Auf Nicolas Vouilloz nach Lausanne reiten

Genug jetzt mit Herumgondeln an Flussläufen und lieblichen Gestaden, mit Spazierfahrten von Klostern zu verschlafenen Fischerdörfchen. Eine Fernfahrt ist angesagt, ein velocipedischer Intercity, zackbumm von Zürich nach Lausanne, 250 Kilometer, drei Pässe.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 13.06.2003

 Irgendein Kamel vom Pataphysischen Veloclub® (PVC) Zürich kennt in Lausanne eine Dentalhygienikerin, und diese sadomaso-odontologische Liaison dauert schon Jahre, dergestalt, dass es, das pataphysische Kamel, alle halbe Jahre von Zürich nach Lausanne fahren muss, um sich die braunen Cohiba-Krusten von besagter DH aus seinen Hauern kratzen zu lassen. Man könnte mit der Eisenbahn nach Lausanne fahren oder mit dem Auto, aber nein: Auf dem Rennvelo soll es geschehen. Besagtes Kamel hat seinen Hauerkratztermin jeweils um 17 Uhr und entblödet sich nicht, alle sechs Monate im Vereinsorgan des PVC seine so genannte Classique odontologique auszuschreiben, und jedes Mal findet er ein paar Ahnungslose, die ihm folgen bzw. ihm in verblendeter Grosszügigkeit ihren Windschatten geben.

Zähneklappern im Sihltal
Die Abfahrt ist Punkt fünf Uhr morgens am HB Zürich (410 m.ü.M.). Man findet allgemein, die Temperatur sei ja recht angenehm für den Monat Mai, doch schon im Sihltal, wo alle mit den Zähnen klappern, revidiert man diese Ansicht. Vorne wird zu schnell gefahren, die Herrschaften wollen sich schon zu Anfang verheizen. Das Kamel flucht. Der Albispass (791 m.ü.M.) bringt ein wenig Ruhe in den Peloton. Hinunter ins Säuliamt. Nebel. Ein Reh springt über die Strasse. Alle schlottern auf dem Velo, die Abfahrt ist gefährlich, weil das Velo mitschlottert, und alle sind froh, dass am Zugersee die kalten Abfahrten zu Ende sind. Rot steigt die Sonne aus dem taunassen Gras. Luzern, ein Tea-Room in der Innenstadt, das könnte euch so passen. Nichts da, sagt das Kamel, ich habe um 17 Uhr in Lausanne einen Termin. Also in Luzern vor der Abfahrt ins Zentrum rechts ab, nach Malters, dann das Entlebuch hinauf bis nach Wolhusen. Alle Lastwagen der Zentralschweiz sind heute unterwegs. Weiter bis auf die Wasserscheide, nach Escholzmatt. Dort ist ein Tea-Room, man nimmt ein frühes Znüni an der Bar, auf unbequemen Hockern, so dass die Herrschaften nicht zu lange sitzen bleiben. Canapés, Nussgipfel, Rosinenschnecken, die Vitrine wird geplündert, die Bäckersfrau kommt nicht nach mit Aufschreiben. Jemand fragt das Kamel: «Warum lässt du dir deine Zähne eigentlich in Lausanne auskratzen?»

Gitzisalsiz in Schangnau …
Eine kurze Abfahrt hinunter bis Wiggen, scharf links nach Marbach und Schangnau. Kurz nach Schangnau, mitten in der Abfahrt links, ist die Metzgerei Bärtschi oder Liechti. Die machen die besten Gitzi- und Schafsalsiz. Zwei, drei davon finden in der Trikottasche Platz. Jetzt, etwas schwerer, hinunter ins Loch, über die Emme und hinauf zum Schallenbergpass (1167 m.ü.M.). Die ersten beginnen zu hüsteln, dann zu husten, dann wiehern sie. Die Sonne brennt jetzt schön warm vom Himmel herunter, wärmt die Salsiz im Kreuz. Nach zehn Minuten ist auch der Letzte oben. Nicht schlecht. Eine irrsinnige Abfahrt hinunter nach Steffisburg, mit langen, leicht abfallenden Geraden, alles im Fünfzigkilometertempo, hart im Windschatten, mit Wechseln jeden Kilometer an der Spitze. Die Huster erholen sich, stopfen Bananen und Riegel. Thun. Es duftet nach Kaffee, nach Pizza und Pesto, bald ist Mittagszeit. Das Kamel sagt: Nichts da, meine DH erwartet mich um 17 Uhr. Wimmis, Latterbach und Weissenburg fliegen vorbei. Wieder diese Lastwagen, viel Militär ist unterwegs, die Kuhglocken bimmeln von den Weiden links und rechts. In Boltigen ist eine Beiz mit gutem, das heisst schnellem Service, dort gibt es seit Jahren ordentliche Spaghetti al Pesto, sodass die DH auch noch etwas Grünes aus den Hauern des Kamels wird kratzen dürfen. Noch ein Stück weiter leicht aufwärts, zwei oder drei Kilometerchen bis Reidenbach, dann geht es rechts ab zum Jaunpass (1509 m.ü.M.). Die Stunde der Wahrheit schlägt schon im untersten Teil, wo die gemeinsten, lang gezogenen Rampen sind, die man nun mit vollem Bauch in Angriff nehmen darf. Radeln hart an der Kotzgrenze ist das.

