Auf Asphalt ins spanische Mittelalter

Wer sich mit dem Velo auf die Spuren des tausendjährigen Haudegens El Cid macht, durchquert Spaniens Nordosten. Eine Reise durch die Zeitlosigkeit melancholischer Landschaften und Dörfer.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 22.11.2002

Hungrig lehne ich das Velo vor der Kneipe an die Mauer. Da kommt Javier Alonso, der Wirt, herausgerannt und will gleich Fotos machen vom Radler, der vor seinem Etablissement steht. Er beglückwünscht mich. Gemach, Alonso, ich bin ja erst von Bilbao heraufgeradelt. Hier ist das Dorf Vivar del Cid, der Geburtsort des Rodrigo Díaz (1043–1099), des spanischen Nationalhelden El Cid Campeador. Hier, in Javiers Mesón del Cid, beginnt angeblich die Ruta del Cid, der Weg in die Verbannung, den der bärtige Kämpe vor bald tausend Jahren unter die Pferdehufe nahm. Seit Jahren wird dieser Weg von den spanischen Touristikern für Reiseradler propagiert. Ritterlich klingt der Titel des nützlichen Gratis-Vademecums: «Zu Fahrrad auf den Spuren von El Cid». Und ritterlich redet mich der Wirt mit caballero an, als ob draussen nicht mein Velo, sondern mein Pferd stünde. Javier schmunzelt, ein paar cicloturistas mehr würden sein Geschäft beleben, denn sie seien gute Esser und Trinker. Ich liefere Javier gleich den Tatbeweis. Aus Valencia, dem Ziel der Reise, müsse ich ihm eine Karte schreiben, sagt er. Versprochen.
In Vivar gibt es wenig zu sehen, das Land ringsum ist von entmutigender Weitläufigkeit. Ich ahne, warum sich nicht mehr cicloturistas auf die Spuren des Cid wagen. Ein paar Kilometer weiter ist Burgos. Die Stadt bezaubert vom ersten Moment an durch autofreie, gepflästerte Arkadenplätze, Bögen, Treppen und Gassen. Vor der Kathedrale, einem elfenbeinernen Gebirge, drängen sich die Santiago-Pilger mit roten Waden. Hier liegen die Gebeine des Cid und seiner Gemahlin Jimena. In einem Seitenschiff hängt an der Wand die wurmstichige Truhe des Helden, die uns mitten in die tausendjährige Geschichte entführt.

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Vom Edelmann zum Outlaw

Der Cid hat sich als treuer Vasall von König Alfons VI. höchste Ehren erworben, als er 1081 nach hofinternen Intrigen mit Acht und Bann belegt wird. Der grosse Cid ist plötzlich ein mittelloser Outlaw. Da greift er zu einer List: Seine letzten Getreuen sollen ein paar Truhen – die eine hängt eben in der Kathedrale – mit Steinen füllen und gut zuschrauben, dann zu den jüdischen Bankiers von Burgos gehen, einen Haufen Bargeld aufnehmen, die Truhen als Kreditpfand hinterlegen und sagen, sie enthielten Gold und Edelsteine; El Cid bürge dafür. Doch niemand dürfe die Truhen aufmachen, bis der Kreditnehmer wieder auftauche. Die Bankiers lassen sich über den Tisch ziehen und füllen so die Kriegskasse des Geächteten. Dieser unternimmt einen Feldzug durch die Halbinsel, von Burgos bis Valencia, das er 1094, dreizehn Jahre später, erobert. Er stellt sich zwar die Aufgabe, den Mauren den Garaus zu machen, doch die Wirklichkeit ist komplizierter. Er heuert Söldner an, die wachsende Bande belagert unterwegs Dörfer und Städte, erpresst Lösegelder, paktiert nach bestem Nutzen mit christlichen oder muslimischen Kriegsherren. El Cid hält seine Guerilleros dazu an, nicht unnötig zu töten und Grossmut walten zu lassen.
Mehrmals lässt er prominente Geiseln bedingungslos frei und poliert so am eigenen Mythos. Legenden entstehen, sie werden von Mund zu Ohr erzählt, kurze Zeit nach des Cids Tod entsteht in Medinaceli das «Cantar de mio Cid», das Heldenlied vom Cid, das zuerst an Dorffesten von Bänkelsängern vorgetragen, später aufgeschrieben und erstes Zeugnis der spanischen Literatur wird.
Vom Autoverkehr umtost steht in Burgos, am Rand der Altstadt, das Denkmal des Haudegens. Gusseisern sitzt er auf seinem Pferd Babieca, streckt kampfeslustig das Schwert nach vorn, zeigt die Richtung. Also ziehe ich dorthin. «Weite Wege liegen vor uns», sagte der Verbannte vor tausend Jahren. Stimmt genau. Ich murmle den Satz vor mich hin, radle los, will wissen, wo Er durchzog, von Dorf zu Dorf, von Sierra zu Sierra. Einen Hügelzug nach dem anderen überquere ich, stundenlang, tagelang. Höre nur den Wind und den Gesang der Vögel, hie und da eine Landmaschine. Abgesehen von der Asphaltstrasse hat die Landschaft vor tausend Jahren nicht viel anders ausgesehen.

