Endlich – die MS «Vrutak», unser schwimmendes Hotel für eine Woche, tuckert an der grossen Autofähre vorbei in die Kvarner See. Am Abend zuvor haben wir jeweils zu zweit eine etwa fünf Quadratmeter kleine Kajüte bezogen. Neben den schmalen, übereinander liegenden Kojen und einer Dusch-Toilette gibts nicht viel Platz, das viele Gepäck zu verstauen. Was solls: Den grössten Teil der Reise werden wir laut Reisebeschreibung auf den Rädern und unter freiem Himmel verbringen. Beim Gang aufs Sonnendeck lässt sich sehen, wo unsere Bikes festgezurrt sind. Der frische Fahrtwind und das sanfte Schaukeln des Boots werden uns im Verlauf der Woche zu vertrauten Begleitern werden.
Rijeka, Kroatiens grösste Hafen- und auch Universitätsstadt, versinkt hinter uns am Horizont. Uns solls recht sein – das von Kennern gelobte, stille, felsige «Land der tausend Inseln» ist uns lieber. Kapitän Ante steuert seinen Zweimast-Motorsegler ein Stück der Istrischen Küste entlang zur Insel Cres, wo unser Zweiradabenteuer beginnt. Nach dem Frühstück an Bord hat Vedran, der einheimische Tourenleiter, einen Tagestrip über 35 Kilometer mit 350 Höhenmetern zum fast verlassenen Bergdorf Predoscica angekündigt. Die ausgeteilten Karten beruhigen auch die Langsameren der bunt zusammengewürfelten Bikergruppe. Gross verfahren kann man sich auf den Inseln offenbar kaum. Individuelles Tempo und Zwischenhalte nach eigenem Gusto liegen durchaus drin. Zudem fährt ein zweiter Tourguide aus Deutschland am Schluss als «Besenwagen» mit. Im Piratendorf Beli wird die Insel Cres geentert und die erste Steigung mehr oder weniger flink erklommen. Es duftet überall intensiv nach wildem Salbei.
Glasklar dank günstiger Strömung
Nicht nur im idyllischen Übernachtungshafen Cres erstaunt das glasklare Wasser, sondern überall, wo das Schiff für Essens- oder Badepausen anlegt. Grund dafür ist – so weiss Kroatien-Kenner Carsten aus Essen – nicht etwa das konsequente Einhalten von Abwasservorschriften auf dieser Seite der Adria, sondern die günstige Meeresströmung, die mit Hilfe der Bura (kalter Nordwind) die Fluten in Richtung Italien umwälzt. 
Nach 15 Kilometern Schotterpiste und weiteren 25 Kilometern Asphalt zeigt sich kurz nach Mittag die kleine Kirche von Osor. Die Mägen knurren wie noch so oft in dieser Woche. Schiffskoch Pero verwöhnt Gäste und Crew mit seinen einfachen, aber schmackhaften Dreigängern, die im kleinen Schiffssalon von Smutje Stipe serviert werden. Reste gibt es meist keine, da und dort hört man ein hingeworfenes «dobro» (gut) als ehrliches Kompliment.
Der Schatz im Silbersee
Nach dem Abstecher entlang der Küstenpromenade zu den malerischen Dörfern Veli und Mali Losinj wird auf vielfachen Wunsch vereinbart, die Insel Dugi Otok anzufahren. Morgens um fünf Uhr starten bereits die Schiffsmotoren, wir wollen gegen zehn Uhr die von Kiefern, Agaven und Tamarisken umgebene Bucht von Bozava erreichen. Über eine fast autofreie Strasse gehts hoch bis zur dicktürmigen Kirche von Brbinj, wo ein Espresso und Palatschinken (süsse Omeletten) neue Kraft verleihen. An Feigen- und Olivenbäumen vorbei, den Duft von blühendem Rosmarin in der Nase, erreichen wir kurz vor unserem Mittagsziel eine karge, felsige Landschaft mit dem Salzsee Mir im Zentrum. Hier wurde in den sechziger Jahren Karl Mays «Schatz im Silbersee» gedreht.
Die Insel Pag zeigt sich Irland-ähnlich, mit vielen Steinmäuerchen als Windschutz gegen die Bura. Die hartblättrige, würzige Macchia wird von Schafen abgeweidet, deren Käse sich beim Degustieren als ausserordentlich schmackhaft erweist. «Noch besser als Pecorino», meinen zwei Teilnehmerinnen und kaufen ein grosses Stück für die ganze Gruppe, die mittlerweile zu einer Art Familie zusammengewachsen ist. Man hilft einander mit Wundersalben und Magnesiumtabletten aus, flickt unterwegs geplatzte Schläuche oder verteilt Zwischenverpflegung aus dem Rucksack.
