Wenn es Leute gibt, die sehr genau wissen, wie viel Gutes im Velofahren steckt, dann sind es die Ergotherapeutinnen und -therapeuten. Und unter ihnen insbesondere jene, die sich mit der Verbesserung von Bewegungsabläufen, mit Koordination und Gleichgewicht beschäftigen. Lis Baumeler ist eine von ihnen. Die Luzernerin arbeitet in Baar am heilpädagogischen Schul- und Beratungszentrum Sonnenberg, und dort mit Kindern, die sehgeschädigt sind und zusätzliche Handicaps haben. «Ziel der Ergotherapie ist die selbstständige Bewältigung des Alltage und damit verbunden die Teilhabe: also möglichst viel beitragen zu können im Leben, auch in einer Gruppe», klärt sie die Besucherin auf, während sie durch das Zentrum führt, Klassen- und Therapiezimmer zeigt.
Ergotherapeuten arbeiten stark an der Körperwahrnehmung und der Motorik. Und da kommt Velofahren ins Spiel – etwas, das die Kinder gerne tun und dessen positive Effekte unter Therapeuten schon lange bekannt seien, wie die Expertin verrät: «Das regelmässige Velofahren verbessert das Gleichgewicht. Auch die Koordination gewinnt: zum einen jene zwischen den beiden Füssen, die alternierend zusammenarbeiten, auch jene zwischen Füssen und Händen, sowie die zwischen Augen und Händen – die Augen schauen, die Hände müssen machen, was die Augen sagen. Und schliesslich hat Velofahren auch positive Nebeneffekte auf die Konzentration.»
Speziell konstruierte Fahrräder
Im geräumigen Eingangsbereich eines Haustraktes stehen die unterschiedlichsten Fahrräder beisammen, kleine und grössere, solche mit zwei und drei Rädern. Letzteren sieht man augenblicklich an, dass sie für besondere Bedürfnisse gebaut wurden, aber was ist mit dem kleinen rosa Rad, das inmitten der grösseren steht? «Es hat wie andere hier einen Rahmen, der so gebaut ist, dass man, ohne das Bein hochschwingen zu müssen, einfach aufsteigen kann. Und seine Pedalen lassen sich abnehmen, das Velo wird so zu einem Laufrad. Laufräder eignen sich hervorragend, um das Gleichgewicht zu trainieren.» Es liege oft am fehlenden Gleichgewicht, wenn ein Kind nicht Velo fahren könne. «Wenn es damit aber erst mal klappt, kann man anderes trainieren, auch die Motorik. Velofahren stellt sehr hohe Anforderungen an die Motorik und an viele weitere Sinne: Ich muss trampen, schauen, fahren.» Deshalb sei anfangs gar nicht so einfach zu erkennen, woran es liegt, wenn ein Kind nicht fahren kann.
Manche der Velos lässt das Zentrum selber anfertigen, andere sind vom sogenannten IV-Depot, bei dem man im Kanton Luzern spezielle Geräte und Materialien bestellen kann. Das sei aber ein ziemliches Prozedere, sagt Lis: Antrag stellen, dem prüfenden Besuch der IV Red und Antwort stehen. Aber der Aufwand lohne sich, «denn so kommen die Kinder zu Rädern, die für eine bestimmte Zeit exklusiv von ihnen benutzt werden und die sie auch nach Hause nehmen können. Das, sagt die Therapeutin, «ist der Grund, warum ich möglichst allen, die dazu in der Lage sind, das Fahren mit dem Zweiradvelo beibringen will: damit sie zu Hause mit der Familie etwas unternehmen können». Eine Velotour mit den Eltern und Geschwistern ist viel einfacher mit einem Zweirad als mit dem Dreirad. Und Velofahren gehört bei vielen in der Schweiz ja zum Alltag und zur Freizeit – also bedeutet Velofahren nicht weniger als Teilhaben, und umgekehrt.»
Sehbehinderten Kindern die Idee des Velofahrens zu vermitteln, bedeutet auch, ihren Mut zu unterstützen, sie zu stärken. Besonders glücklich machen Lis deshalb die Erfolgsgeschichten von Kindern, denen niemand zugetraut hätte, dass sie es schaffen würden. Dass viele von ihnen Velofahren gut lernen können, ist für sie mittlerweile aber längst kein Glaube mehr, sondern schlicht Erfahrung.
Nach getaner Arbeit steigt sie selber aufs Velo und tritt den Heimweg nach Luzern an, gute 30 Kilometer und eine Tour, die sie auch bei Regen radelnd zurücklegt. «Aber ehrlicherweise muss gesagt sein, dass ich dazu mittlerweile das E-Bike nehme», lacht die Velofee.
Esther Banz
19.05.2015






