Berliner Mauer-Radweg: Spontanvegetation

Seit der Wende geht in Berlin die Post ab, man weiss es. Ganz besonders spürbar ist das auf dem 184 Kilometer langen Berliner Mauer-Radweg. Der Viertage-Trip zeigt Erstaunliches: Berlin ist nicht nur pulsierende Grossstadt, sondern hat auch ländliche Beschaulichkeit zu bieten.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 19.07.2002

Potsdamer Platz. Hier beginnt die Reise in die Vergangenheit. Oder die Reise in die Zukunft? Wer noch nicht begriffen hat, dass der Kapitalismus gesiegt hat, dem wirds hier klar. Selbstbewusst und schamlos lassen Elektronik- und Autofirmen ihre Tempel in den Himmel ragen. Ganz schäbig nimmt sich da der doppelte Kopfsteinpflasterstreifen aus, in den hier und dort eine Bronzeplatte eingelassen ist mit der Inschrift: «Berliner Mauer 1961-1989». Der Streifen taucht rund um die Stadt immer wieder auf, gespenstisch, als ob er unser historisches Gedächtnis necken wollte. Man kann die Inschrift mit Füssen treten, oder man kann darauf spucken. Es gibt andere Inschriften, gesprayte: «DDR Cool», oder: «Baut die Mauer wieder.» Doch das kann es wohl auch nicht sein.

Die Bösen und die Guten

«Checkpoint Charlie». Hier brach beinahe der dritte Weltkrieg aus. Alles ist sorgfältig restauriert worden, gleich daneben ist das entsprechende Museum, in dem immer noch der Kalte Krieg zelebriert wird. Die Fronten sind hier immer noch ganz klar. Hier die Bösen, hier die Guten. Und jetzt gibt es nur noch die Guten. Oder fast. Ich weiss auch nicht, wie ein solches Museum zu machen wäre, doch so bleibt einem ein flaues Gefühl im Magen.
Das wohl längste übrig gebliebene Mauerstück steht am Spree-Ufer, an der Mühlenstrasse. Es wurde umgestaltet zur «East Side Gallery». Bild an Bild. Kein grauer Fleck mehr in der Mauer, die Wende als Happening. Überall diese Manie, die Mauerstücke vollständig, flächendeckend zu überpinseln. Diese Gründlichkeit in allem ist beunruhigend. Das SED-Regime wollte Westberlin mit einer Mauer abriegeln. Ein Irrwitz der Gründlichkeit. König Ludwig XVI. wollte dasselbe in Paris machen, wenige Jahre später brach die Französische Revolution aus. Vom Mauerbau bis zur Wende dauerte es fast dreissig Jahre. Am Radio höre ich, die Israelis wollen die Palästinensersiedlungen einzäunen, und die Europäer werden wohl auch irgendwann eine Mauer bauen gegen die Einwanderer. Nichts gelernt aus den Irrtümern tumber Gründlichkeit.

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Savannen mitten in der Stadt

Über Hunderte von Metern erstreckt sich auf der Ostseite ein Terrain vague, dort wo früher der Todesstreifen war. Biologen freuen sich über eine überraschende Artenvielfalt an Käfern und Pflanzen. Ein neues Wort ist zu lernen: Spontanvegetation. Das ist alles, was auf der sozialistischen Brache wuchert. Ja und dann, es ist kaum zu glauben, fährt man durch richtige Savannen. Das Wort passt schon, es ist nämlich 32 Grad warm. Berlin ist auf Sand gebaut, und auch innerhalb der Stadtgrenzen gibts ausgedehnte Grünflächen. Zähes Gras, Dornengestrüpp, Sandweglein bis zur nächsten Chaussee, zum nächsten Damm, zur nächsten Allee, die man quert. Halbstundenweise trifft man keinen Menschen. In Lichterfelde steht ein junger Kirschbaumhain, gestiftet von einer japanischen Stadt. Eine Inschrift: «Wer unter dem blühenden Kirschbaum steht, ist nie ein Fremder.» Auf den Ruhebänken sitzen ein paar alte Radler und trinken Bier, das sie mitgebracht haben. Sie hören gleich, dass ich Schweizer bin. Ich sollte mir den Akzent abtrainieren, dann würden die Gespräche anders verlaufen. Die alten Männer wohnen nahe der Mauer, im Osten. Sie lachen über die Inschrift der Japaner. Sie sind bitter: zuerst der Krieg, dann vierzig Jahre Sozialismus, und jetzt alles freier Westen. «Auch nich das Jelbe vom Ei», meint einer. Fremde waren sie im Sozialismus, Fremde sind sie im Kapitalismus, mit oder ohne Kirschblüte. Sie finden, wir in der Schweiz machen es besser, «weil ihr keine Geschichte habt». Wenn die wüssten, was wir für Geschichten machen. Die alten Biertrinker sagen, wenn sie Geld hätten, würden sie es auch in der Schweiz anlegen. «Die besten Banken der Welt», sagt ein anderer und: «Darauf können Sie stolz sein». So weit kommts noch.

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Zuger-, oder Wannsee?

