Extremadura: Land der Eroberer

Ein hügeliges Land mit grossen Flussläufen, unendlichen Eichenhainen, durch die der Wind flüstert und ein paar Städten, die die Geschichten von der Entdeckung Amerikas erzählen. Die Velotour garantiert doppelte Intensität, sportliche und kulturelle.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 17.03.2000

Auf die Extremadura wurde ich vor Jahren durch einen Artikel in EL PAÍS aufmerksam. Darin stand zu lesen, die spanischen Staatsbahnen RENFE hätten den Plan, aus ein paar stillgelegten Bahnlinien Velowege zu machen. Frohgemut machte ich mich mehrmals auf, diese Vision in der Extremadura zu entdecken, und ich merkte bald, dass ich einem Hirngespinst hintendrein pedalte. Überall standen zwar zerfallende Bahnhöfe, und überall lagen verrostete Geleise, doch von Velowegen sah ich nichts.
Wozu auch Velowege in der Extremadura? Auch die Nebenstrassen sind gut, und ein Auto sieht man alle zehn Minuten. Also mit Velowegen war nichts, doch es begann eine lange Liebesgeschichte, die mit jeder Reise intensiver wird. Der Radler/die Radlerin findet ein abwechslungsreiches Terrain vor: weite Ebenen mit Eichenhainen, Flusstäler, Hügel, Bergketten mit kleinen Passübergängen. Die Gegend ist nicht flach. Seltsamer Landstrich. Fast immer hört man den Wind in Eichen- und Buchenblättern singen. Ein paar Vogelstimmen, sonst absolute Stille. Wo sind die Städte, wo ist Europa? Man legt sich unter eine Eiche, hat es in kurzer Zeit vergessen und weiss nicht, wo man selber ist. Man ist fasziniert von solcher Abgelegenheit, und gleichzeitig fürchtet man sich vor ihr. Hier wird extensive Land- und vor allem Viehwirtschaft betrieben, und man radelt stundenlang durch spärlich besiedeltes Gebiet mit Viehweiden. Die Gegend gilt seit Jahrhunderten als rückständig, und nur Grossgrundbesitzer kommen hier über die Runden.
Im Jahr 1492 vertrieben die katholischen Könige die Mauren und Juden von der Halbinsel, und im selben Jahr wurde Amerika entdeckt. Beides hat die Extremadura bis auf den heutigen Tag geprägt. Hier wurden die letzten Schlachten gegen die Araber geschlagen, und die Haudegen aus dem nördlichen Kastilien, Ritter, die für ihre Waffentaten mit enteignetem Land belohnt wurden, wussten nicht, was sie mit dem Geschenk anfangen sollten, denn Landbau war ihre Sache nicht. Raub, Mord und Wegelagerei schon eher. Das war spannender und einträglicher. Als alle Mauren vertrieben oder erschlagen waren, machten sich die Krautjunker gegenseitig das Leben schwer. Aus Langeweile. Ihr gemeinsamer Feind war geschlagen, sie wurden arbeitslos. So wurde der Landstrich zum Wilden Westen Spaniens.
In diesem Zustand befand sich die Extremadura, als die Nachricht eintraf, Amerika sei entdeckt worden. Kolumbus landete auf Kuba und Haiti, dann auf dem südamerikanischen Festland. Nach dem Entdecker brauchte die spanische Krone nun Eroberer, und zwar schnell, denn die Staatskasse war leer. Die Nachricht, dass von Sevilla aus Expeditionskorps in See stachen, für die man Personal brauchte, schlug in der Extremadura wie eine Bombe ein. Solche Aussicht auf oro y gloria, wie der Slogan lautete, war «Schutz und Zuflucht für Desperados, Absolution für Verbrecher, Freipass für Mörder, Morgenluft für Dirnen und Spieler, Irrtum für unendlich viele und persönliche Bereicherung für ganz wenige», wie Cervantes anmerkte. Zu Tausenden meldeten sich die Extremeños in den Rekrutierungsbüros, ihre Heimat entvölkerte sich buchstäblich. Fast alle sind gegangen. Deshalb ist die Extremadura ein wenig melancholisch. Wenige von den Emigranten sind eines natürlichen Todes gestorben, noch weniger sind zurückgekehrt und haben sich in den Städten schöne Häuser bauen lassen.
