Exklusive LeserInnenreise mit Dres Balmer

Geplant war Anfang März eine Art Blustfahrt, um unserem Publikum die anstehende LeserInnenreise durch die italienische Region Marken schmackhaft zu machen. Aus dem Blust wurde dann leider nichts, doch die Lust verging uns dennoch nicht.

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Dres Balmer
Reisen, 12.12.2008

In Mailand ist es trocken und null Grad, der Himmel bleiern und erdrückend tief. Wir steigen um, fliehen in die Wärme des nächsten Zuges. In Piacenza regnet es, in Parma werden die Regentropfen weiss. In Reggio nell’Emiglia schneit es so wie in meiner Schneekugel «Gruss aus Engelberg». In Modena wird es uns ums Herz wie im Advent, es fehlt nur das Rentier Rudi mit der roten Schnauze, das neben der Bahnlinie herzottelt und den Schlitten mit dem Samichlaus hinter sich herzieht. In Bologna hat der Wintereinbruch den Autoverkehr zur Strecke gebracht. Überall Stau. Die Scheibenwischer wischen und wischen, die Scheinwerfer leuchten und leuchten in die fallenden Schneeflocken. Fahrer steigen aus und zappeln zwischen den Autos herum. Es schneit und schneit und schneit. Ruhe senkt sich übers Land. In Küstennähe wird aus dem Schnee wieder Regen. Das Land ist ockerfarben und olivgrün, giftig grau rasen die Wellen der Adria auf die Küste zu. Pesaro. Der Wind rüttelt an den Strandbuden. Ein Hotel ist offen, wenige Gäste sind hier, die meisten sprechen Russisch. Es regnet auf das Glasdach des Wintergartens.
Frühstück gibt es zum Glück schon um sieben Uhr, um acht sind wir im Sattel. Zwischen Pesaro und Gabicce zieht sich dem Meer entlang ein zwanzig Kilometer langer Bergrücken, darüber schaukelt verspielt ein luftiges Panoramasträsschen. Wir radeln zum Hafen, dann geht es hinauf. Der Regen hört auf. Sonnenschein. Der Asphalt beginnt zu trocknen. Das Meer wird immer blauer. Wir sind selig. An der Kälte, am harten Biswind ändert die Sonne kaum etwas. Alle zehn Minuten treffen wir ein Auto, dafür immer mehr Gümeler, die sich aus Furcht vor dem legendären golpo d’area eingemummt haben bis unter die Augen. Wie die Pest fürchtet ganz Italien den golpo d’area, hat daraus eine Kultur gemacht. Golpo d’area, zu Deutsch Windstoss. Dabei ist ganz Italien im Moment ein einziger golpo d’area. Abfahrt nach Gabicce. Unten sind die Finger starr vom Bremsen. Sonntagmorgen, alle Italiener herausgeputzt und wie aus dem Schaufenster gekippt. Gedränge an der Bar. Zwei schrille Schönheiten entfliehen der Menschenansammlung, nehmen ihren Kaffee und setzten sich dezidiert draussen auf die Terrasse. Es sind Russinnen. Die sind die Kälte gewohnt, aus Sibirien und Moskau, wo sie sogar bei zwanzig Grad minus noch Glace essen.

Kanonen aus der Schweiz

Es geht in die Berge, weg vom Meer, hinauf in die Republik San Marino, deren Felszinnen wir schon von unserer Panoramastrasse aus gesehen haben. Auf und ab, stille Strassen, schlafende Dörfer, ein Grenzschild. Wir sind die einzigen Besucher heute, natürlich ausser ein paar Russen. Wir finden San Marino sehr sympathisch. Wir werden nach Hause gehen und prahlen: «Ha, wir waren in San Marino, und dort waren überhaupt keine Touristen, ausser wir selber und ein paar Russen.» Fast zuoberst finden wir ein einfaches Hotel mit einer Aussicht, die einem den Atem raubt. Wir steigen hinauf in die Festung, dort stehen
in einem Schaufenster zwei Kanonen, die die Schweizer den Marinesen geschenkt haben, als Zeichen der Freundschaft mit anderen freiheitsliebenden Bergvölkern. Wir gehen ins beste Restaurant, essen den besten Fisch, trinken den besten Wein und werden vom besten Kellner bedient. Wir sind die einzigen Gäste. Ausser ein paar Russen. Langsam gewöhnen wir uns an sie. Draussen schneit es. Im Cheminée knackt das Scheit. Wenn es neulich in Modena Advent war, ist heute Weihnachten. Weihnachten in San Marino, und das Anfang März. Bloss nicht an morgen denken.

