Zwischen Alltag und Ferienparadies

In Schaffhausen spielt der Velotourismus eine grosse Rolle – davon profitieren die ganze Region, das Gewerbe und der Alltagsvelofahrer. Pro Velo Schaffhausen macht sich dies zunutze und arbeitet an neuen Visionen.

no-image

Ivo Mijnssen, Autor (ivo.mijnssen@gmail.com)
15.07.2010

Schaffhausen ist ein beliebtes Ausflugsziel für Velofahrende. Rheinroute und Bodensee sind Fahrradparadiese. In Hemishofen zählte Schweiz Mobil im vergangenen Jahr 158?000 VelofahrerInnen; in Stein am Rhein dominieren Fahrräder im Sommer das Strassenbild. Aber auch die historische Altstadt von Schaffhausen wird immer velofreundlicher. Heute stehen an allen Zugangsrouten Tafeln, die den Weg durch die Stadt übersichtlich aufzeigen.

Schaffhausen will stärker vom Velotourismus profitieren. Bis das lokale Gewerbe dieses Potenzial erkannte, musste Pro Velo Schaffhausen allerdings einige Überzeugungsarbeit leisten. Zwar gibt es innerhalb des Gewerbeverbandes weiterhin Widerstand gegen die Öffnung der Altstadt für Velos. Die Kritiker seien heute jedoch in der Minderheit, sagt Pro-Velo-Präsident Karl Huss. Gut zahlende Kunden, der von Pro Velo herausgegebene Tourenführer und Aktionen wie der slowUp hätten dazu beigetragen, Vorurteile gegenüber den Touristen auf zwei Rädern und dem Velo generell abzubauen. Die Haltung sei dabei durchaus pragmatisch: Velotouristen bringen Geld.

Schaffhausen legt im Ranking zu

Pro-Velo-Geschäftsführerin Evi Cajacob sagt, dass die Velotouristen rein durch ihre Anwesenheit zur Veloförderung beitrügen: «Sie benutzen die Velowege und unterstreichen so den Bedarf dafür.» Davon profitieren die Alltagsvelofahrenden in der Stadt. Ihr Anteil von vier Prozent am Modalsplit ist zwar relativ tief. Da aber die Hälfte der Etappen in Schaffhausen zu Fuss zurückgelegt werden, ist das Verkehrsklima dennoch angenehm: Schaffhausen hat sich im Velostädte-Ranking klar verbessert und als eine der wenigen Städte eine genügende Note erreicht.

Evi Cajacob weist darauf hin, was Pro Velo in den letzten 15 Jahren erreicht hat. Am Bahnhof entstand 2004 eine bewachte Velostation mit 330 Abstellplätzen. Praktisch die ganze Innenstadt ist heute verkehrsberuhigt, und ausserhalb der Fussgängerzone in der Vordergasse, der Vorstadt und Unterstadt dürfen die Velos fast überall fahren. Da die Velolobby gute Beziehungen zur Verwaltung pflegt, wird sie meistens frühzeitig in die Planungsprozesse einbezogen. Allerdings, so gesteht Karl Huss, fehle bei komplexen technischen Fragen zuweilen das Expertenwissen im Verband. Seit dem 1. Juli schafft auf diesem Gebiet die von Stadt und Kanton finanzierte Fachstelle Langsamverkehr Abhilfe. Laut Dino Giuliani, Leiter des kantonalen Tiefbauamtes, soll die Fachstelle in Schaffhausen Projekte entwickeln und betreuen, die das Velofahren in Schaffhausen attraktiver machen.

All diese Verbesserungen können eines nicht ändern: die für das Velo schwierige Topografie der Stadt. Während die Innenstadt im Tal liegt, leben die meisten Bewohner in Quartieren an den Hügeln. Hier soll der «Duraduct» Abhilfe schaffen, eine Velobrücke, welche die Hügel direkt verbindet, samt Velolift in die Altstadt (siehe dazu auch velojournal 3/06). Das Brückenprojekt wurde in das Agglomerationsprogramm und ins Gesamtverkehrskonzept der Stadt Schaffhausen aufgenommen. Pro Velo erwartet in Zukunft verstärkten Widerstand von bürgerlicher Seite. Um den Bedarf für die Brücke nachzuweisen, hat Pro Velo deshalb bereits über 2000 Unterschriften für das Projekt gesammelt und die Pressearbeit intensiviert.

Bauern unterstützen die Radwege

Mehr Unterstützung zu mobilisieren, ist auch das Motto des zweiten grossen Projekts des Regionalverbands. Seine 730 Mitglieder wohnen mehrheitlich in der Stadt Schaffhausen. Damit ist der Verband im Verhältnis zur Bevölkerung schweizweit einer der grössten. Nun will Pro Velo Schaffhausen aber die Aktivitäten auf dem Land und in Kleinstädten wie Stein am Rhein ausbauen. Das wird nicht nur den Velotouristinnen und -touristen etwas bringen. Bei den Aktivitäten knüpft man an die Erfahrungen bei der Umsetzung des kantonalen Radwegprogramms von 2001 an. Die Velolobby habe damals, während der Abstimmung über das Radwegnetz, unter anderem von der Unterstützung der Bauernschaft profitiert, sagt Evi Cajacob. Die Bauern unterstützten die Radwege aus einem einfachen Grund: Sie nutzen sie als landwirtschaftliche Fuhrwege. So treffen bei Pro Velo Schaffhausen Alltag und Tourismus manchmal auch in unverhoffter Weise aufeinander.

Empfohlene Artikel