Biermässig durchs Mühlviertel

Das Mühlviertel bei Linz in Österreich ist fürs Velo höchst attraktiv. Dazu erleben hier ein paar kleine Brauereien eine Renaissance. Dres Balmer hat sie abgefahren.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 22.09.2000

Die Brauerei Hofstetten bei St. Martin besteht seit 1229 und ist die älteste Brauerei Österreichs. An dem Fahrweg, der von der Hauptstrasse abzweigt, steht kein Schild. Das ist auch nicht nötig, denn stolz wie ein Schloss steht der Vierkanthof mit eigener Quelle etwas abseits vom Dorf St. Martin auf einem Hügel. Der Betrieb hat alle Unbilden der Zeit überstanden, zuletzt die schwierigen Jahre nach 1945 bis zum Staatvertrag 1955, als das Mühlviertel zur sowjetischen Besatzungszone gehörte. Doch auch die Russen merkten, wie gut das Hofstettner Bier ist, requirierten das Geschäftsauto, liessen aber den Braubetrieb in Ruhe. Hofstetten ist heute eine moderne Brauerei mit den frechsten Etiketten ganz Österreichs, und immer wieder werden neue Produkte kreiert, die BierpilgerInnen aus ganz Europa anziehen.
«Mühlviertler Bierreise». Unter diesem Titel wird die Entdeckungsfahrt von den Touristikern angepriesen. Doch sie schlagen nicht eine bestimmte Route vor und wenden sich vor allem an AutofahrerInnen. Wir lachen und fahren von Linz auf dem Donau-Radweg aufwärts bis Aschach. Das geht ohne Anstrengung, doch rechts werden die bewaldeten, steilen Kuppen immer bedrohlicher. Wir biegen nach Norden ab, und der radlerische Bierernst begint.
Die ersten drei Brauereien unserer Reise – Hofstetten/St. Martin, Neufelden und Schlägl/Aigen – liegen in einer Linie von Süden nach Norden. Die Bundesstrasse 127 ist aber stark befahren. So gelangen wir auf Umwegen nach Neufelden. Der Braumeister staunt, als wir ihm erklären, wo wir durchgefahren sind, denn je nördlicher man kommt, desto mehr Hügel hat man logischerweise überwunden. Stolz zeigt uns Herr Kühberger seinen modernen Betrieb, doch weil es noch nicht Abend ist, widerstehen wir auch hier der Versuchung einer Degustation oder Verkostung, wie das in Österreich heisst. Ein Fläschchen in die Velotasche, und weiter geht die Reise.
Im Prospekt haben wir vom Fischerwirt in Oberkappel ganz im Westen gelesen, der neben typischer Mühlviertler Küche eine wahre Bier-Akademie pflegt. Sieben Hügel hinauf, sieben Hügel hinunter, und wir sind dort, sitzen auf der Terrasse in der warmen Abendsonne. Vogelgezwitscher, gut gelaunte Menschen. Und endlich Bier. Verschiedene Spezialitäten in kleinen Dosen verkostet. In die Sonne gehalten. Geschaut, wie es bernsteinern schimmert. In kleinen Schlückchen probiert. Links und rechts von der Zunge hinuntertröpfeln lassen. Einen Schemel unter die müden Waden gestellt. Jetzt einen substanzielleren Schluck, dann einen Radler-Urschluck. Luft abgelassen, d.h. gerülpst.
Image Zum Fischerwirt kommen Gruppen, um sich nicht nur Bier-Menüs, sondern in so genannten Bier-Kulinarien auch die weisen Anmerkungen des Chefs zu Gemüte zu führen. Doch Fischer beruhigt: «Nach dem fünften Bier werden die Herrschaften fidel, und ich brauch nicht mehr so viel zu reden.» Die für die Region typische pièce de résistance besteht aus einem mit Bierteig umbackenen Schweineschnitzel, das mit Ziegenkäse und mit Spinat oder Bärlauch gefüllt ist. Wir essen uns einen Vorrat an für morgen und übernachten gleich hier.
Immer der revidierten Reisephilosophie treu, reisen wir grob in die Himmelsrichtung der nächsten Brauerei, vermeiden grosse Strassen, fahren über Kuppen und durch enge Flusstälchen, füllen die Bidons mit Wasser und freuen uns aufs Bier am Abend. Aigen im Nordwesten ist ein Höhepunkt. Kulturell wegen der Stiftskirche Schlägl und ihrer Bibliothek, biermässig wegen der Stiftsbrauerei und wegen Braumeister Sigfried Wagner, der ihr stolz wie ein König vorsteht, und kulinarisch wegen des Gasthofs Schiffner.
Es zieht uns nach Osten, zuerst der tschechischen Grenze und dann südlich der B 38 entlang ins behäbige Freistadt mit Schloss, Brauerei und Gasthäusern. Doch wir haben den ländlichen Rhythmus gefunden und wollen ihn nicht aufgeben. Dieses Mühlviertel! Ein verwunschener Landstrich, grandios und manchmal wehmütig wie eine Symphonie von Anton Bruckner. Den Bruckner hat man immer im Ohr, doch wenn der Radler am Abend den Mühlviertler Dichter Adalbert Stifter liest, fallen ihm nach drei Seiten die Äuglein zu.
Ein leichter Regen macht das Land plötzlich ernst, Nebelfetzen hängen in den Waldkuppen, traurig stehen die Marterln (Kruzifixe) am Weg. Die Nacht beginnt zu dämmern, wir bewältigen die letzte Steigung hinauf zum Schloss Weinberg bei Kefermarkt, freuen uns auf das Schlossbier. Gegen das Wasser von aussen ist das Bier von innen das beste Mittel. Hefetrüb und versöhnlich. Hell oder dunkel. In der schönen Gaststube ist ein Teil des Sudhauses sichtbar, und man kann im selben Gebäude übernachten. Die Stille in der Nacht ist vollkommen.

