In 21 Tagen durch die Schweiz

Quer durch die ganze Schulkarriere hatten uns die Geografielehrer eingehämmert: «Die Schweiz hat 26 Kantone.» Während eines Sommers in alle einen Fuss respektive einen Pneu zu setzen, war Ziel unserer Tour de Suisse. Von Rapperswil nach Rapperswil in 21 Etappen.

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Markus Greter, Autor (markus@bikeforever.ch)
Reisen, 06.12.2008

Raclette bei der Ersatzmama
Drei Nächte später erreichen wir Hinterrhein, wo ein bärtiger Öhi die Geissen über den Dorfplatz treibt. Die Häuser sind stolz und urchig, der Brunnen plätschert, Kuhglocken bimmeln. Hurra, wie im Bilderbuch! Doch der Schein trügt: Einen Steinwurf hinter dem Dorfbrunnen brausen die Autos über die A13 und katapultieren das Nest in die automobile Realität und den Besucher zurück auf den Boden der Wirklichkeit. Eine Unterkunft für die Nacht haben wir schon, doch noch nichts im Magen. Die einzige Beiz steht etwas ausserhalb des Dorfes auf dem Parkplatz vor dem San-Bernardino-Tunnel und ist geschlossen. «Weil die Wirtin wieder einmal einen über den Durst getrunken hat», meint die Kioskfrau, bevor auch sie den Laden dichtmacht. Der Samstagabend scheint flöten zu gehen: keine Beiz, kein Znacht. Doch unsere redselige Zimmervermieterin entpuppt sich als Wundertüte. Ihr Sohn sei zum Abendessen angemeldet, aber leider nicht erschienen. «Und nun», meint sie, «stehe ich allein mit einem Berg Raclettekäse da.» Ob wir vielleicht bei ihr in der Stube – und fast verschämt fügt sie bei: «Wärt ihr einverstanden mit fünf Franken, oder ist das zu viel?» Wir runden freiwillig auf. Sie plappert ohne Ende vom Dorf, wer hier mit wem … redet von ihrem Sohn und sich selbst, und während des ganzen Abends fragt sie nicht ein einziges Mal, wer wir sind und was wir tun. So sind am Ende alle ein bisschen plemplem: Die Tunnelbeizerin mag zu viel getrunken haben, wir sind besoffen von all den Hinterrheiner Geschichten.
Grenzübertritt nach Italien: Plötzlich kommt hinter einer Rechtskurve eine Kirche zum Vorschein, die aussieht wie eine Mischung aus Petersdom und überdimensionierter Plastik-Basilika von Swissminiature. Die Kirche passt zum kleinen Nest im engen Tal wie die Faust aufs Auge, der Ortsname hingegen spiegelt die stolze Dimension: Rè – König. Weniger heroisch ist die Strecke durch das Val Antigório: Im engen, felsigen Tal windet sich die Strasse steil und schier endlos nach oben, ständig dröhnt es links und rechts, weil hier Granit abgebaut wird. Nach 2350 Höhenmetern sind wir völlig erledigt und zu müde, den hässlichen Hotelkomplex zu bemängeln. In Formazza weitet sich das enge und abweisende Tal zu einem prächtigen Plateau mit stolzen Walserhäusern. Auf einer Schotterstrasse mit grosser Fahrverbotstafel radeln wir ganz ohne Verkehr zum Passo San Giacomo hinauf, einem der schönsten Alpenpässe mit sensationeller Fernsicht. Bloss der Abstieg auf der Schweizer Seite ist nicht jedermanns Sache. Wer mit Gepäck unterwegs ist, kommt auf dem steilen, schmalen Wanderweg nicht ums Schieben herum. Vorwärtskommen ist hier sekundär. Wir schaffen an diesem Tag gerade mal 26 Kilometer. Aber schön, sauschön ists!

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Herrschaftlich: die Jugendherberge Rotberg in Mariastein, Jura

Gabi, Geiss und Lustmühle
Die Aussage, der Jura sei eine sanfte Hügellandschaft, mag richtig sein. Daraus aber zu folgern, radeln sei im Vergleich zu den Alpen hier Zuckerschlecken, ist falsch. Ununterbrochen geht es rauf oder runter, die Szenerie ist sensationell. Zwischen Nyon und La Chaux-de-Fonds führt die Route 2 von Veloland Schweiz stundenlang über saftige Pferdewiesen, vorbei an schmucken Dörfern und lauschigen Gartenbeizen. Viele der Juradörfer haben sich die Gaumenfreuden einverleibt und heissen 1145 Bière, 3983 Filet oder 2314 La Sagne. Überhaupt lässt sich einiges über die helvetische Namensgebungspraxis lernen. Das Land brilliert durch mehr oder weniger nette Mädchennamen (3907 Gabi, 6549 Laura, 3982 Bitsch), gewährt einen Paparazzi-Blick hinter die Grenze der Scham (8307 Bisikon, 9062 Lustmühle), zeigt ihre Kenntnisse der Farbenlehre (4223 Blauen, 6037 Root), zeigt ihre Fauna (6123 Geiss, 9473 Gams) oder huldigt dem Höchsten (8274 Gottlieben, 8888 Heiligkreuz). In diese Kategorie gehört auch Mariastein. Dort steht am Strassenrand ein Schild: Jugendherberge Rotberg. Dahinter reckt sich eine stolze Burg in den Himmel. Wow, was für eine Unterkunft! Ich steige zur Burg hoch und bin begeistert: geniale Aussicht, unkomplizierte Leitung, währschaftes Abendessen und ein ganzes Arsenal von Tim-und-Struppi-Büchern. Wie war das doch mit den Perlen der Castafiore? Die Weiterfahrt am nächsten Morgen erhält leichte Verspätung ...

Geniale Scheidegg und fremde Fötzel
Grosse Scheidegg. Der Pass ist nur für Velos und Postautos offen und mausert sich zu einer der genialsten Strecken für den begeisterten Radler. Keine Autos, was für eine Wohltat! Nach Meiringen gehts gleich nochmals bergauf: Fern von der Strasse führt die Veloland-Route 9 auf den Brünig. Nach zwanzig Etappen stehe ich in Glarus und glaube, jetzt ganz locker nach Rapperswil zurückradeln zu können. Doch plötzlich durchfährt es mich heiss und kalt: «Zug! Ich Trottel habe den Kanton Zug vergessen!» Es bleibt nur die Fahrt über den Pragelpass nach Muothatal. Dort gibt es nichts Interessanteres als den Blick auf die Namensschilder an den Türen. Ob mans glaubt oder nicht: Es heissen alle Betschart oder Schelbert. Oder Schelbert-Betschart. Oder Betschart-Betschart. Oder Schelbert-Schelbert. Einer heisst allerdings Inderbitzin – sicher so ein Zugewanderter, ein fremder Fötzel. Ich radle weiter nach Rothenturm, wo der Veloweg die Zuger Kantonsgrenze nur um Haaresbreite überschreitet. Die Fahrt über den neuen Steg nach Rapperswil wird für uns zur Zielgeraden.
Die Geografielehrer haben Recht: Die Schweiz hat 26 Kantone. Wer sie von Rapperswil nach Rapperswil abstrampelt, überwindet 30’000 Höhenmeter und legt 2050 Kilometer zurück.

Reiseinformationen:

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Hier finden Sie die Etappenziele als Image

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