Himmelfahrt nach Cuxhaven

Wild war der erste Teil des Elberadweges von Prag nach Dresden. Auf dem zweiten Abschnitt bis zur Nordsee ist die Piste perfekt, das geschichtlich-kulturelle Angebot reich und verwirrend. Die einzige Konstante ist der Gegenwind.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 11.02.2008

In Dresden hat man die Qual der Wahl. Soll man in den Zwinger, in den Pillnitzer Park oder nach Altkötzschenbroda, weil dieser Orte so schön heisst? Kann der Radler ohne Gefahr für die Felgen zu Winnetou nach Radebeul, in die Porzellanmanufaktur im nahen Meissen, oder soll er sich die Frauenkirche anschauen? Man tut dies und das, und es ist hübsch und gut. Auch in der tollsten Kulturmetropole – ein bedrohliches Wort – findet man den Rummel ermüdend. An einem Morgen mit Honigsonne besinnt man sich seiner radlerischen Freiheit, die darin besteht, den Sattel zwischen die Oberschenkel zu schieben, Adieu zu sagen und den Wolken entgegenzufahren, die über den Himmel ziehen.
Heute ist Auffahrt. In Deutschland heisst das Himmelfahrt, und viele Fahrradfahrer sind unterwegs. Es sind besondere Radler, und sie tauchen am Horizont in Rudeln auf. Sie haben ihre Velos mit Blättergirlanden geschmückt, sind fast nur männlichen Geschlechts, und während des Fahrens trinken sie schon am Morgen Bier aus Flaschen, die sie im Gepäckkörbchen transportieren. Dabei machen sie heftige Schlenker. Sie stehen in Gruppen beieinander, und als wir sie fragen, was es mit ihren Girlanden- und Bierfahrten auf sich habe, klären sie uns auf: Heute ist Männertag. Man fährt über Land und sucht sich eine Braut. Himmelfahrt. An manchen Orten gibt es heute Heiratsmärkte, Tanzfeste in Bierzelten, wo sich Burschen und Mädels näherkommen sollen.
Torgau an der Elbe ist ein verschlafenes altes Städtchen mit heftigem Kopfsteinpflaster. In der Nähe des Bahnhofs findet man einen russischen Friedhof mit dreihundert verwucherten Normgräbern, in denen die letzten Toten des Zweiten Weltkriegs liegen. Am Elbeufer, beim Stadtschloss Hartenfels, steht ein Denkmal, das die Russen und die Amerikaner gemeinsam errichtet haben. Der Anlass: Ganz in der Nähe sind die beiden Armeen im Frühling 1945 aufeinander gestossen, haben sich auf der zerbombten Elbebrücke die Hände geschüttelt, ihre Fahnen gehisst und Wodka getrunken. Später gehörte das Gebiet zur Sowjetzone, der Naziknast Hartenfels wurde von der Staatssicherheit der DDR übernommen und bis 1989 betrieben. Heute ist er ein Museum, in dem es immer noch nach Gefängnis riecht.

