Hundertmal schon sind wir mit der Eisenbahn den Flüssen Isère und Rhône entlang nach Süden gefahren und haben linker Hand die geheimnisvollen Felsen des Vercors gesehen und uns gedacht: Dort muss das märchenhafte Land hinter den sieben Bergen liegen. Und nun sind wir mitten drin. Jahrhundertelang hat die Geschichte der Menschen das topografische Unikum Vercors in Ruhe gelassen, denn Geschichte entwickelt sich in Städten, in Ebenen oder in weiten Flusstälern und vor allem an grossen Strassen. Von alldem ist das Vercors das pure Gegenteil: Es besteht aus tausend Hindernissen. Von dem halben Dutzend Zufahrtsstrassen ist eine dramatischer als die andere, sie führen über Serpentinen, von denen man einen wirren Schädel bekommt, über luftige Felsbalkone und durch Schluchten, die so finster wie Höhlen sind, und oben sind ein paar Hochtäler, über die der raue Wind zieht.
Wen wunderts, dass die französische Résistance während des Zweiten Weltkrieges gerade hier ihre Kräfte konzentrierte und sich von den Alliierten aus der Luft versorgen liess? Es bestanden Pläne, gleichzeitig mit der Landung in der Normandie Luftlandetruppen im Vercors abzusetzen und so eine weitere Front aufzubauen. Davon bekamen auch die deutschen Besatzer Wind, und im Juli 1944 veranstalteten die Truppen der Waffen-SS, die mit Transportseglern abgesetzt worden waren, im nahen Dorf Vassieux ein fürchterliches Massaker, das den latenten Hass auf die Deutschen bis vor wenigen Jahren kräftig nährte. Ein martialisches Museum in Vassieux zeugt davon. Doch die jüngeren Generationen blicken in die Zukunft, nach Europa, und die fürchterliche Episode versinkt langsam in der Vergangenheit. 
Die Pastis-Experten
Der Wind singt in den Tannennadeln, das Licht wird schon abendlich golden. Keine Menschenseele, kein Auto. Ein Specht hämmert. Bald sind wir in La Chapelle-en-Vercors, wo wir Quartier beziehen. Schon geträumt vom verschlafenen Landgasthof in der französischen Provinz? Hier ist er. Die Küche ist exzellent-regional, wenn auch fleischlastig. Die Gäste, die ins Vercors kommen, sind angegraute Kleinbürger, die das Leben von der beschaulichen Seite angehen. Sie unternehmen mit dem Pudel Spaziergänge und schnuppern gute Bergluft. Aktivferien-Getue liegt ihnen fern. Dafür haben sie Kenntnisse im Radsport, wie es sich für Franzosen, Belgier und Niederländer gehört. Bei unserer Ankunft wuchten sie ihren embonpoint aus der Hollywoodschaukel, kommen über den Kiesplatz zu uns herüber, begutachten les très belles bicyclettes, fragen nach der Stärke des Ritzelgebisses und staunen, dass wir vorn nur zwei Zahnkränze haben. Sie beginnen zu schwärmen von ihren velozipedischen Grosstaten, vous savez, quand j'étais jeune, hé hô, n'est-ce pas, Jules? ..., dabei sind sie kaum älter als wir. Sie schwadronieren von der Alpe d'Huez, von den Pyrenäen und vom Ballon d'Alsace. Auf unsere Frage, warum sie denn nicht mehr radeln, werden gestenreich mehrere Gebresten vorgebracht, avec l'âge, vous savez …, beim einen ist es die Milz, bei andern das linke Ohr, doch bei allen gilt: Cherchez la femme. Die Frau also war es leid, im Auto hinterher zu fahren. Recht hatte sie, die Frau.
Radkultur haben sie halt, die Franzosen. Die Tour de France ist – Doping hin oder her – ein kulturelles Monument wie der Louvre und die Académie française, mit dem Unterschied, dass die Tour eine wirkliche Volkskultur des Velos fördert. Die Herren mit den Bäuchlein laden uns ein zum Pastis, denn wir sind schon fast in der Provence. Dazu gibt es Oliven aus Nyons, das auch im Département de la Drôme liegt und als nördlichster Landstrich gilt, in dem Oliven noch wachsen. Diese abendliche Geschmackskombination von Pastis-Lakritze und Oliven, die nur hier so wunderbar schmeckt, wird unserem Gaumen eine Woche lang treu bleiben. Aber nicht nur dies: Unser Embonpoint-Klub ist stets treu zur Stelle, wenn wir am Morgen losfahren oder am Abend heimkehren. Sie halten unser Velo vorsichtig wie ein Porzellantässchen, wenn wir die Reifen aufpumpen, sie wollen wissen, was unsere Pläne sind, und am Abend fragen sie nach Höhenmetern, Distanzen und Zeiten.
Doch natürlich trinken wir nicht nur Pastis, und natürlich diskutieren wir nicht bloss mit den Theoretikern. Jeden Tag nehmen wir uns eine andere Schlaufe vor, mal achtzig, mal hundert, mal hundertzwanzig Kilometer, und jeden Tag lernen wir ein neues Vercors kennen. Wer ein paar warme Sommertage erwischt, glaubt sich plötzlich in ein Velo-Traumland versetzt, allerdings eines mit viel süssem Schweiss. Hunderte Junge, Alte, Dicke und Dünne und auffallend viele Frauen auf Rennvelos sind auf den kleinen Strassen unterwegs, und hier sind sie die Prinzessinnen und die Könige des Asphalts. Die Autofahrer sind unglaublich zuvorkommend und rücksichtsvoll. Hie und da ruft eine vorüberfahrende Autofahrerin aus dem offenen Fenster: «Ah, quel courage, ah, quels mollets!» Das scheint hier der Standardspruch zu sein. Wir fühlen und natürlich geschmeichelt, und wir hören ihn gerne.
Information:
Allgemein:
Auf dem dichten, guten und verkehrsarmen Asphalt-Strassennetz des Vercors bietet sich eine Fülle von Eintages-Rundtouren, die man nach Belieben kombinieren kann. Kaum ein Meter ist waagrecht, man sollte am Velo kleine Übersetzungen haben.
Anreise:
Mit dem Zug bis Grenoble, von dort per Velo oder Bus hinauf ins Vercors. Busse und TGV transportieren das Velo im Sack gratis.
Unterkunft:
Sehr behaglich ist das Hotel Bellier in La Chapelle-en-Vercors. Die Übernachtung im Doppelzimmer ohne Frühstück kostet im Liebesbett FF 190 pro Person. Gute Arrangements für Halbpension auf Anfrage.
Tel 0033 475 48 20 03, Fax -48 25 31
Kultur:
Im Vercors gibt es ein paar schrullige Museen. Auskunft im Verkehrsbüro von La Chapelle-en-Vercors.
Dokumentation:
Den Führer «La Drôme à vélo» und die Cyclocarte 1:100’000 kann man beziehen beim Comité du Tourisme de la Drôme, 31, avenue du Président Herriot, F-26000 Valence, Tel. 0033-475 82 19 26, Fax 0033-475 56 01 65.
Die Michelin-Strassenkarte l:200 000, Blatt 77, tuts auch.