Radler – virtuell und real

Zurück ins 21. Jahrhundert. Trete ich in eine Bar, werde ich in meiner Radlerbekleidung von den Anwesenden kurz abschätzig gemustert, dann saugen die Augen wieder gierig die Fernsehbilder ein – ausgerechnet von der Vuelta a España. Keine Frage, woher ich komme, wohin ich fahre. Direkt beleidigend ist das. Da war mir Javiers Empfang lieber. Die rare Spezies Radler kennen die Spanier nur vom Fernsehen. Begegnen ihnen Velofahrer leibhaftig, werden sie verachtet als Lumpenproletarier, die sich kein Auto leisten können. Doch ist man mit dem Velo wieder auf der Strasse, geniesst man von Seiten der Autofahrer den höchsten Respekt. Soll einer dieses Land begreifen!
In Berlanga del Duero treffe ich vor einer Bar endlich andere Radreisende: ein Paar aus Barcelona. Man fällt sich wildfremd in die Arme, es gibt gleich ein Fest. Die beiden sind sich schon ein wenig auf die Nerven gegangen. Das kenne ich. Da ist man froh, wenn zur Abwechslung andere Radlernasen am Horizont auftauchen, und sie ist eine Herzige. Nach dem Essen setzen wir unsere Reise gemeinsam fort, das heisst zu dritt. Jeder von ihnen hat doppelt so viel Gepäck geladen wie ich, sie schwitzen in zu dicken Jacken, sie haben an ihren Velos Stollenreifen, Schutzbleche und Lichtanlagen. Sie sind unsportlich, sie sind und haben alles, was gegen diese Art des Reisens spricht, und doch reisen sie ausgerechnet so und nicht anders. Ein paar Tage nach mir sind auch sie in Valencia, mit glücklichen Augen.
Rauh ist das Land, immer anspruchsvoller wird die Topografie, Pass um Pass, Sierra um Sierra fahre ich auf futuristischen Strassen hinein ins Mittelalter, durch Medinaceli, Albarracín, Morella und wie die Juwele alle heissen. So mittelalterlich muten sie an, dass man glaubt, plötzlich werde der Kämpe Cid auf seiner Stute Babieca aus einem Torbogen angeritten kommen. Ich werde rufen: «Oh, Señor Cid, mucho gusto! Ay, Señorita Babieca, encantado!» Javier, wenn er es auf der versprochenen Postkarte liest, wird es nicht glauben.

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Information:

An- und Rückreise:
Eisenbahn: Fahrt nach Burgos via Genf, Lyon, Biarritz und Irún. Reine Reisezeit ab Genf: 14 Stunden. Grundpreis 2. Klasse für die einfache Fahrt Genf-Burgos: 137 Franken, ohne Zuschläge und Vergünstigungen. Aus der Deutschschweiz ist die Strecke an einem Tag nicht zu schaffen. Rückfahrt: von Valencia via Barcelona und Montpellier nach Genf. Reisezeit: 15 Stunden. Grundpreis (wie oben): 129 Franken.
Reisebus: ab Zürich, Bern und Genf oder Basel. Die Reise Genf-Burgos dauert 16 Stunden und kostet 150.- Franken. Valencia-Genf: 18 Stunden, 140 Franken.
Reisebus-Kontakt: Benítez Viajes, Bäckerstrasse 27, 8004 Zürich, Tel 01 297 90 90. www.benitez.ch.
Velotransport: In allen Zügen und im Reisebus in einer Velotransporttasche möglich und gratis. Achtung: Wer von Barcelona nach Zürich im Hotelzug reist, muss auch mit Transporttasche für das oder die Velo(s) ein ganzes Abteil mieten.
Swiss bedient Bilbao sechs- und Valencia siebenmal in der Woche. Die Flugreise Zürich–Bilbao und Valencia–Zürich kostet ab 761 Franken pro Person, der Velotransport 75 Franken pro Weg.

Route: Die Ruta del Cid von Vivar del Cid (bei Burgos) bis Valencia ist 860 km lang. Wer in Bilbao startet, rechnet 160 km dazu. Die anspruchsvolle Tour führt stets durch hügeliges bis bergiges Gebiet. Im Aufstieg sind insgesamt rund 8000 Höhenmeter zu bewältigen. Die Strassen sind überall sehr gut und wenig befahren, ausser im Einzugsgebiet der grösseren Siedlungen.

Beste Reisezeit: April bis Juni und September/Oktober.

Unterkunft und Verpflegung: Die Reise geht durch spärlich besiedeltes, touristisch wenig erschlossenes Gebiet. Ein wenig Proviant gehört in die Sacochen, zwei Bidons ans Velo. Läden, Bars und Restaurants in allen grösseren Ortschaften. Die handlichen Hotelverzeichnisse der Provinzen Vizcaya, Burgos, Soria, Guadalajara, Teruel, Castellón und Valencia sind für die Planung unterwegs unerlässlich. Ein Handy ist sehr praktisch.

Literatur: Der Cid. Das altspanische Heldenlied. Reclam, Fr. 10.–, reisetauglich und mit ausgezeichnetem Nachwort.
Allgemeine Informationen: Spanisches Fremdenverkehrsamt, Seefeldstr. 19, 8008 Zürich, Tel. 01 252 79 31. www.tourspain.es. Hier erhält man die Hotelverzeichnisse sowie die unerlässliche Gratisbroschüre «Zu Fahrrad auf den Spuren von El Cid».

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