Image

Es klingelt die Kasse

Die Elbe fliesst durch eine grandiose Landschaft, und sie fliesst durch europäische Geschichte. Das klingt pompös, aber es ist so. Auf geschichtsträchtige Orte trifft man jeden Tag, und man kann sich ihrer Faszination und Verunsicherung nicht entziehen. Bei strömendem Regen treffen wir in Wittenberg ein, oder, wie es offiziell heisst, in der Lutherstadt Wittenberg. Hier lebte und wirkte vor fünfhundert Jahren Martin Luther. Die Gotteshäuser, in denen er predigte, stehen noch, mächtig prangt das Bronzeportal, bei dem er seine Thesen für eine Erneuerung der Kirche anschlug. Bekanntlich wandte er sich gegen den Ablasshandel, bei dem man sich nach dem Prinzip «Wenn das Geld im Kasten klingt, deine Seele in den Himmel springt» das Paradies erkaufen konnte. Mit dem berühmtesten Sohn der Stadt wird heute zünftig Geld gemacht, der Sieg des Kapitalismus ist total. In den Andenkenläden findet man Luther und seine Sprüche auf Wimpeln, Hütchen, Leibchen, Henkeltassen, Socken («Hier stehe ich, ich kann nicht anders») und Bierhumpen («Warum rülpset und furzet ihr nicht»). Jeden Tag besuchen tausende Wittenberg. Der Handel blüht, die Kasse klingelt laut. Ironischerweise erinnert die ganze Gschaftlhuberei an den Ablasshandel, nur weiss man noch nicht, wofür hier und heute Ablass gezahlt wird.
Wittenberg, das war düsteres Mittelalter, das Bauhaus in Dessau, dreissig Kilometer Elbe abwärts, ist das pure Gegenteil: Das ist Licht, das sind klare Linien, leichte Eleganz. Man traut seinen Augen nicht: Vor achtzig Jahren wurden hier Häuser gebaut und Gebrauchsgegenstände entworfen, die heute noch futuristisch wirken. Architektur- und Designpilger aus der ganzen Welt kommen hierher. Wir machen eine Führung mit durch die so genannten Meisterhäuser. Walter Gropius strebte das helle, luftige Wohnen an, er verdammte den gemütlichen Mief, Stuck und Goldrahmen. Sein ästhetisches Reinheitsgebot war so streng, dass manchmal auch seine Anhänger und Lehrerkollegen am Bauhaus Mühe hatten, ihm zu folgen. Kandinsky etwa pinselte in einer schwachen Stunde seine Wohnung mit Goldfarbe aus, Gropius ärgerte sich grün und blau über diesen Rückfall ins Spiessertum.
Magdeburg ist eine Baustelle, Tangernmünde ein Städtchen wie aus Lebkuchen, Wittenberge (mit einem E am Schluss!) die schönste Stadtleiche. Hier wurden früher die Singer-Nähmaschinen hergestellt, zu DDR-Zeiten unter dem Markennamen Veritas. Seit der Wende ist die Industrie am Ende, der einst wichtige Elbehafen rostet vor sich hin. Von Wittenberge bis kurz vor Hamburg war die Elbe Grenzfluss zwischen BRD und DDR, ein Niemandsland, in dem die Natur mit ihrem Reichtum den politischen Irrwitz der Menschen zu verspotten schien. Für Radler ist das heute ein Paradies. Von Wittenberge bis Hamburg braucht man mit starken Radlerfreunden (Windschatten!) zwei Tage, und schon am dritten hat man empfindlichere Ohren und Augen. Kein Wunder wirkt Hamburg auf uns wie ein fauchender Moloch.

 ImageImage

Die Elbe wird breit und träge, es riecht schon nach Meer und nach Amerika. Das Land ist vollkommen flach, der Gegenwind erbarmungslos. Fröhliche Rentner rollen uns entgegen. Sie treten kaum in die Pedale und haben einen Dreissiger auf dem Tacho. Ihr Gruss klingt wie Hohn. Schafe fressen auf sattgrünem Rasen. Am Horizont verschieben sich langsam Containerschiffe. Sie sehen aus wie riesige Kommoden. Kurz vor Amerika liegt Cuxhaven. Wir haben Lust auf einen Hering und ein Bier.

Image

Informationen

Auf einen Blick: Der Elberadweg von Dresden nach Cuxhaven ist 766 km lang. Der Parcours verläuft, abgesehen von ein paar heftigen Steigungen nach Hitzacker, meist flach. Kulturelle Höhepunkte (Wittenberg, Dessau, Magdeburg, Tangermünde, Hamburg) krönen stundenlange Fahrten durch unberührte Flussauen, meistens auf guter Asphalt- oder Kiespiste, getrennt vom motorisierten Verkehr. In den Innenstädten liegt oft Kopfsteinpflaster.
Wind: Die vorherrschende Windrichtung ist dem Fluss der Elbe entgegengesetzt. Nächstes Mal fangen wir in Cuxhaven an und fahren flussaufwärts.
Reisezeit: Mai bis Oktober.
An- und Rückreise: Zwischen Dresden, Hamburg und der Schweiz verkehren die bequemen CityNightLiner. Das Velo reist im Zug mit. Auf der Strecke Cuxhaven–Hamburg (ca. 120 km) verkehren Regionalzüge mit Veloabteilen. Auskünfte und Buchungen für den Nachtzug am Bahnschalter, im Reisebüro oder www.citynightline.ch.
Kost und Logis: Die Infrastruktur ist von der Imbissbude bis zum Luxusrestaurant, vom Campingplatz bis zum Viersternhotel sehr gut und in den Führern (siehe unten) dokumentiert. Ein paar Tipps: Pension zum Markt in Torgau (DZ 52 Euro), Hotel Schloss in Tangermünde (DZ 87 Euro), Goldener Anker in Wittenberge (DZ 60 Euro), Hotel Zur Linde in Hitzacker (DZ 65 Euro).
Dokumentation: Bikeline Radtourenbuch, Band 1: Von Prag bis Magdeburg; Band 2: Von Magdeburg bis Cuxhaven. Die Führer sind handlich, vollständig und enthalten einen nützlichen Logis-Nachweis. Die neueste Ausgabe ist von 2003 und kostet Fr. 21.90 je Band.
Weitere Informationen:www.elberadweg.de / www.elberadweg.com

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Reisen

Durch Canyons der Märchenwelt

Reisen

Sarazenentürme, Supercrema und Steilhänge

Reisen

Zehn gute Gründe für Kolumbien