Goliath trifft David

Weiterbildung ist für die Mitarbeitenden der Berner Verkehrsbetriebe Pflicht. Auf Initiative von Pro Velo Bern lernen Bus- und Tramchauffeure eine andere Sichtweise kennen: Sie tauschen Steuerrad gegen Velosattel.

no-image

Fabian Baumann
02.02.2018

Der Fortbildungskurs «David neben Goliath» hat die Beziehung zwischen Velofahrenden und Fahrpersonal von Bernmobil zum Thema. Denn diese ist nicht immer spannungsfrei. Obschon den Bernern das Image der Gemütlichkeit anhaftet, kommt es auch in der Bundesstadt zu brenzligen oder unschönen Szenen im Verkehr. Dass ein Radler einem Chauffeur den Stinkefinger zeigt, weil er mit zu wenig Abstand überholt wurde oder sich vom hinter ihm klingelnden Tram bedrängt fühlt, kommt vor. Chauffeure klagen über unflätige Velofahrende, für die rote Ampeln nicht existieren, die sich im letzten Moment vor ihr Fahrzeug drängen, mit Kopfhörern herumfahren oder sich auf der Strasse wie Anarchisten verhalten. Solche Aussagen sind bei Kursbeginn auf einem Flipchart notiert.

Emotionale Debatte
Es ist Pause. Der erste Teil sei emotional gewesen, sagt Tom Minder. Denn im Abstand von wenigen Tagen gab es mehrere Unfälle zwischen ÖV und Velo. Minder leitet den Unfalldienst von Bernmobil. Er relativiert gleichzeitig, dass es insgesamt aber sehr wenig ernsthafte Zwischenfälle mit Velofahrenden gebe. Trotzdem sorge das Nebeneinander auf der Strasse für Knatsch. «Darum sind wir vor etwa fünf Jahren auf die städtischen Verkehrsbetriebe zugegangen», sagt Daniel Bachofner, Kursleiter bei Pro Velo Bern. Die Velolobby möchte das gegenseitige Verständnis von Radfahrerinnen und Bus­chauffeuren verbessern. So ist «David neben Goliath» entstanden. An diesem Mittwoch Ende Oktober findet der Kurs zum fünften Mal im Jahr 2017 statt. 2018 sind weitere Termine vereinbart.

Toter Winkel als Hauptsorge
Als die 13 Bus- und Tramführer – Frauen sind heute keine dabei – wieder im Seminarraum sitzen, haben sich die Wogen geglättet. Fahrlehrer Stefan Moser nennt zwei häufige Unfallursachen: das Nicht­einhalten des nötigen Abstandes und den toten Winkel. Während der Sicherheits­abstand – Moser erinnert an die Zwei­sekunden-Regel – nur die Chauffeure
betrifft, geht der tote Winkel auch die Velofahrenden etwas an. Oft sei Radlern nicht bewusst, dass sie sich im toten Winkel befinden und vom Führerstand aus nicht gesehen werden können, sagt Moser. Die Chauffeure nicken zustimmend. Sicherheit sei trotz Hektik im Verkehr und sehr engem Fahrplan oberstes Gebot, mahnt der Fahrlehrer. Und an die Chauffeure gerichtet: «Wenn es einen Unfall gibt, sagt niemand: ‹Wenigstens habt ihr den Fahrplan eingehalten.›» Neben der Sicherheit steht der Austausch zwischen ÖV-Personal und Radfahrenden auf dem Programm. In Kleingruppen tauschen sich über Mittag die Chauffeure mit hinzugestossenen Radlerinnen und Radlern aus. Nach angeregtem Plaudern lautet das Fazit: Es ist das gegenseitige Verständnis, an dem es hapert.
«Die Velofahrer sind für uns ein zusätzlicher Job. Wir müssen aufpassen, weil sie nicht aufpassen», sagt ein Kursteilnehmer und spricht manchen Kollegen aus der Seele. Wer den Verkehr vom Sattel aus erlebt, wünscht sich dagegen mehr Platz auf der Strasse. Dies umso mehr, als sich ein Veloweg bis auf 65 Zentimeter verengt, wenn er zwischen Tramschiene und Randstein an einer Kaphaltestelle entlangführt – dort ist das Trottoir erhöht, damit gehbehinderte Personen eben­erdig einsteigen können.

Perspektivenwechsel
Am Nachmittag geht es mit Daniel Bachofner auf eine Velotour durch Bern. Es ist eine fröhliche Gruppe, die da mit Bernmobil-Leuchtwesten und Mietvelos unterwegs ist. Der Kursleiter führt den Trupp zuerst auf einen Parkplatz. Nach kurzer Angewöhnung ans neue Fahrzeug gehts auf die Strasse. Hier erleben die Chauffeure den Perspektivenwechsel. Als an einer Stelle der Radstreifen kurz vor der Tramhaltestelle plötzlich aufhört, agieren viele Bernmobil-Piloten so, wie das auch zahlreiche Velofahrende tun: Sie wechseln in die Mitte des Tramtrassees, wo es mehr Platz hat, anstatt zwischen Gleis und Randstein zu radeln. Es sind solche Erlebnisse, die den Busfahrern die Perspektive der Velofahrenden näherbringen. Am Kursende bittet Daniel Bachofner die Teilnehmer um ein Schlusswort. Mit der Aussage «Ich David, Velo Goliath» hat ein Chauffeur die Lacher auf seiner Seite. Der Jux illustriert das Spannungsverhältnis zwischen Velo- und Busfahrern. Andere Rückmeldungen wie «Velofahren ist in Bern sehr anspruchsvoll» oder «Mehr gemeinsam» bestätigen Pro Velo aber in der Stossrichtung des Kurses. Ziel erreicht.

www.provelobern.ch