Botschaftsleute, Beamte und Polizisten sind sich einig: Wer im einsetzenden Winter mit dem Fahrrad reist, ist durchgeknallt – grundsätzlich und in Georgien sowieso. Terroristen aus Abchasien und anderen Regionen im Norden des Landes – so meinen sie unisono – würden nur darauf warten, mich um Hab und Gut zu bringen. Schwer bewaffnet seien sie, skrupellos und böse.
Von Terroristen und … Polizisten
Doch mein Eindruck ist ein anderer: Die Einheimischen sind friedlich wie die Lämmer. Die Einzigen, die mir das Leben schwer machen, sind nicht die so genannten Terroristen, sondern die Polizisten. Die unterbeschäftigten Herren scheinen ihre Langeweile übertünchen zu wollen, indem sie alle 10 oder 15 Minuten den Radler an den Strassenrand beordern und ausfragen: woher, wohin, weshalb, wie lange, wie teuer das Fahrrad und so weiter. Keiner will den Pass sehen, nur schwatzen wollen sie, Probe fahren und sich amüsieren.
Von uniformierten Polizisten – so zeigt sich bald – ist nichts zu befürchten. Als ungleich schwieriger entpuppen sich diejenigen in Zivil. Beim Fotografieren eines alten, verlotterten Busses, der unglücklicherweise auf einem Armeegelände steht, werde ich von einem zivilen Spitzel wegen Verdachts auf Spionage sofort verhaftet und bis auf die Knochen verhört. Nach drei Stunden hinter Gittern hatte ich zwar erfolgreich kundgetan, eine harmlose Null von Tourist zu sein, der Film in meinem Fotoapparat wird trotzdem konfisziert und vernichtet. Selbstverständlich, winsle ich, werde ich nie mehr ein Gelände der Armee fotografieren.
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| Klosterfestung Narikala in Tiflis: Hell beleuchtet wie sonst nirgendwo. |
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| Die Höhlenstadt Vardzia: Vor 2000 Jahren lebten hier 50’000 Menschen. |
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| Auch an sonnigen Tagen erreichen die Temperaturen im November nicht immer den Nullpunkt. |
Volle Badewannen zum Empfang
In den Städten spürt man den Wohlstand, den Georgien während Jahrhunderten genoss. Doch von den einstigen Prachtpalästen bröckelt der Putz. Dass die Zeiten einmal rosiger waren, wird einem spätestens bewusst, wenn man in den grösseren Ortschaften Hotels sucht. In den mondänen Empfangshallen und grosszügig geschwungenen Treppenhäusern hängen üppige Kronleuchter, die Hallen aber bleiben dunkel: Elektrizität ist ausserhalb der Hauptstadt Mangelware, und meistens sind Kerzen die einzige Möglichkeit, Licht in die Räume zu bringen. Betritt man sein eiskaltes Zimmer, erblickt man verzierte Waschbecken, Bidets und prallvoll gefüllte Badewannen. Da meist – wenn überhaupt – nur nachts Wasser läuft, lassen die Angestellten während diesen Nachtstunden die Badewannen volllaufen. Der Plastikkrug verrät, dass das Wasser indessen nicht zum Baden gedacht ist: Nach dem Gang aufs Klo wird es in die Toilette geschüttet.
Mit der Taschenlampe ins Restaurant
Noch prekärer ist die Versorgung in den ländlichen Gebieten. Für den Gang in ein Restaurant wird die Taschenlampe benötigt. Man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt, kein Licht weit und breit. Die Beizen haben sich etwas einfallen lassen, um trotzdem auf sich aufmerksam zu machen: Sie lassen die Eingangstüren selbst im Winter weit offen stehen, sodass nebst Taschenlampe auch Mütze, Handschuhe und eine doppelte Schicht Faserpelzklamotten zum obligatorischen Outfit für einen Restaurantbesuch gehören. In vielen Restaurants dürfte die Temperatur nur unwesentlich über dem Nullpunkt liegen. Trotzdem wird einem immer schnell warm ums Herz. Wenn die Kerze flackerndes Licht an die Wände zaubert, die Wirtin auf dem Gasherd köstliche Chatschapuri (Teigkrapfen) und noch viel köstlichere Chinkali (die georgische Antwort auf Ravioli) hinzaubert, ist die Welt wieder in Ordnung.
