Marius Graber,
Redaktor
(marius.graber@velojournal.ch)
Reisen,
04.03.2026
Von der Bretagne nach Biarritz: Die Fahrt entlang der französischen Atlantikküste führt vom rauen Norden in den lieblichen Süden und von Galettes zu Tapas, während immerfort die wilde Brandung rauscht.
Marius Graber,
Redaktor
(marius.graber@velojournal.ch)
Reisen,
04.03.2026
Das Rauchen des Meers begleitet die Velofahrenden auf der Tour an Frankreichs Atlantikküste. (Fotos: Marius Graber)
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Die Reise startet mit einer grossen Planänderung. «Votre passeport, s’il vous plaît», fordert mich die Madame beim Fährterminal im bretonischen Roscoff auf. Ich lege mein Fährenticket und die Identitätskarte hin. Sie wiederholt: «Ihren Pass bitte.» Ich verstehe nicht, habe ich doch mein Reisedokument hingelegt, und sage: «Voilà!» Doch sie wird vehement: Nein, den Reisepass braucht es, nicht die Identitätskarte. Mein Plan war, von Roscoff die Fähre nach Südengland zu nehmen, um dann quer durch das Vereinigte Königreich bis ganz oben nach Schottland zu fahren. Doch in kurzen Worten wird mir erklärt: Seit dem Brexit braucht es für die Einreise nach Grossbritannien einen Reisepass, die Identitätskarte reicht nicht. Ich versuche es erst mit Charme, dann mit Vehemenz, doch ohne Erfolg. Die Fähre bleibt mir verschlossen und die Reisepläne lösen sich in Luft auf. Ich erwäge eine Rückreise nach Paris, um einen provisorischen Pass anfertigen zu lassen, doch ich sitze lieber im Sattel als in Amtsstuben und ändere kurzentschlossen die Route.
So kehre ich ins Städtchen zurück und checke erneut im «Hôtel aux Tamaris» ein. Da war ich letzte Nacht schon und verabschiedete mich am Morgen mit der Zusicherung, dass ich wieder käme, weil ich unbedingt noch ein Zimmer mit Meersicht ausprobieren wolle. Der Hotelier lacht übers ganze Gesicht, als er mich so schnell wieder zu Gast hat: Heute hätte er ein Zimmer mit Meersicht frei.
So starte ich am nächsten Morgen die Fahrt der Atlantikküste entlang. Statt gegen Norden geht es nun gegen Süden. Es ist neblig, ich wähne mich im tiefen Schottland. Auf der rechten Seite ist das Meer, aber man sieht es nicht in all dem Grau. Doch man hört es. Und ich rieche es auch, das Meer muss nahe sein. Aus dem Nichts rennt plötzlich eine dunkle Gestalt mit einem Surfbrett unter dem Arm über die Strasse und verschwindet im Nebel.
Die Strasse windet sich Landzungen entlang, bald ist man weiter vom Meer entfernt, bald näher. Kommt man näher, sieht man es nicht unbedingt hinter all den Feldern, Häusern, Wäldchen und Hecken: Doch das Rauschen der Brandung ist da. Im stetigen Auf und Ab passiere ich Brest und radle weiter südwärts. Die Bretagne ist zwar flach, doch in Küstennähe steigt die Strasse oft steil vom Meer auf ins Hinterland und fällt danach wieder ab. Am Ende des Tages habe ich fast so viele Höhenmeter gesammelt, als wäre ich über den Gotthard gefahren.
Doch ich bin am äussersten westlichen Zipfel der Bretagne, am Cap Sizun, gelandet. Man fühlt sich am Ende der Welt, es weht ein strenger Wind, die Sandbucht «Baie des Trépassés» guckt mürrisch drein mit ihren schroffen Felswänden. Beim Parkplatz gibt es ein Parkverbot für Panzer, doch das Hotel direkt am Meer liegt lieblich mit seinem grossen Saal zur Bucht hin. Überall sehe ich Menschen in dicken Neoprenanzügen und mit Surfbrettern unter dem Arm. Der Radler in seiner dünnen Badehose bleibt nur kurz im Wasser.
