Die Rückkehr des Odysseus

Per Bahn nach Italien, mit der Fähre nach Nordgriechenland und auf Umwegen nach Athen: Da hat sich einiges geändert in den letzten zwanzig Jahren. Jetzt kommen sogar Autofahrer und Hunde damit zurecht, dass es Radler gibt. Und für die Bahnhofsvorsteherin gibts einen Kuss.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 06.12.2008

 Höchste Zeit, nach zwanzig Jahren wieder auf dem Land- und Seeweg nach Griechenland zu reisen. Das ist langsam, dafür kann die Seele folgen. Per Eisenbahn gehts bis Ancona, von dort mit der Fähre nach Igoumenitsa bei Korfu. Das ist Reisen, das ist Schiffspassage. Im Vergleich dazu ist Fliegen der reine Stumpfsinn. Der Flugreisende ist ein Stück Vieh, das von A nach B befördert werden muss, der Fährpassagier ist ein Gast. Ich habe eine Couchette reserviert, die billigste Kategorie. Am Einstieg steht ein Mann in weisser Uniform, der die ankommenden Gäste willkommen heisst. Er ist frisch rasiert, seine Schuhe glänzen. So toll sieht er aus, dass ich denke, es sei der Admiral.

Auf Rolltreppen schwebe ich hinauf zur Reception, wo ich begrüsst werde, als ob ich eine Suite gebucht hätte. Ein livrierter Boy greift meine Sacochen und führt mich zu meinem Logis. Ich bin baff und gebe ihm ein gutes Trinkgeld. Zum Essen und fürs Nachtleben hat man die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Restaurants, Bars, Spielsalons und Dancings. Staunend flaniere ich durchs Schiff, dann lege ich mich schlafen. Am Morgen steige ich an Deck. Die Sonne scheint, das Schiff dampft der dalmatinischen Küste entlang, es riecht nach Meer und Diesel, Möwen kreisen ums Heck. Das ist Reisen. Igoumenitsa wird angekündigt, das Schiffshorn heult, die Fähre legt an. Ich bin angekommen, und meine Seele mit mir. Beim Ausgang steht zum Abschied wieder der Mann in weisser Uniform. Es muss der Admiral sein. Ich schüttle ihm zum Abschied heftig die Hand.

Die Hunde fressen jetzt Valium
Ich fühle mich wie Odysseus, der nach vielen Jahren wieder ins Land kommt. Odysseus also. Irgendwann in den siebziger Jahren eroberte er die Peloponnes, und jetzt erinnert er sich an zwei Hauptschwierigkeiten: Die griechischen Automobilisten, Hand auf der Hupe, beide Füsse auf dem Gas, fuhren wie die Räuber. Als Radler war man für sie ein Dreck. Und ungefähr jeder zweite Hund setzte zum Angriff auf einen an, mit gebleckten Reissern und mit Schaumfetzen ums Maul setzten sie einem bis zur Erschöpfung nach. Es war höllisch. Auf alles ist Odysseus Podílato* also gefasst, als er jetzt in Igoumenitsa losfährt. Der Verkehr im Städtchen ist ziemlich dicht, doch alle Autofahrer sind höflich. Odysseus staunt. Schon sieht er aus den Augenwinkeln den ersten Hund, der auf dem Trottoir liegt, dann den zweiten, den dritten. Keiner regt sich, keinen mehr scheinen Radlerwaden zu interessieren. Odysseus glaubt es kaum, doch die folgenden Tage bestätigen es: Radlerwadenbeissköter sind in Griechenland kein Thema mehr. Was ist bloss geschehen? Liegt es an Odysseus’ weissem Bart?

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Nach Ioánnina geht es in die Berge

