Handelsstrassen im Jura

Eine unberührte Landschaft, ruhige Strassen, überraschende Naturschönheiten und viele schmucke Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint – so präsentieren sich weite Teile des französischen Jura. Zudem lernen wir eine Gegend kennen, mit der uns eine wechselvolle Handelsgeschichte verbindet. Roman Stahel macht einen Tourenvorschlag.

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Reisen, 27.11.2008

Eigentlich genügt ein Wochenende. Wir packen samstags unser Rad, kaufen ein Bahnbillett und lassen uns auf über 1000 Meter auf die Jurahöhen tragen – und schon ist eine relativ bequeme Velotour garantiert. Denn Richtung Frankreich senkt sich der Jura in mehreren Plateaus stufenweise, bis auf die Höhe von Besançon und an den Endlauf des Doubs. Dieser Abwärtsbewegung folgen wir bis zum Tagesziel und lassen uns am Sonntag vom Zug wieder in die Schweiz zurückbringen. – Darfs aber ein bisschen mehr sein als nur ein Wochenende?

Hin auf der Salzstrasse

Viele Strassenpässe überqueren den Jura. Einer davon ist der Col des Etroits bei Ste-Croix. Über diesen Pass transportierten schon die Kelten und Römer die Waren aus ihren französischen Gebieten in die Westschweiz; über diesen Pass gelangte im 18.Jahrhundert das Salz aus den nordwestlichen Randgebieten des Juras zu den Gnädigen Herren nach Bern; und über diesen Pass müssen auch wir uns kämpfen, wenn wir den Weg des Salzes weiter verfolgen wollen. Die Strecke vom kleinen Bahnhof durchs Dorf ist nicht allzu lang, aber steil. Auf der Passhöhe fällt uns der starke Verkehr auf: Noch heute wird die Verbindung rege benutzt, vor allem Richtung Val de Travèrs. Und die Panzersperren – dicke, in spitzem Winkel abgeflachte Betonwürfel – deuten auf ein gewisses Sicherheitsbedürfnis hin.
Auf weitere Zeichen ersehnten Schutzes stossen wir kaum mehr: Vielleicht da und dort ein verborgener, halb verwahrloster Bunker, vielleicht auch das Château de Joux: Dieses Schloss thront weitherum sichtbar auf einem Felssporn und bleibt lange Zeit unser Blickfang. Ein strategisch wichtiger Punkt. Seine Bedeutung wird klar, wenn man weiss, dass Salz in früheren Zeiten ein überaus wertvolles und begehrtes Handelsgut war. Der Transport musste besonders gut bewacht werden.
Heute können wir auf diesen Schutz verzichten. Umso mehr braucht ihn die Natur, die Landschaft, durch die wir fahren, und welche uns als die grünste Region Frankreichs gepriesen wird. Immer neue Panoramen aus Wiesen und Wäldern breiten sich vor uns aus, kaum Häuser, wenig Dörfer. Dazwischen einige Seen und die sie umgebenden Sumpfgebiete, die tourbières, die ganz besonders wild und unberührt sind, und die seltene Pflanzen und Tiere beherbergen. Und immer wieder wird uns Ausblick gewährt über weites Land, und es wartet mit immer neuen Überraschungen auf. Etwa bei der Kapelle in der Nähe von Boujailles. Unser Blick schweift über leicht gewellte Hügel. Auf der nahen, gut ausgebauten Strasse kaum Autos. Die grossen Verkehrsachsen ziehen weiter nördlich vorbei. Wir geniessen die Ruhe.