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Ankunft in Cres |
Unfreiwillig die Fische gefüttert
Schon steuert die «Vrutak» eine der sonnigsten Inseln Europas an: Rab. Der gleichnamige mittelalterliche Hauptort ist einer der Höhepunkte der Reise. Wahrzeichen der alten, mit einer Ringmauer befestigten Stadt sind die vier Glockentürme, von denen einer bestiegen werden kann. Per Velo wird am nächsten Morgen auf einer Naturstrasse der 400 Meter hohe Berg Kamenjak erklommen. Der Singletrail durch den Dundowald bleibt nach einer Weile im Dickicht stecken. Vedran bläst zum Rückzug. Immer wieder zeigt sich, dass das Kartenmaterial der Inseln mangelhaft ist. Vor allem die Naturstrecken sind ungenau eingezeichnet und werden auch nicht gepflegt. Trotz dieser Schwierigkeiten will man vonseiten des Reiseveranstalters die erst im letzten Jahr lancierten Bike-touren mit noch mehr Naturstrecken bereichern. Der Strassenanteil soll bei den (gemütlicheren) Trekkingreisen vermehrt zum Zug kommen.
Die Überfahrt zur grössten Adriainsel Krk fordert am nächsten Morgen ihren Tribut. Die Bura lässt den Zweimaster wie ein Spielzeugboot auf den Wellen tanzen, und das Frühstück gerät zum Jonglage-Akt. Weder Müesli noch Konfibrot halten sich lange im Magen und landen im hohen Bogen über der Reling. In der Horizontalen lässt sich der starke Seegang am ehesten überstehen. Smutje Stipe findet die Windstärke nicht sehr beunruhigend. Er hat schon Schlimmeres erlebt.
Die letzte (Tages-)Tour wartet – und mit ihr zwei wunderbare Naturstrassenstrecken. Es gibt sie also doch! Im Nordosten der Insel wird der weisse, aromatische Zlahtina-Wein angebaut, der natürlich probiert werden will. Trotzdem noch schnell downhill ins Museumsstädtchen Vrbnik, um die engste Gasse der Welt zu durchfahren, bevor es – letztmals mit kroatischem Fahrtwind um die Ohren – durch alte Dörfer und üppige Vegetation via Cizici nach Omisalj geht.
Wieder in Rijeka, fällt der Abschied von Land und Leuten schwer. Beim Warten auf den Bus schwankt der Boden immer noch etwas unter den Füssen. Doch diesmal hat die Bura niemanden verschaukelt. «Das geht nach ein, zwei Tagen wieder weg», sagt Carl, der deutsche Guide. Freundschaften und einzigartige Eindrücke werden bleiben. Dovidjenja, Hrvatska!
Reiseinformationen:
Reisegebiet im Überblick: Kroatien trennte sich im Juni 1991 vom jugoslawischen Staatenbund, wurde am 15. Januar 1992 völkerrechtlich als eigenständiger Staat anerkannt und wurde Mitglied der Uno. In Istrien und der Kvarner Bucht gab es seither keinerlei kriegsähnliche Zustände. Auch in die Auseinandersetzung zwischen Serbien und der Nato war Kroatien in keiner Weise verwickelt und verhielt sich neutral. Die kroatische Adriaküste besteht aus 1185 Inseln, Felsen und Riffen, von denen 66 besiedelt sind. Die Küste ist grösstenteils mit mediterraner Vegetation bedeckt (Macchia oder Kiefernwälder).
Anforderungen: Während den acht Reisetagen werden bergige Etappen zwischen 40 und 60 Kilometern zurückgelegt. Leichte bis mittelschwere Touren auf ruhigen Asphaltstrassen, Betonplattenpromenaden, Naturwegen und Singletrails in durchschnittlich 300 m Höhe werden ohne Zeitdruck täglich erradelt – insgesamt etwa 300 Kilometer. Statt zu biken, kann jederzeit mit dem Schiff gefahren werden. Das Tagesprogramm gestaltet sich abhängig von der Wetterlage und den Anweisungen des Kapitäns.
An- und Rückreise: Der Ausgangspunkt – die Hafenstadt Rijeka – ist per Bahn, mit internationalen Buslinien oder per Privatauto erreichbar. Zeitreisen oder jester-tours Konstanz (D) bieten spezielle Busfahrten mit Veloanhänger ab der Bodenseestadt Radolfzell an (Kosten hin und zurück: 150 Euro). Ein Leihvelo kostet 60 Euro pro Woche.
Reisedaten 2003: 13.–20. September, 20.–27. September. Die geführte Bikewoche (Vollpension auf dem Schiff) kostet 740 Euro. Für Genussradler werden noch bis zum 4. Oktober laufend Tourenwochen in der Kvarner Bucht angeboten. Verlängerungswochen in Opatja, auf der Insel Krk oder in Rijeka werden auf Wunsch organisiert.
Internet:
www.inselhuepfen.de
www.jester-tours.com
info@radurlaub-zeitreisen.de