Image Die Namen der allermeisten Auswanderer kennt niemand mehr. Es gibt aber Ausnahmen, und sie sind jeweils verbunden mit verschiedenen Orten in der Region. So kann man eine richtige Pilgerfahrt zu den Ursprüngen der Amerika-Eroberer unternehmen. Zum Beispiel: Aus der Stadt Trujillo stammte Francisco Pizarro, der durch Peru brandschatzte. Auf dem Hauptplatz steht sein Denkmal. Es wurde 1910 von einem nordamerikanischen Bildhauer für einen Wettbewerb geschaffen – eigentlich als Statue Hernán Cortés’ (dem Mexiko-Eroberer machen wir im nahen Medellín unsere Aufwartung). Da stellte die Jury fest, dass Cortés alias Pizarro zwar ein Furcht erregendes Schwert in der Hand hält, der Bildhauer aber die Scheide für die Waffe vergessen hatte. Damit sank der Preis des Monuments auf den Schrottwert. So viel Geld war gerade noch in Trujillos Stadtkasse, und so kaufte der Kurverein die Bronzestatue. Ebenfalls aus Trujillo war Francisco de Orellana, der 1539 auf der Suche nach dem Dorado die Anden von Westen nach Osten überquerte. Am Río Napo baute er gegen den Willen seiner Vorgesetzten ein Schiff und fuhr in anderthalb Jahren den sechstausend Kilometer langen Amazonas hinunter bis zum Atlantik. Aus Jerez de los Caballeros stammte Vasco Núñez de Balboa, der sich in einem Fass nach Amerika schmuggelte und als erster auf dem Landweg die zentralamerikanische Landenge durchquerte. 1519 wurde er in Panama geköpft.
Kein Wunder, wurde die berühmt gewordene Schwarze Madonna von Guadalupe in der östlichen Extremadura die Schutzpatronin aller spanisch sprechenden Länder. Man kommt sich im schönen Bergstädtchen vor wie in Lateinamerika, denn carweise werden die Pilger aus Mexiko oder aus Argentinien angekarrt, damit sie hier die schwarze Jungfrau mit dem Jesulein küssen. Auch wir machen eine Pilgerfahrt, auch wenn wir noch nie in Amerika waren. Wozu auch? Amerika ist hier, und Amerika gibt es nicht. Sowenig wie es Europa gibt.
Wir sitzen vor dem Café auf dem Hauptplatz von Zafra. Von hier stammte Alonso de Alvarado, ein weiterer Peru-Eroberer. Wir sind in der Herbstsonne sitzen geblieben, lesen einander vor aus Publio Hurtados Buch über die Extremeños in Amerika. Es wurde 1929 publiziert und ist spannend wie ein Kriminalroman. Was würde Hurtado heute sagen, wenn er wüsste, dass Velotouristen sein gelehrtes Buch als Reiseführer brauchen? Wir hoffen, er würde sich freuen, denn per Velo macht Kultur noch mehr Spass, und umgekehrt: Was ist Velofahren ohne Kultur? In der Extremadura lässt sich beides gut verbinden. Nach der Reise weiss man mehr über die Weltgeschichte, und die Wädli werden auch schön knackig.

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Information:

Die Extremadura ist ungefähr gleich gross wie die Schweiz und liegt 120 km südöstlich von Madrid an der portugiesischen Grenze. Trotz ausgeprägt ländlichem Charakter finden Reisende eine gute touristische Infrastruktur vor: Cáceres, Trujillo, Plasencia, Guadalupe, Mérida und Zafra sind sehr schöne Städte, die alle in Tagesdistanzen voneinander entfernt sind und sich gut in die Etappenplanung einfügen.

Literatur:
Hans-Peter Burmeister, Extremadura, Köln 1992, 242 S., sfr. 43.60.

Karte:
Michelin Blatt 444, Madrid, Castilla-La Mancha, Extremadura, 1:400 000, Fr. 9.80.

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