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Information:

Allgemein:
Das Mühlviertel liegt nördlich von Linz und ist so gross wie der Kanton Waadt. Tiefster Punkt: Grein (233) im Südosten. Höchster Punkt: Plöckenstein (1379) im Nordwesten, dazwischen tausend Hügel. Die interessantesten Brauereien sind im Westen des Mühlviertels zu finden. Die Region ist reich an kleinen Strässchen, und überall findet man Gasthäuser. Am angenehmsten reist, wer sich grob an den Brauereien orientiert, sonst aber improvisiert und nicht im Voraus Etappen festlegt.

Anfahrt:
Mit dem Nachtzug Wiener Walzer bis Linz. Im Velosack TranZbag reist das Velo gratis mit. Regionalbahnen mit Velotransport erschliessen das Mühlviertel.

Die sechs Mühlviertler Brauereien im Uhrzeigersinn:
Brauerei Hofstetten in St. Martin. 2. Neufeldner Bräuhaus in Neufelden. 3. Stiftsbrauerei Schlägl in Aigen-Schlägl. 4. Braucommune Freistadt in Freistadt. 5. Schlossbrauerei Weinberg in Kefermarkt. 6. Burgbrauerei Clam in Klam.

Kost und Logis:
Einige Gasthäuser sind auf Mühlviertler Bierkultur und Küche spezialisiert. Einzelheiten findet man in den Unterlagen der Mühlviertler Touristik.

Literatur und Karten:
Für Liebhaber: Schaumberger, Wagner u.a., Mühlviertel, Natur- und Kulturlandschaft. Edition Brandstätter, Wien 1997. 194 S., Bildband mit gutem Text, Fr. 121.–.
Conrad Seidl, Unser Bier, Verlag Deuticke, Wien 1996, 376 S., reich illustriert, Fr. 44.50. Das beste Handbuch über österreichische Biere, in dem das Mühlviertel gebührend gewürdigt wird.
Strassenkarte Oberösterreich, Salzburg Nord 1:150’000 Kümmerly+Frey, Fr. 14.80.

Weitere Informationen und Unterlagen:
Mühlviertler Touristik GmbH
Blütenstrasse 8
A-4040 Linz
Tel. 0043 732 73 50 20
Fax 0043 732 71 24 00

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