Eine Originalstrecke als alte Zeugin

Ganz in der Nähe stossen wir noch auf die Überbleibsel einer alten Handelsroute, auf die Passage taillée de Chalamont. Wir lassen das Velo unten auf dem Parkplatz stehen und gehen zu Fuss. Durch mehrere «Hohle Gassen» steigt der schmale Weg bergan, nicht weit, vielleicht einen Kilometer, auf Steinplatten, die vor Jahrhunderten ausgelegt worden waren, und in denen die Spuren der Karren deutlich sichtbar sind. An verschiedenen Stellen sind zwei parallel geführte Rillen tief eingegraben, relativ eng nebeneinander. In diese Art Schienen mussten sich die Karrenräder einfügen, wenn sie flott voran kommen wollten, sonst stand das Gefährt gefährlich schräg und drohte zu kippen. Dann verlief der holprige Transport noch mühsamer, dann gesellte sich zum beschwerlichen Aufstieg noch die Seitenlage. Grässlich. Wir haben Mühe, uns das realistisch vorzustellen. Und zu allem Ärger kam noch hinzu, dass die Handelsleute – endlich oben angekommen – von hohen Abgaben gebeutelt wurden. Die Steuervögte hatten hier ein bewehrtes Zollhaus errichtet und verlangten ein happigen Batzen, bevor sie die Weiterreise erlaubten.
Durch das weite Gebiet des Joux-Waldes – die Region war lange Zeit Holzlieferant für den Salzgewinnungsprozess, bis sie fast gänzlich abgeholzt war und im 18. Jahrhundert wieder aufgeforstet wurde – gelangen wir nach Nans-sous-Ste-Anne. Dieses Dorf liegt sinnberückend in einem Talkessel, und ganz in der Nähe befindet sich ein Naturschauspiel erster Güte: die Lison-Quelle. Wasser, Wald, Fels, Höhlen.Eigentlich sind es ja keine Quellen, sondern sogenannte résurgences, im porösen Gestein versickerte Wasserläufe, die wieder ans Tageslicht treten. Im Fall der Lison-Quelle durch ein grosses, ovales Felsmaul, das von weiteren, senkrecht aufragenden Felsgebilden umsäumt ist. Wir stehen wie vor einem gotischen Kathedralenturm, und das leise Schauern rührt nicht nur von den feinen Tropfen, die vom Wasserfall herüberwehen.

Auf der Zinnstrasse retour

Über die schweisstreibende Anhöhe von Amancey radeln wir ins Loue-Tal. Ähnlich wie der Lison entspringt auch die Loue einem phänomenalen Felstor. Die Quelle ist der Anfang einer tiefen, abschüssigen Schlucht, die sich schnell zu einem lieblichen Tal wandelt. Und in diesem Tal, am Ufer des Flüsschens, das vom Doubs genährt wird und nach einigen Mäander-Runden wieder zu seinem Ernährer zurück fliesst, liegen romantische Dörfchen. Dieses Tal fahren wir von Ornans her aufwärts. So bewegen wir uns in der gleichen Richtung, wie sie vor gut 2500 Jahren von Handelsreisenden eingeschlagen worden war, als sie Zinn von den Bergwerken Cornwalls ins ferne Griechenland transportierten, wo daraus die neu entwickelte Bronze gegossen wurde. Der Weg führte zuerst über den Ärmelkanal, dann über die Flüsse Seine, Saône, Doubs und Loue hinauf. Schliesslich gings auf dem Landweg weiter, durch die Klus von Pontarlier und durchs Val de Travèrs ins Schweizer Mittelland. Über den Grossen Sankt Bernhard und auf dem Po in Oberitalien gelangte das Zinn an die Adria und nach Griechenland. Quer durch ganz Europa zog sich die Route – eine ungeheure Leistung für die damalige Zeit. Die gleiche Strecke wählen wir zum Abschluss unserer Velotour, bewältigen aber nur einen klitzekleinen Teil dieses alten Handelsweges. Am leichtesten sind die Abfahrten nach Fleurier, nach Noiraigue oder gar bis Neuchâtel. Jedenfalls eilt uns die Geschichte dauernd mit Riesenschritten hinterher…

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Infos Jura:


Reise:
Hinfahrt via Yverdon nach Ste-Croix. Rückfahrt ab Mouchard oder Besançon mit dem Zug in die Schweiz.

Sehenswertes:
Ste-Croix/L'Auberson: verschiedene Automaten-Museen
Nans-s/s-Ste-Anne: wasserbetriebene Sichel-Schmiede
Ornans: Museum des berühmten Malers Gustave Courbet
Pontarlier: Kirche St-Bénigne

Dokumentation:
Michelin-Führer Burgund/Jura
Kartenmaterial: Michelin Nr. 243 (1 : 200’000)
IGN Nr. 38 (1 : 100’000)
Kümmerly+Frey/VCS Nr. 12 (1 : 60’000) (teilweise)

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