Es wird immer ländlicher. Berlin hat hier eine kleine Seenlandschaft: Griebnitzsee, Tiefer See, Jungfernsee. Wer der Geschichte und der Politik entfliehen will, muss hier radeln, im Bereich Teltow, Potsdam, Spandau, Glienicke. Man kann sogar mit dem Schiff über den grossen Wannsee fahren und glaubt plötzlich, man sei auf dem Zugersee, wenn da nur die Berge nicht fehlten. Und schön an Literatur denken kann man. Ja, aus Kohlhasenbrück stammte der Michael Kohlhas von Kleist, dem Dichter mit den ausufernden Satzkaskaden, und am selben Ort erschoss er 1811 seine Geliebte Henriette Vogel und sich selbst. In weitem Bogen radeln wir der Stadtgrenze entlang bis hinauf nach Norden. Da ist man einen halben Tag unterwegs. So gross ist Berlin.
Dann nähern wir uns wieder der Innenstadt. Immer häufiger sind Reminiszenzen an die Mauer sichtbar. An der Bernauer Strasse stand für die DDR-Behörden eine Kirche zu nahe an der Mauer. Sie sprengten sie 1985 kurzerhand. Nach allen Regeln der Kunst. Sie sank wie geplant auf die Ostseite. Wieder diese Gründlichkeit. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag. Chausseestrasse 131. So heisst eine Platte von Wolf Biermann, und an dieser Adresse wohnte er. Er sang übers geteilte Deutschland: «Ich leb in der bessren Hälfte und habe doppelt Weh». Ich habe das Lied im Kopf seit dreissig Jahren. Und weh tuts am Invalidenfriedhof am Schifffahrtskanal, wo der erste Flüchtling und der erste DDR-Grenzpolizist erschossen wurden. Berlin Mitte. Auf der Spree fahren Schiffe mit fröhlichen Reisegesellschaften, südlich davon reibt man sich die Augen. Das neue Bundeskanzleramt, das Paul-Löbe-Haus, der Reichstag mit der neuen Kuppel. Gigantische Tempelanlagen, Kolosseen, Mausoleen. Faszinierend und beunruhigend. Hier wird geklotzt, mit neuem Selbstbewusstsein. Und gründlich. Hier wird Macht demonstriert. Schaut her, wir sind wieder jemand. Den Säulen des Brandenburger Tores hat man riesige Fussballersocken in den Landesfarben Schwarz-Rot-Gold übergezogen.

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Information:

Steckbrief:
Unser Radweg folgt dem Verlauf der ehemaligen Berliner Mauer, die nicht nur die Innenstadt entzweischnitt, sondern auch präzise der ganzen westlichen Stadtgrenze folgte. Die Rundtour ist 184 km lang, hat wenige Steigungen und ist sehr vielfältig. Erstaunlich für den Besucher: Berlin ist nicht nur pulsierende Grossstadt, sondern hat auch ländliche Beschaulichkeit zu bieten. Bald ist man im Grossstadtdschungel unterwegs, dann in savannenartigen Brachen, oft in Auen- und Seenlandschaften, und manchmal ist die Route vor lauter Unterholz und Brombeersträuchern kaum zu finden. Irrfahrten und dornenverkratzte Waden sind vorprogrammiert, zumal die Route nicht ausgeschildert ist. An Belägen findet man alles: Kopfsteinpflaster, holprigen Asphalt, Platten- und Sandwege. Es gibt am Wegrand so viel zu bestaunen, dass man für die Tour vier Tage einplanen muss.

Anreise:
Mit dem CityNightLiner «Berliner» ist es am bequemsten und am gediegensten. Am Abend trinkt man im Bar- und Loungewagen ein Bier, am Morgen kommt man ausgeruht in Berlin an, frisch und tatendurstig. Im komfortablen Nachtreisezug reist man im Ruhesessel ab SFr. 248.–, im Liegewagen 6-er Abteil ab SFr. 288.– fürs Retourbillett. Ermässigungen für Junioren und Halbtaxler. Drei verschiedene Komfortklassen stehen zur Auswahl. Das Velo reist für SFr. 16.– pro Weg mit. Auskunft und Buchung am Bahnschalter, im Reisebüro oder bei Rail Service, Tel. 0900 300 300.

Unterkunft:
Nach gemachten Erfahrungen bewährt es sich, an einem Ort das Basislager aufzuschlagen und die Entdeckungsreise ohne Gepäck zu unternehmen. Uns war es sehr wohl in der City Pension, Stuttgarter Platz 9, 10627 Berlin, Tel 0049-30-327 74 10, schräg gegenüber vom Bahnhof Charlottenburg. Preise: Einzelzimmer ab 42.–, Doppel ab 61.–, Vierer ab SFr. 92.– Euro, mit Frühstück.

In Berlin unterwegs:
Zum Ausgangspunkt der verschiedenen Etappen reist man am besten mit der S-Bahn. Die Tageskarte kostet Euro 6.10, zum selben Preis fährt das Velo mit. Literatur: Michael Cramer, Berliner Mauer-Radweg, bikeline 2001, SFr. 15.–. Unverzichtbar, kompetent, reichhaltig.

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