Eine Felsenstadt für 50’000 Menschen
In der Hauptstadt Tiflis gibt es, was auf dem Land meist Wunschtraum bleibt: Strom. Auch viele Kirchen werden geheizt und werden deshalb zu Begegnungsstätten. Viele Familien kommen mit Picknickkörben und verlassen die heiligen Hallen erst nach Stunden. Die Gesänge, die zu hören sind, dringen direkt ins westliche Herz: schaurig traurig, schaurig schön. In vielen orthodoxen Klöstern in den Bergen nehmen sich die Mönche viel Zeit, Besucher persönlich herumzuführen. Der Tourismus ist nach wie vor bescheiden. In der monumentalen Höhlenstadt von Vardzia im Süden des Landes begegnen wir keinem einzigen Touristen. Einsam stehen wir in den 2000 Sälen und Kammern, die einst Platz boten für 50'000 Menschen. Mitten in der Felswand wurden die Höhlen, 13 Stockwerke hoch, aus dem blanken Stein gehauen, einige davon ausgebaut zu reich verzierten Kirchen.
Schlitterfahrten und Ansichtskarten
Die Strasse von Tiflis in die Schwarzmeerstadt Batumi ist auf unserer Karte als Hauptstrasse eingezeichnet, doch zeigt sich schnell, dass dies nicht so eng zu verstehen ist. Knietiefe Löcher sind keine Ausnahme, und der Schnee des einsetzenden Winters hat der Schotterstrassse arg zugesetzt. Autos wären im Matsch stecken geblieben, sodass der Abschnitt über den 2025 Meter hohen Goderzipass offiziell gesperrt war. Mit den Velos aber erreichten wir den Pass mehr oder weniger problemlos, obwohl auf den letzten Kilometern Schieben angesagt ist. Wollen wir das nächste Dorf noch vor dem Eindunkeln erreichen, müssen wir uns sputen. Doch das ist gar nicht so einfach. Auf der Schattenseite des Passes verwandelt sich die Strasse in eine einzige Eisbahn, wieder ist Schieben angesagt. Bei einem einsamen Bauernhaus klopfen wir an die Tür und fragen in brüchigem Russisch, ob wir angesichts der einsetzenden Dunkelheit in der Scheune übernachten dürften. Wir dürfen – und wie! Papize Ramaz Isidorowitsch setzt uns als erstes auf den Holzofen, und kaum sind wir aufgetaut, wird der Tisch nach allen Regeln georgischer Gastfreundschaft gedeckt. «Woher seid ihr? Ihr radelt im Winter mit dem Velasipied durch Georgien?» fragen die Knechte, die ganz am Schluss erhalten, was von den Gästen nicht verspeist worden ist, füllen die Wodkagläser und beginnen zu singen. Der Abend ist lang und feuchtfröhlich. Das Zimmer, das wir im oberen Stock erhalten, ist blitzblank wie das ganze Haus. Am Ende dürfen wir keinen einzigen Lari als Dank hier lassen, da kommen uns die Geschenke, die Remo nach Tiflis gebracht hatte, gerade recht: Ansichtskarten aus der Schweiz, eine Packung Fertigfondue und eine Tüte Mailänderli von der Mamma.
Bis zur Stadt Batumi ists erneut eine zweitägige Schlitterpartie durch sensationelle Landschaft. Wir sind begeistert vom sanften Klima der Schwarzmeerküste, den Parks und den prächtigen Palästen. Ich zücke meine Kamera und fotografiere einen der neoklassizistischen Paläste. Pech bloss, dass das Gebäude der Armee gehört. Ich werde wieder verhaftet. Ich frage mich, ob man in Georgien Hundekacke fotografieren dürfte, sie könnte ja am Ende auf einem Armeegelände liegen.










