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Wer noch das satte Grün der Wiesen Chiles im Kopf hat, den Regen und die Welt der wilden Fjorde, wird mit dem Überschreiten der Grenze in eine andere Welt katapultiert: Östlich der Anden ist alles umgekehrt. Hier herrscht das Graubraun der sandigen Böden. Regen ist selten, die Gegend präsentiert sich als endlose Buschlandschaft. Gute Strassenkarten sind – mindestens theoretisch – überflüssig. Wer von Perito Moreno nach Süden aufbricht, kommt automatisch ans Ziel. Die legendäre Ruta 40 («ruta quarenta») ist die einzige Strasse und die stille Schlagader Patagoniens. Längst haben sich die Bewohner an das Bild der «locos» gewöhnt, an die Verrückten, die von hier aus südwärts radeln. Zwischen dem Supermercado am Stadtrand, wo wir uns mit Fressalien eindecken, und dem nächsten Dorf liegen knappe 500 Kilometer – 500 Kilometer Stille. Hörbar sind nur zwei Dinge: das Blöken der Schafe und der Wind. Nirgends auf der Welt windet es so stark und häufig wie hier. Bläst uns Gegenwind ins Gesicht, treten wir mit voller Kraft in die Pedale und schaffen doch nur fünf Kilometer pro Stunde. In solchen Fällen wird manchmal ein drittes Geräusch hörbar: das Fluchen der Radler. Was zum Teufel hat uns dazu bewogen, nach Patagonien zu reisen? Wir hinterfragen unser Leben, möchten zu Hause sein und vor dem Kamin ein Buch lesen. Wenn wir aber Glück haben, brettern wir dank Rückenwind lächelnd mit bis zu fünfzig Stundenkilometern über die Schotterpisten und wissen: Genau so muss das Leben sein.
Der Delfin in der Pampa
Ein Schild und ein Briefkasten an der Strasse weisen ab und zu darauf hin, dass in der Umgebung Menschen wohnen. Die Estançias, die Gutshöfe der Bauern, liegen oft Dutzende von Kilometern von der Strasse entfernt und bleiben für uns unsichtbar. Die Estançias könnten unterschiedlicher nicht sein. Viele präsentieren sich als luxuriöse, riesige Landsitze mit Hunderttausenden von Schafen und Pferden. Der Gutshof der Modefirma Benetton zum Beispiel ist so gross wie der Kanton Graubünden. Andere sind zu schicken Touristenhotels umgebaut worden, die meisten aber sind die höchst bescheidene Heimat von dickschädeligen Gauchos. Die Estançia Delfin und der Besitzer Manuel gehören zu Letzteren.
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Zuerst werden uns Spiegeleier serviert. Manuel sitzt in der Ecke der kleinen Küche und fragt grinsend nach unserer Herkunft. «De Suiza! Suiza?» Er rollt seine Augen, schnalzt, brüllt wie ein Seelöwe, stellt uns zwei Gläser auf den Tisch, giesst viel Weisswein daneben, lacht und fragt: «De Suiza? En bicicleta?» Am Herd steht ein kleiner Mann in einer abgewetzten Lederjacke, spricht kein Wort und versucht das Feuer zu löschen, das beim Braten weiterer Spiegeleier wegen der fingerdicken Kruste alten Öls aus der Bratpfanne lodert. Manuel aber sitzt in seiner Ecke und brüllt. Das sei sein amigo, der Nachbar von nebenan, er sei mit dem Pferd gekommen und wohne vierzig Kilometer entfernt auf der Estançia Oriental. Manuel giesst mehr Wein in unsere Gläser, brüllt, klopft sich triumphierend auf die Schulter und rülpst. Nach dem kleinen Apéro in Form von je fünf Spiegeleiern verkündet Manuel den Hauptgang, brüllt weiter herum, stellt ein Plastikbecken mit Fleisch auf den Tisch, weist uns an, Sauce aus der Flasche darüber zu giessen und zeigt uns, wie man dies in der Pampa zu tun pflegt. Er nimmt ein Stück Fleisch in die Hand und hält die Flasche hoch in die Luft. Drei Viertel der Knoblauchsauce landen in dicken Klecksen auf seiner Hose oder dem Pullover – das scheint ihn nicht zu stören.