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Die Stunde der Wahrheit am Jaunpass

… Lungenverkleinerung und Genickstarre
Doch das Kamel hat seinen Termin, 17 Uhr, basta. Der Peloton zieht sich in die Länge, jeder bleibt seinem Rhythmus treu. Der Schweiss tropft jetzt, die Mäuler sind weit aufgerissen. In den Serpentinen schauen die, die weiter oben leiden, hinunter auf die, die weiter unten leiden.
Jetzt geht das dentalhygienische Kamel fast ein. Geschieht ihm recht. Am Abend vorher hat es einen neuen Sattel von Tioga auf sein Velo montiert, ein irrsinnig langes Stück namens Nicolas Vouilloz. So heisst der neunmalige Downhill-Weltmeister. Typisch Kamel. Dieser Sattel geht in dieselbe Kategorie wie langschnäuzige Sportwagen. Penisersatz. Der Sattel ist so lang, dass das Kamel, wenn es fast eingeht, auf ihm einen halben Meter nach vorne rutschen kann und so, ohne zu pedalen, dem Ziel Lausanne einen halben Meter näher kommt. Denkt es sich. Reine Ersatzhandlung aus schierer Schwäche, weiss der Psychologe. Die Abfahrt hinunter nach Jaun ist trotz frisch asphaltierter Strasse so schwierig, dass man irrsinnig aufpassen muss und sich nicht erholen kann. Links wären die Gastlosen und das schöne Dörfchen Abländschen. Unten im Loch verschiedene Gegensteigungen. Die Beine sind aus Blei, die Lungen scheinen kleiner geworden, das starre Genick schmerzt.

Ein Mekka Cola für die Beine aus Stein
Bulle, so ein stupider Name. Zum Namen passen die Kopfsteinkissen zur Verkehrsberuhigung. Von wegen: Die Autos fahren Stossstange an Stossstange. Der Peloton schreit nach Bier und Mekka Cola. Also gut, murrt das Kamel, Bier und Mekka Cola, fünfzehn Minuten und keine Minute länger. Bulle – Oron-la-Ville. Topografisch eigentlich nichts Aufregendes, doch jetzt, mit 200 Kilometern in den Beinen, wird die kleinste Gegensteigung zur Qual, dazu gesellt sich Gegenwind und irrsinniger Autoverkehr. Alle scheinen unterwegs zu sein und es eilig zu haben. Die Abfahrt hinunter nach Oron-la-Ville ist eine kurze, trügerische Erlösung, dann kommt das Ätzendste, diese nicht enden wollenden Rampen hinauf nach Savigny, die man in ihrer ganzen hoffnungslosen Länge vor sich sieht. Die Beine sind aus Stein, in den Knien knirscht es. Dazu kommt, dass jetzt alle, das heisst jeder zu einem anderen Zeitpunkt, pissen müssen. Mekka Cola und Bier in Bulle lassen grüssen. Alles ist jetzt erstarrt, die Handgelenke, das Füdli (ausser natürlich auf dem Nicolas Vouilloz), der PC-Muskel und der Nacken sowieso. Jemand fragt, wieso wir das alles auf uns nehmen. Alle lachen, es klingt verzweifelt, absurd.

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Nach neun Stunden Non-Stop: der Blick auf den Lac Léman

Aus dem Mund riechts nun anständig …
Und noch so eine fiese Rampe hinauf nach La Claie-aux-Moines. Hupende Autofahrer. Nach dem Dorf ist rechter Hand ein Bauernhof, an der Strasse eine riesige Linde, dann kommt man über die Kuppe und erblickt es, das mare lemanicum, den Genfersee, der in der tiefen Sonne wie flüssiges Gold oder Silber oder Bronze gleisst; so genau sieht man das nicht mehr mit den salzverklebten Augen. Es ist egal. Hauptsache, das lemannische Meer gleisst. Wir verlassen die Strasse links, geniessen vor ein paar Einfamilienhäusern den Blick hinunter wie die Betrachtung des Gelobten Landes. Das Kamel holt sein Minöxli aus der Tricottasche, knipst wie wild. Von jetzt an geht es praktisch nur noch abwärts. Wir lassen uns hinunterfallen bis zum Bahnhof Lausanne. Dort lesen wir die Zeit ab: 9 Stunden 59 Minuten 32 Sekunden reine Fahrzeit. Es ist halb fünf. Das Kamel holt an der Gepäckausgabe seinen Rucksack, putzt sich die Zähne. Um 17 Uhr ist es bei seiner Dentalhygienikerin. Zumindest aus dem Mund riecht es jetzt anständig, und den Rest verschweigt des Sängers Höflichkeit.
 

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