Die Fahrt geht weiter. Als Konstante bleibt: Rechts rauscht das Meer, ob man es sieht oder nicht. Glitzert es in Sichtweite, queren immer wieder Menschen mit Neoprenanzügen und Surfbrettern unter dem Arm die Strasse. Ich erreiche das malerische Bretonen-Städtchen Concarneau. Als Krimileser steuere ich dort auf die Brasserie Admiral zu, wo der Held der «Kommissar Dupin»-Geschichten jeweils einen Kaffee trinkt.
Doch das Lokal ist geschlossen. So bleibt mir nur die Erinnerung an die Buchreihe, in der der Kommissar jeweils sehr bildhaft und wortgewaltig von der Schönheit dieses Landstriches schwärmt. Aber schon nach diesen wenigen Tagen weiss der Radler, dass an den Schwärmereien der Krimifigur sehr wohl etwas dran ist. Dieses Licht, diese Stimmungen und das gute Essen: Als Radler geniesst man die Bäckereien, fürs Zmittag sucht man sich eine Markthalle, wo es Brot, Käse, Fisch, Wurst, Gemüse und Früchte gibt, und für den Hunger am Nachmittag findet man immer irgendwo einen Stand, wo es frische Galettes, die bretonischen Crêpes aus Buchweizenmehl, gibt. Mein Gaumen dankt dem vergessenen Reisepass.

Kleine Fähre, grosse Wirkung: Das Bötchen erspart die Umrundung des Golfs von Morbihan.
Ich entschliesse mich zu einem Abstecher auf die kleine Insel Belle-Île. Meine grobe Karte verspricht von dort aus eine weitere Fährverbindung südwärts, sodass ich mir das Umrunden des Golfs von Morbihan und der nächsten grossen Bucht sparen kann. Doch das Schiff nimmt keine Velos mit. So geniesse ich die Beschaulichkeit der Insel, lasse mich von der wilden, dramatisch zerklüfteten Küste und den trutzigen Leuchttürmen beeindrucken und gehe auf demselben Weg wieder zurück ans Festland. Bald merke ich: Das Inselhüpfen hätte mich um schöne Landstriche beraubt, denn die Route führt mich zu den Steinreihen von Carnac. Genau 1099 meterhohe Menhire stehen da seit mehr als 5000 Jahren in der Landschaft. Über deren Bedeutung wird noch immer gerätselt.
Was, wenn der Pannenteufel wieder zuschlägt?!
Im Zweiten Weltkrieg dachten amerikanische Truppen, es seien Panzersperren. Den grossen Golf von Morbihan muss ich dann trotzdem nicht umrunden, mit einem kleinen Bötchen werden Personen zu Fuss und mit dem Velo in kurzer Fahrt übers Wasser gebracht. Kaum wieder am Festland, ereilt mich mein zweiter Plattfuss. Genau zur 10-Uhr-Pause am Morgen. Schon gestern um dieselbe Zeit hatte ich einen Platten. Jetzt bin ich insofern besser vorbereitet, als ich gerade eben noch in der Boulangerie war und mich mit zwei guten Croissants über das Pech hinwegtrösten kann. Die zweite Panne in Folge weckt Zweifel an der Reisetauglichkeit der neuartigen Kunststoffschläuche, über die ich als Velojournal-Technikredaktor so euphorisch geschrieben habe. Da nun mein Vorrat an Ersatzschläuchen aufgebraucht ist, werde ich etwas nervös. Doch mein Navigationsgerätchen führt mich zuverlässig zum nächsten Fahrradladen, bei dem ich einen normalen Ersatzschlauch kaufe, samt Flickzeug. Um diesen sollte ich froh sein, denn tags darauf, genau zur 10-Uhr-Pause, habe ich wieder einen Platten. Ich flicke geflissentlich, diesmal mit Baguette und Blick aufs Meer. Doch etwas komisch kommt mir die Sache schon langsam vor. Ich untersuche den Pneu, finde aber nichts.
Am nächsten Tag werde ich um halb zehn unruhig: Was, wenn der Pannenteufel wieder zuschlägt?! Ich beruhige mich damit, dass so viel Pech ja nicht sein könne, doch kurz nach dem Bäckereibesuch spüre ich, wie das Hinterrad wieder schwammig wird. Ich fluche. Hätte ich mich doch beim Flicken an die Velojournal-Ratschläge gehalten. Ich packe neben dem Werkzeug auch Lesebrille und Pinzette aus und siehe da: Nach längerer Suche finde ich im Pneu eingegraben ein klitzekleines Steinchen, das gerade so spitz war, dass es nach etlichen Kilometern und Radumdrehungen den Schlauch durchstechen konnte. Ich erinnere mich, dass ich die erste Panne aus dieser Serie das Jahr davor in Italien hatte. So setze ich das italienische Steinchen an der französischen Atlantikküste aus und fahre danach pannenfrei.