Spät in der Nacht beziehen wir wacklige Betten im Nebenraum. Als wir am anderen Morgen etwas für die Gastfreundschaft bezahlen wollen, weist Manuel das Geld mit Vehemenz zurück.
Halbierte Seen und wiehernde Kamele
Ab und zu verlässt die Ruta 40 das Flachland und führt durch die östlichen Ausläufer der Anden. Auf kleinen Nebenstrassen lassen sich die herrlichsten Gebirge in kurzer Zeit erreichen, zum Beispiel das Massiv mit den sagenumwobenen Bergsteigerattraktionen Fitzroy und Cerro Torre. «Während 320 Tagen», sagt uns die Polizistin hoch zu Ross, «hüllen sich die beiden in dichte Wolken.» Entsprechend packen wir die Regenklamotten für unsere Zweitageswanderung in den Rucksack, geniessen aber eitel Sonnenschein und erblicken die Aushängeschilder der südlichen Anden in perfektem Licht.
Nicht weit entfernt drängt der Perito-Moreno-Gletscher in die stillen Wasser des Lago Argentino und beschert eine einzigartige Attraktion. Der See wird durch den vordringenden Gletscher in zwei Teile zerlegt, einen oberen, der über keinen Abfluss mehr verfügt und dessen Wasserpegel kontinuierlich steigt, sowie einen unteren, der sich zusehends entleert. Alle vier bis sechs Jahre wird der Druck auf die Gletscherspitze so gross, dass mit einem riesigen Kraftakt die ganze Spitze von den Fluten weggespült wird und sich die beiden halben Seen wieder zu einem ganzen vereinigen. Wer nicht das Glück hat, dieses dramatische Schauspiel live zu erleben, wird entschädigt durch den Anblick gigantischer Gletscherstücke, die mit Getöse fünfzig Meter tief in den See stürzen – und einer sensationellen Szenerie.
Schweinisch grunzt das Guanako
Anden-Kondore (mit einer Flügelspannweite von über drei Metern die grössten Vögel der Erde), Nandus und putzige Pinguine sorgen für Unterhaltung. Leider bleiben die Pumas unseren Blicken verwehrt und präsentieren sich lediglich flach gewalzt als Teppiche in den Estançias. Doch finden wir bald Kontakt zu anderen Vier-
beinern – zu Gürteltieren, Wüstenfüchsen und den Kamelen der Anden, den Guanakos. Sie leben in Herden und animieren uns zu bisher unbekannten Wettkämpfen. Gewonnen hat, wer den unbeschreiblichen Sound der Guanakos am besten nachmachen kann. Kein einfaches Unterfangen, zumal es gilt, das Wiehern eines Pferdes mit dem Röhren eines Hirsches zu verbinden und noch einen Schuss schweinisches Grunzen mit einzubeziehen. Und wenn wir uns zu stark vom Picknickplatz entfernen, plündern die Viecher schamlos unseren Mittagstisch.
Auf dem Festland hat der Wind verrückt gespielt, in Feuerland gesellt sich dann als Zugabe noch launisches Wetter dazu. Sonne und Regen liefern sich täglich einen Schlagabtausch. Das Radeln und Zelten wird bei stürmischem Wind und arktischen Temperaturen schnell zu einer Zerreissprobe. Wieder hören wir hier nur das Blöken der Schafe und den Wind. Dann aber endet die Strasse, vor uns liegt das Meer und Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt.

Infos zur Tour
Beschriebene Route: 1660 Kilometer. Zu bewältigen in vier bis sechs Wochen. Mehrheitlich Schotterstrassen in unterschiedlichem Zustand.
Beste Reisezeit: November bis März.
Kost und Logis: Einfache bis luxuriöse Zimmer in den Estançias, in Dörfern auch Hospedajes (Pensionen), Doppelzimmer ab 30 Franken. Ansonsten Zelten. Wasser an Tankstellen und Bächen. Lebensmittel sind für südamerikanische Verhältnisse eher teuer.
Karten und Reisebücher: Militärkarten 1:500000 (viele Blätter vergriffen), AutoMapa 44, Patagonia, 1:1000000. Argentina und Chile, beide Verlag Lonely Planet (in Englisch).
An- und Rückreise: Zürich–Buenos Aires retour ab 1050 Franken, Inlandflüge pro Weg 100 US-Dollar. Kein Visum erforderlich.
Internet:
markusgreter@gmx.ch
www.bikeforever.ch











