Der Kult in den Cevennen

Verschiedene Faktoren machen einen Berg für Radfahrende attraktiv. Neben der Topografie kann sogar die Literatur zum Kultstatus eines Passes beitragen, wie das folgende Beispiel zeigt.

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Martin Born
02.02.2016

An 241 Tagen im Jahr hat es Nebel, an deren 170 regnet es. Am 30. Oktober 1963 fielen ab 18 Uhr innerhalb von 24 Stunden 607 Millimeter Regen. Am 6. November 1966 wurde eine Windspitzengeschwindigkeit von 335 km/h gemessen. Bei solchen Zahlen hilft es wenig, dass man vom Mont Aigoual aus das Mittelmeer, die Pyrenäen und den Mont Blanc sehen könnte. Es braucht viel Glück, einen solchen Tag zu erwischen, aber der Versuch lohnt sich. Der 1567 Meter hohe Mont Aigoual in den französischen Cevennen gehört in jedes Palmarès.

Die so sanft wirkende Anhöhe verdankt ihren Ruf als ganz besonderer, ungewöhnlicher Berg nicht nur dem verrücktesten Wetter Frankreichs, sondern auch einem Buch, das unter Velofahrern längst Kultstatus hat: «Das Rennen» von Tim Krabbé, dem niederländischen Schachspieler, der durch eine wundersame Metamorphose zum Amateur-Rennfahrer wurde. Es beginnt mit diesen Zeilen: «Meyrueis, Lozère, 26. Juni 1977. Warm, bewölkter Himmel. Ich nehme meine Sachen aus dem Auto und setze mein Fahrrad zusammen. Von Strassencafés aus schauen Touristen und Einwohner zu. Nicht-Rennfahrer. Die Leere in ihrem Leben schockiert mich.» Und es beschreibt auf den Seiten danach in feinsten Tönen all das, was sich in einem Velofahrerhirn so abspielen kann.
Der Strava-Link https://www.strava.com/routes/748928 führt direkt zur Originalroute, mit der fantastischen Tarn-Schlucht zum Einrollen, einer ebensolchen Hochebene, um in Schwung zu kommen, und dem 1000 Höhenmeter überwindenden Aufstieg zum Aigoual als Pièce de Résistance. Das ergibt zusammen 140 km mit 2600 Höhenmetern.
Wem dies zu viel ist, der muss sich nicht grämen. Die Krabbé-Route in der Form einer Acht mit dem schönen Städtchen Meyrueis als Mittelpunkt (dort findet man auch Hotels) ist eine Art Gerippe in einem der schönsten Veloparadiese des Planeten. Mit unglaublich langen Abfahrten wie jene durch die Dourbies-Schlucht vom Mont Aigoual nach Millau. Es ist ein Paradies, das sich auf unzähligen Strässchen erfahren lässt und in dem sogar Schwergewichte bergtauglich werden. Selten ist ein Aufstieg steiler als fünf oder sechs Prozent. Und wenn er es doch ist, wie beim Naturwunder des Cirque de Navacelles, lohnt er sich. Krabbé sieht es so: «Leiden verwandelt sich hinter der Ziellinie in eine Erinnerung an Lust, und je grösser das Leiden war, desto grösser die Lust.»

Meyruels

Über den Autor
Martin Born ist seit 45 Jahren Sportjournalist. Dem Radsport gilt sein Interesse. Daneben ist er seit 35 Jahren als passionierter Touren- und Genussradler auf der Suche nach den schönsten Passstrassen und Ausflugszielen.

Schach und Radsport
Der 1943 geborene Tim Krabbé kann zu den erfolgreichsten Autoren der Niederlande gerechnet werden. Neben seiner grossen Passion, dem Schach, hegt Krabbé auch eine Vorliebe für den Radsport. Er nahm in jüngeren Jahren an mehreren hundert Amateur-Rennen teil. Seine Erinnerungen an das Rennen um den Mont Aigoual flossen in das 1978 erschienene Buch «De Renner» ein. Der autobiografische Roman wurde 2006 in deutscher Übersetzung im Reclam-Verlag Leipzig publiziert.