Pro & Kontra: Reisen mit Velo und Zug

Redaktor Fabian Baumann ärgert sich über Kofferberge, SBB-Bürokratie und das Buchungschaos. Chefredaktor Pete Mijnssen entgegnet: Die Schweiz steht gut da, mit Kommunikation und Gelassenheit klappts mit dem Velo im Zug.

no-image

Fabian Baumann, Pete Mijnssen
06.03.2026

Lesen ohne Abo.

Zahlen Sie nur, was Sie lesen!

Mit tiun erhalten Sie unbeschränkten Zugriff auf alle Velojournal-Premium-Inhalte. Dabei zahlen Sie nur, solange Sie lesen.

  • Alle Premium-Artikel
  • Zugang zum E-Paper
  • Flexibles zahlen

Sie haben bereits ein Velojournal-Abo? Hier einloggen

Das Velo im ÖV – aber klar!

Der Velotransport im ÖV ist ein Dauerthema – so viel ist gewiss. Seit Jahren und Jahrzehnten wird darum gerungen. Die Schweiz steht bei aller Kritik im internationalen Vergleich dabei recht gut da. Abgesehen von bürokratischen Hürden (etwa der Reservationspflicht während der Sommersaison) ist hierzulande der Veloverlad inzwischen relativ problemlos. Und natürlich gilt es immer auch, die hohen Personenaufkommen mit dem Platz für Velos unter einen Hut zu bringen. Da dürfte den SBB seitens der Velogemeinde manchmal mehr Verständnis entgegenkommen. Aber auch bei den Betreibern wäre manchmal mehr Tempo, Fantasie und Innovation gefragt – etwa bei Multifunktionsabteilen. Da hinkt der «SBB-Tanker» hinterher und könnte sich ein Beispiel nehmen am Versuch der BLS mit ihren Multifunktionsabteilen.

Die grössten Hürden liegen meistens bei den verstellten Gepäckabteilen mit überdimensionierten Koffern. Während diese gratis mitreisen, muss der bezahlte Veloplatz oft freigeschaufelt werden. Das kann in den Sommermonaten zu Konflikten führen, oft sind diese aber lösbar (und hey: Miteinander reden hat noch nie geschadet).

Auch wenn der Velotransport ein ewiges Auf und Ab ist – das Risiko ist kalkulierbar.

Kommen wir zum leidigen Thema Veloverlad im Ausland. Dort sind die national unterschiedlichen Regelungen in den letzten Jahren vollends zum Dickicht geworden: Seit zwei Jahren sind über die SBB kaum noch Reservationen ausserhalb der Schweiz buchbar. Grund: Softwareumstellung, sprich der Alleingang der europäischen Bahnunternehmen. Europäischer Kantönligeist, und das im Jahr 2026! Dabei gäbe es genug gesetzgeberische Vorgaben aus Brüssel, die den grenzüberschreitenden Veloverlad festschreiben. Dennoch gelingt es den Bahnbetreibern noch immer nicht, einheitliche Richtlinien zu erstellen und nicht jährlich zu ändern (wie etwa die SNCF).

Immerhin hat sich das verpackte Velo international durchgesetzt. So konnte ich mein Rennvelo letzten Frühling problemlos an die ligurische Küste transportieren. Heikel bleibts bei Reisevelos: Da ist gutes Recherchieren vor der Reise unerlässlich.

Kurz: auch wenn der Velotransport ein ewiges Auf und Ab ist – das Risiko ist kalkulierbar. Und: Nur konstanter öffentlicher Druck führt bei den Staatsbahnen zu Verbesserungen. Das war schon vor dreissig Jahren so, als ein Veloverbot auf der Gotthardlinie zu den oben beschriebenen Verbesserungen bei den SBB führten. Dranbleiben bringts und ist unabdingbar. Wie singt die Rock-Ikone 
Patti Smith so schön: «People have the Power!»

Abenteuer Bahnreise?

«Der Kluge reist im Zuge.» Ein schönes Sprichwort. Es suggeriert Entspannung, Klimaschutz und nahtlose Mobilität. Für mich als Velofahrer klingt es jedoch eher wie Hohn. Ich fahre gerne Zug. Wirklich. Bahnfahren ist komfortabel, schnell und ökologisch sinnvoll. Bis zu dem Moment, in dem ich den Fehler begehe, mein Velo mitnehmen zu wollen. Dann verwandelt sich das Schweizer ÖV-System schlagartig in einen Hindernisparcours für Fortgeschrittene.

Das Elend beginnt beim Kampf um den Raum. In modernen Zügen konkurriert mein kostenpflichtiges Velo direkt mit gratis beförderten Rollkoffern im Kleiderschrank-Format und riesigen Kinderwägen. Da Gepäckablagen über den Sitzen oft wegrationalisiert wurden, landen diese Kofferberge auf den rar gesäten Veloplätzen. Während ich höflich, aber bestimmt versuche, mein Rad zwischen zwei Hartschalenkoffern und einem Buggy zu parkieren, werde ich angestarrt, als würde ich ein Ross im Erstklasswagen unterbringen wollen.

Der Kluge reist im Zuge? Vielleicht. Aber der Velofahrer reist im Zweifel mit dem Auto – und das kann nun wirklich nicht das Ziel sein.

Doch bevor man überhaupt im Zug steht, muss man die Hürde der Bürokratie nehmen: die Reservationspflicht. Was die SBB als digitales Komfort-Feature verkaufen, ist in der Praxis mühsam. Haben Sie schon einmal versucht, per App für eine Familie oder eine Gruppe «Gümmeler» Veloplätze im selben Zug zu reservieren? Viel Glück! Und wehe, Sie müssen zur Stosszeit in die S-Bahn. Dann sind wir Velofahrende so willkommen wie Wespen am Dessertbuffet.

Wer den ultimativen Endgegner sucht, plant eine Reise ins Ausland. Mit dem Velo im TGV nach Paris? «Mais non!» Erlaubt ist das nur, wenn das Rad demontiert und in einer Tasche verpackt ist. Ein einzelnes Rennvelo mag man noch im Sack verschwinden lassen. Aber erklären Sie das mal einer vierköpfigen Familie mit Tourenvelos. Das ist keine Reiseoption, das ist eine Zumutung.

Die bittere Wahrheit hinter den Kulissen ist simpel und rein ökonomischer Natur: Auf dem Platz, den ein Velo benötigt, könnten zwei billettpflichtige Personen sitzen. Das rechnet sich besser. Velos sind im modernen Ertragsmanagement der Bahnen schlichtweg «Gepäck non grata». Sie stören den Betriebsablauf.

Und so drehen wir uns im Kreis: Der unzulängliche Velotransport ist ein Dauerbrenner im Velojournal. Nicht, weil wir das Thema lieben, sondern weil sich seit Jahrzehnten beschämend wenig ändert. Der Kluge reist im Zuge? Vielleicht. Aber der Velofahrer reist im Zweifel mit dem Auto – und das kann nun wirklich nicht das Ziel sein.

Empfohlene Artikel