Es geschehen Wunder
Odysseus Podílato mag Griechenland, wenn die Saison vorbei ist. Die Tage sind noch warm, über Mittag zirpen die Grillen, schon liegt Herbstlaub am Boden, vor manchem Kafenion sind Plastikstühle aufeinander gestapelt. Noch nie waren die Meteoras-Berge so schön, so gläsern entrückt.
Odysseus dachte bei der Planung, er müsse ausweichen auf kleinere Strassen, doch auch auf den Hauptstrassen ist der Verkehr durchaus erträglich. Odysseus kommt auf Zeltplätze, wo der Chef sagt: Das Schwimmbad ist schon geleert, oder: Das warme Duschwasser ist schon abgestellt. Dann findet der Wirt, Odysseus Podílato sei ein Hungerleider, der sich kein Auto leisten kann, und sagt: Der Zeltplatz ist gratis. Odysseus sagt efcharistó polí, schlägt das Zelt auf, geht in die Beiz, trinkt Bier.
Odysseus radelt am Golf von Maliakós, will in Glifa, weiter östlich, die Fähre nehmen. Er ist spät dran. Ein Mercedes-Cabriolet überholt ihn, bremst auf seiner Höhe ab, der Fahrer fragt, ob er, Odysseus, die Fähre auf die Insel Evia nehmen wolle. Odysseus nickt heftig. Der Fahrer ruft zurück, die Fähre werde warten. Odysseus lacht ungläubig, radelt und radelt, auf und ab an der Küste, jetzt um den letzten Felsvorsprung. Vorne liegt die Fähre. Das Schiffshorn tutet. Odysseus denkt schon, er kanns vergessen, doch die Fähre wartet auf ihn, legt mit zehn Minuten Verspätung ab. Aus dem Mercedes winkt der Grieche.
Auf Evia herrscht eine andere Zeit. Die Dörfer sind ruhig, auf den Strassen fahren kaum Autos, die Grillen zirpen lauter als auf dem Festland, der Wald duftet nach Harz. Vor einem Kafenion in Istiéa bleibt Odysseus sitzen, döst in die Sonne hinein. Er sitzt eine halbe Stunde, eine ganze. Die Sonne ist dem Horizont schon nahe. Odysseus muss noch ein Stück radeln. Er hat keine Ahnung, wo er heute Abend übernachtet, doch das ängstigt ihn nicht im Geringsten. In Prokopi ist eine riesige Wallfahrtskirche. Sie pilgern hierher zum unverwesten Leichnam des heiligen Johannes des Russen. Man kann ihn im Glassarg betrachten, das Kinn, die Unterarme, die Füsse wie aus dunklem Leder. Dabei liegt er schon bald dreihundert Jahre hier. Odysseus braucht ein Nachtlager. Er geht zum Popen, der schickt ihn über den Platz ins Pilgerhaus.
Die Reise endet in Halkida. Von hier gibt es eine Eisenbahn nach Athen. Sie fährt in ein paar Minuten. Odysseus geht zum Bahnschalter, fragt, ob das Velo mitkann. Die Frau hinter dem Schalter sagt Nein. Odysseus bettelt und sagt, er könne sein Velo in ganz kleine Stücke demontieren. Die Frau sagt Nein und zieht den Vorhang zu. Odysseus behält die Nerven, schiebt das Velo auf den Perron. Die Passagiere stehen an den offenen Zugfenstern. Ein Velo auf einem Bahnperron, das haben sie noch nie gesehen. Odysseus lädt die Packtaschen in den Zug, nimmt das Vorderrad ab, dann das Hinterrad. Der Kondukteur kommt und sagt en daxi, was so viel heisst wie: Ist in Ordnung. Da kommt die Schalterfrau, sagt, Odysseus müsse zahlen fürs Podílato. Odysseus gibt ihr einen Geldschein und einen Kuss und sagt efcharistó polí. Die Zuschauer in den Zugfenstern lachen, die Schalterfrau ist violett, mit einem Satz ist Odysseus im Zug. Die Türen zischen zu, der Lokomotivführer erhöht die Tourenzahl des Dieselmotors, der Zug stampft nach Attika.

*griechisch: Podílato = Fahrrad.

Reiseinformationen:

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Die Route: Igoumenitsa (0 m.ü.M.) – Ioánnina (480) – Katara-Pass (1690) – Kalambaka (240) – Tríkala (115) – Karditsa (105) – Namenloser Pass (530) – Fourka-Pass (1200) – Lamía – Stilída – Glifa (0) – (Fähre) – Agiokambos – Prokopi – Namenloser Pass (605) – Halkída (0). Gesamtdistanz: 600 km. Die Topografie ist fast immer hügelig.
Reisezeit: Herbst oder Frühling.
An- und Rückreise: Über Italien sind verschiedene Zug/Fähre-Kombinationen möglich, um nach Griechenland (Igoumenitsa, Patras, Piräus) zu gelangen. Die Fähre kann man buchen bei Danae Shipping, Hottingerstrasse 5, 8032 Zürich, Tel. 01 262 78 88, E-Mail danae-minoan@access.ch.
Im Netz unter www.minoan-lines.ch. Ein Preisbeispiel: Die Passage Ancona–Igoumenitsa retour ist in der Zwischensaison ab 377 Franken zu haben. Das Velo fährt gratis mit.
Velotransport: Wer in Italien den Eurostar nimmt, muss den TranZBag dabeihaben. Dasselbe gilt für die Eisenbahn Halkida-Athen. Im Zug Athen-Patras kann man das Velo ohne Sack mitnehmen.
Karte: Griechenland von Michelin 1: 700’000.

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