Die Reise führt mich bald nach Saint-Nazaire, das Hafenstädtchen, in dem Tim und Struppi das Schiff nach Amerika bestiegen haben und wo heute die französische U-Boot-Flotte beheimatet ist. Ich fahre dort tapfer über die lange Autobrücke, die die Loire überquert. Lustig ist das nicht, weil dort niemand an Velos gedacht hat. Doch die Brücke spart gut 40 Kilometer Umweg. Bald schon kommt das pittoreske Städtchen La Rochelle in Sichtweite, und da ich den Pannenteufel nun losgeworden bin, schmecken die Bäckereibesuche noch besser.
Ein paar Kilometer später, in Rochefort, bleibt Velofahrenden die Fahrt über eine enge Autobrücke erspart. Stattdessen überqueren sie den Fluss Charente mit der historischen Schwebefähre aus dem 19. Jahrhundert. Die feine Stahlkonstruktion erinnert an die Ingenieurskunst des Eiffelturms: Auf 50 Meter Höhe überspannt ein 170 Meter langer Träger den Fluss: Daran angebracht schwebt die Fährplattform, die zügig zwischen den Ufern hin und her pendelt. Es ist gerade Mittagspause, und so sammelt sich auf der Nordseite ein Grüppchen Velofahrender, die, kaum auf der andern Seite angekommen, in alle Richtungen wegfahren. Bei mir führt der Weg bald an den grossen Salzgärten vorbei, in denen in einem über Jahrhunderte perfektionierten System das edle Fleur de Sel abgebaut wird. Etwas später ist die Landschaft geprägt von den Austernzuchtbecken. An kulinarischen Freuden fehlt es nicht.
Und auch die Velofahrer-Freuden werden nicht weniger. Bei Royan geht es mit der Fähre über die Gironde, den grossen Meeresarm, der ins Landesinnere bis nach Bordeaux hineinreicht. Auf der anderen Seite startet nun der Hochgenuss-Abschnitt der Atlantikküstentour: Über gut 200 Kilometer führt der Radweg durch langgestreckte Kiefernwälder, fernab von jeglichem Verkehr, ein schmaler Streifen durch den urigen Wald.
Von der rechten Seite hört man die Wellen des Atlantiks krachen, von oben das Rauschen des Windes in den Bäumen.
Von der rechten Seite hört man die Wellen des Atlantiks krachen, von oben das Rauschen des Windes in den Bäumen. Die Meeresbrise vermischt sich mit dem Geruch von warmem Harz. Von Zeit zu Zeit kommt ein beschauliches Strandörtchen und immer mal wieder ein Strässchen, das direkt zum Meer abzweigt. So gibt es ein Morgenbad kurz nach dem Losfahren, eine Erfrischung im Meer zur Mittagspause, ein Bad am Nachmittag und einen Abendschwumm. Das gefällt den Radlerbeinen. Überall laufen Surfer und Wassersportlerinnen mit ihren Brettern unter dem Arm über die Strasse, doch deren Neoprenanzüge sind längst nicht mehr so dick und meist kurzärmlig. Und auch der Radler bleibt jetzt länger im Wasser: Der Süden grüsst.
Die Temperaturen steigen an. Die für England eingepackten Regenkleider sind ungebraucht längst ganz unten in den Velotaschen verstaut. Das Thermometer klettert und klettert. Erst gibt es Tage mit 30 bis 35 Grad. Doch die folgenden Tage werden die 40-Grad-Marke übersteigen. Man kommt mit Trinken kaum hinterher. Am Abend liegt man schwitzend im Zeltchen und wartet sehnlichst auf die Nachtkühle. Doch die Hitzewelle klingt ab und ich erreiche Biarritz. Das südliche Flair weht mir entgegen, am Abend esse ich auf den Plätzen leckere Tapas und sitze bis tief in die Nacht im warmen Sand, lausche den wilden Wogen und denke: Was für ein Glück, dass ich keinen Reisepass dabeihatte.

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