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Fahren wie in Watte

Doch der Morgen kommt. Er kommt mit Schneetreiben, er kommt mit minus fünf Grad. Guten Morgen, San Marino, guten Morgen, Schnee, guten Morgen, Kälte. Nur kurz beim Kaffee am warmen Ofen stellt sich die Sinnfrage, dann stürzen wir uns ins Tal. Urbino heisst unser Ziel. Auf dem ersten Teil der Strecke haben sie so viel Salz gestreut, dass sich keine Schneedecke bildet. Mein Freund René sagt: «Zum Glück bleibt der Schnee nicht liegen.» Ich sage: «Verschrei es nicht, René.» Dann besiegt der Schnee das Salz und bleibt liegen. Wir fahren wie in Watte und wie auf Eiern. Der Autoverkehr, der eben noch rege war, wird spärlich. Niemand hat hier Schneeketten, am Strassenrand stehen Autos mit laufendem Motor, die Scheibenwischer wischen, die Scheinwerfer scheinen, die Sommerreifen drehen durch. Die Fahrer sitzen hinter den beschlagenen Scheiben, drücken ihr telefonino ans Ohr und brüllen hinein, als ob die Lautstärke den Schnee zum Schmelzen bringen könnte. Wir fahren langsam, doch wir fahren, auf und ab, über mehrere kleine Pässe. Manchmal macht es Spass, doch es ist sehr anstrengend. Ein Dorf heisst Auditor. Wir gehen in die Bar. Die Knochen tun uns weh. Jeder ist einmal gestürzt. Der René auf die rechte Schulter, ich auf die linke Hüfte. Ein Mann in der Bar fragt, ob wir Deutsche seien oder Schweizer. Wir sagen: «Schweizer». Der Mann sagt, er sei zwanzig Jahre in Solothurn gewesen, und es sei die glücklichste Zeit in seinem Leben gewesen. Er wird sentimental. Er freut sich, richtige Exemplare von Schweizern zu sehen, und wir glauben es ihm. Wo passiert einem das noch? Zwischen San Marino und Urbino, aber bloss an Weihnachten. Er schüttelt uns die Hände, zahlt einen caffè corretto. Der Mann deutet auf meinen Helm und lacht: «Schneehaube, sicher zwanzig Zentimeter, porca Madonna.»
Urbino ist eine der schönsten Städte Italiens, und heute ist sie noch schöner, weil sie überall verziert ist mit weissen Häubchen und Girlanden. Alles ist lehmfarben und weiss, sonst gibt es fast keine Farbtöne. In den Gassen ist irrsinnig viel junges Volk unterwegs. Wir sind die Attraktion. Die ersten Schneebälle treffen unsere Packtaschen. Das ist also wohl das «fröhliche studentische Treiben», von dem wir im Reiseführer gelesen haben. Hoffentlich treiben sie auch noch anderes. Halbtot und ausgehungert sitzen wir in einer Trattoria und essen Spaghetti. Da fragt René: «Sag mal, was schreibst du eigentlich?» Ich: «Ich schreibe die Wahrheit.»

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Informationen

Auf einen Blick: Die Marken (it. Le Marche) sind eine Region an der Adria zwischen den Küstenorten Rimini und Porto d’Ascoli. Sie besteht aus den vier Provinzen Pesaro-Urbino, Ancona, Macerata und Ascoli Piceno, hat nicht nur 180 km Küstenlinie, sondern reicht im Westen hinauf in den Apennin mit Bergen bis 2500 m. Gesamte Fläche: 9700 km2, 1,4 Mio. Einwohner. Flach sind die Marken nur in Küstennähe. Das Hinterland ist hügelig bis gebirgig.

Exklusive LeserInnen-Reise für Kulturinteressierte und Sportliche mit Eurovelo:
18. bis 25. September 2004
Kosten: Fr. 1420.– (Halbpension, Gepäcktransport, Velomiete etc., Einzelzimmerzuschlag Fr. 90.–)
Die TeilnehmerInnenzahl ist beschränkt.
Anmeldung: velojournal, LeserInnenreise, Cramerstrasse 17, 8004 Zürich
Anmeldeschluss: 31. August 2004

Programm: Samstag: Anreise per Bahn nach Gabicce Mare. 1. Radtag, Sonntag: Gabicce Mare–Pesaro–Gabicce Mare, 50 km. 2. Radtag, Montag: Per Bus nach San Marino, Rückfahrt per Velo nach Gabicce Mare, 45 km. 3. Radtag, Dienstag: Gabicce Mare –Urbino, 50 km. 4. Radtag, Mittwoch: Urbino–Fano, 50 km. 5. Radtag, Donnerstag: Urbino–Senigallia, 50 km. 6. Radtag, Freitag: Mit dem Zug Senigallia–Loreto, per Velo Loreto–Ancona, 45 km. Samstag: Rückreise per Bahn in die Schweiz.

Unser Reisejournalist Dres Balmer begleitet Sie.

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