die Stimme zu verschlagen.
Bloss ein paar Kilometer weiter ist das hübsche Städtchen Litomerice. Die Vögel zwitschern wieder, vom Kirchturm läuten die Glocken zum Feierabend, am Hauptplatz ist ein gutes Gasthaus, in dem Geschäftsleute aus dem Westen ein- und aus- gehen. Vielleicht ist es auch hier bald aus mit der Beschaulichkeit. Die Route ist jetzt deutlich besser, manchmal wählen wir kleine, gute Landstrassen etwas abseits vom Fluss, der Verkehr ist erträglich, die Autofahrer rücksichtsvoll. Und plötzlich sind wir an der Grenze. Das heisst, wir hätten es beinahe nicht gemerkt. Da sind nur zwei Pfosten, in den Landesfarben Deutschlands und Tschechiens bemalt. Kein Zoll, kein Grenzbeamter, keine Spiegel und kein Stacheldraht. Vom Eisernen Vorhang ist rein gar nichts geblieben. Die Elbe wird breiter und breiter, die Schiffe grösser und grösser, der Gegenwind mächtiger und mächtiger. Rechts erheben sich die bizarren Formen des Elb-Sandsteingebirges.
Ein paar Stunden nur, und die so genannte Sächsische Schweiz flacht ab, in Wehlen ist sie zu Ende. Die Deutschen scheinen sich auch im Osten zu Weltmeistern des Radtourismus mausern zu wollen. Perfekt sind Belag und Ausschilderung. Fast haben wir Sehnsucht nach den tschechischen Holperpisten. Man kann drauflosfahren und die Landschaft geniessen. Hunderte Radler begegnen uns. Sie haben Rückenwind. Bis vom Horizont her wieder dieses Grossstadt-Dröhnen zu hören ist. Dresden kündigt sich an. Wie in Prag drängen sich hier hunderttausend Touristen. Jetzt kommen noch drei dazu. Wir stürzen uns ins Getümmel. .

Infos zur Tour
Auf einen Blick:Die Elbe (tschechisch Labe) entspringt im Riesengebirge nahe beim Länderdreieck Polen-Deutschland-Tschechien und mündet in Cuxhaven in die Nordsee. Der Elberadweg beginnt in Prag, doch die ersten 50 Kilometer sind an der Moldau (tschechisch Vltava) zurückzulegen; bis Melnik, wo diese in die Elbe mündet. Von Prag bis Dresden sind es 240 Kilometer. In Tschechien steckt der Radtourismus noch in den Kinderschuhen, die abenteuerliche Route ist lückenhaft ausgeschildert. Auf deutschen Gebiet ist der Radweg perfekt.
Reisezeit: Mai bis Oktober
An- und Rückreise: Im Nachtzug Zürich–Prag kann man das Velo im TranZbag nur mitnehmen, wenn man das ganze Abteil mietet. Die Rückreise ab Dresden mit den CityNightLine-Nachtzügen ist dagegen problemlos. Das Velo reist im Zug mit. Auskünfte und Buchung am Bahnschalter, im Reisebüro oder im Internet:
www.citynightline.ch
Kost und Logis: Die touristische Infrastruktur vom Campingplatz bis zum Luxushotel ist gut, die Unterkunftsnachweise im Führer sind sehr nützlich. Das Preisgefälle von der Hauptstadt Prag zur Provinz raubt einem den Atem.
Sprache: Überall findet man Leute, die Deutsch oder Englisch sprechen.
Dokumentation: Das handliche Bikeline-Radtourenbuch Elbe-Radweg, Band 1 von Prag bis Magdeburg, Band 2 von Magdeburg bis Cuxhaven. Die neuste Ausgabe stammt aus dem Jahr 2003 und kostet pro Band 21.90 Franken.
Weitere Informationen beim Tourismusverband Sächsische Schweiz, Am Bahnhof 6, D-01814 Bad Schandau, Tel. 0049 3 50 22 – 49 50, Fax – 4 95 33.
www.elberadweg.de; E-mail: sued@elberadweg.de










