An fleissigen Wassern

Eine kurze Zugreise von den Städten entfernt tut sich eine andere Welt auf: der Kanton Glarus. Inmitten einer urtümlichen Landschaft liegt eine der dichtesten Industriezonen der Schweiz. Seit vier Jahren ist sie durch einen erstaunlichen Veloweg erschlossen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Reisen, 18.05.2001

Die Eisenbahn nimmt es gemütlich, hält bei jeder Station. Die Einheimischen sagen: Staziuun. So diszipliniert sind die Glarner, dass nicht einmal ein Kondukteur mitzufahren braucht. Der erste Frühlingstag. Das Fenster bleibt offen, das Gebimmel von Kuhglocken dringt herein, es duftet lau nach frischem Gras. Auf den Wegen und Strässchen fahren viele Schulkinder mit dem Velo. Alle tragen einen Helm und winken dem vorüberfahrenden Zug. Es ist fast wie am Sonntag, dabei ist es ein gewöhnlicher Dienstag, wo alle arbeiten und zur Schule gehen müssen. Doch das scheint keinen zu stören. Alle grüssen, alle sind freundlich und aufgestellt, und sie wünschen eine gute Reise. Dieses Tal! Ein Wahnsinn! Auf beiden Seiten schroffe Felswände, unten eine grüne Ebene, zuhinterst Schneeberge mit seltsamen Namen, und mitten durch walzt weiss die Linth.

Die Kraft des Wassers

Am Anfang war das Wasser. Es schoss aus den wilden Schründen zwischen Clariden, Tödi und Selbsanft hervor und überschwemmte jedes Jahr das wertvolle Kulturland im Talboden. Wohl und Weh der Bewohner waren abhängig von den Launen der Natur. Sie liessen sich nicht vertreiben, begannen vielmehr, die Linth in ein festes Bett zu zwingen und machten aus der Not eine Tugend. Ungeheuer ist die Kraft des gebändigten Wassers. Das merkten vor 200 Jahren schlaue Industrielle, erwarben entlang der Linth Wasserrechte, das heisst die Genehmigung, einen Teil des Linthwassers mit einem Kanal abzuleiten, mit diesem Kanal Wasserturbinen und mit den Turbinen Maschinen anzutreiben, bevor das Wasser der Linth zurückgegeben wurde. Eine Art Perpetuum mobile. Das Tal der Linth wurde zu einem Tal der Kanäle, und die Wasserrechte waren so günstig, dass die Investoren in Scharen anwanderten. Der Kanton Glarus wurde zu einem Mekka der Textilindustrie.

Zwischen den Extremen

Der Reiz des Tales liegt zwischen zwei Extremen: Der bombastischen Landschaft einerseits und der allgegenwärtigen Industrie andererseits. Welch schweizerische Mischung und fantastische Spannung, die für den Tourismus noch zu entdecken wäre. Eine Sensaziuun. Wir erleben sie heute, radeln fast ohne Anstrengung der Linth entlang. Es ist alles so eindeutig wie der Flusslauf. Schwerelos talauswärts, um Hausecken, vorbei an zahllosen Brunnen und Wirtshäusern. Kaum ruht man sich auf einem Bänklein aus, hat man mit einheimischen Radlerinnen eine nette Konversaziuun. In Zürich ist die Topografie weit und frei, und die Leute reden nicht miteinander. Hier ist es umgekehrt. Wilde Berge und viel Kommunikaziuun. Die Zürcher sollten des öftern nach Glarus fahren. Ein Lob den hohen Felswänden!

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Die Spione von Glarus

Es klingt wie ein Märchen: Die Glarner Stoffindustriellen liessen ihre Emissäre in der Welt herum reisen und Modetrends aufspüren, aber auch Stoffdruckverfahren ausspionieren und neue Muster kopieren. Aus Frankreich und England schaffte man die neuesten Maschinen an, und das, was im Kanton Glarus zum Teil unter lausigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, ging in alle Welt hinaus, vor allem in den Nahen Osten und nach Nordafrika, wo die Nachfrage nach Turbanen und Kopftüchern riesig war.

Glarner Erfindergeist

Während etwa eines Jahrhunderts kam man im Glarnerland kaum nach mit Weben, Färben und Drucken, an mehr als fünfzig Hängetürmen im Tal flatterten die bunten Stoffbahnen zum Trocknen. Doch schon früh lagerten grosse Unternehmen Teile der Produktion aus, und der Industriestandort Glarus blieb und bleibt von Krisen nicht verschont. Glarner Erfindergeist ist heute mehr gefragt denn je; hier werden hundert Wirtschaftsgeschichten geschrieben – bis auf den heutigen Tag und in die Zukunft hinein. Damit wir uns richtig verstehen: Die Reise auf dem Glarner Industrieweg ist nicht ein Nostalgietrip, sondern eine Reise in der Gegenwart. In den meisten alten Fabriken wird nach wie vor produziert, und unter den neu erbauten Fabriken gibt es wahre Prachtsstücke der Architektur. Besser als mit dem Velo kann man sie gar nicht entdecken.

Information:

Allgemein:
Der Glarner Industrieweg (GIW) ist durchgehend ausgeschildert. Er ist abgesehen vom Elm-Ableger vom motorisierten Verkehr getrennt. Noch etwas: Der GIW ist für RadlerInnen und Wanderer. Rücksichtsvolles Radeln ist da Ehrensache. Am GIW stehen rund sechzig (!) ausgewählte Objekte. Zwei Drittel von ihnen sind mit Informationstafeln versehen, die auch dem Laien interessante Stationen glarnerischer Industriegeschichte verständlich machen.

An- und Rückfahrt:
Mit der Eisenbahn via Ziegelbrücke nach Linthal, dann talauswärts, so leicht wie das Wasser fliesst. Rückfahrt ab Ziegelbrücke.

Kost und Logis:
Im Hotel-Restaurant Tödi im Tierfehd schrieb der österreichische Schriftsteller Karl Kraus den Epilog von «Die letzten Tage der Menschheit». Das Haus in apokalyptisch-dramatischer Umgebung bietet Zimmer und Gruppenunterkünfte an. Tel. 055/643 16 27. In Elm kann man u.a. in der Pension Bergführer übernachten. Tel. 055/642 21 06, in Schwanden im Hotel Schwanderhof, Tel. 055/644 14 28.

Bemerkenswerte Gaststätten: Südlich von Ennenda, rechtsufrig und am GIW, die romantische Waldwirtschaft «Uschenriet» mit Kinderspielplatz. Dorthin ist eine 300 Meter lange Steigung zu überwinden, doch es lohnt sich, sie unter die Räder zu nehmen. Der ideale Rastplatz, um Kinder für den Rest mit einer Limonade zu motivieren. Donnerstag geschlossen. Tel. 055/644 15 55. Mitten im Areal der Kalkfabrik Netstal, am rechten Ufer der Linth, steht das gepflegte Restaurant «Elggis», Tel. 055/640 25 55. Hier kann man auch Zimmer mieten. Samstag tagsüber geschlossen, ab 18 Uhr offen, Sonntag geschlossen und Montag ab 14 Uhr geschlossen.

Dokumentation:
Die Routenkarte «Glarner Industrieweg», auf der die Objekte beschrieben sind, gibt es in Buchhandlungen, Kiosken und touristischen Informationsstellen im Kanton sowie am Bahnhof Linthal zu kaufen. Preis: 12 Franken.

Weitere Informationen bei Glarnerland Tourismus, 8750 Glarus, Tel. 055/610 21 25.

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