Dres Balmer,
Autor
(dres.balmer@bluewin.ch)
Kultur,
06.03.2026
Der Basler Theophil Gubler (1878–1954) arbeitet nach dem Studium alter Sprachen von 1903 bis 1934 als Gymnasiallehrer. Daneben publiziert er und kämpft für die Anliegen der Velorution.
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06.03.2026
Diese handlichen, sorgfältig gestalteten Tourenbücher des SRB verkauften sich während eines halben Jahrhunderts sehr gut. (Fotos: ZVG)
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Theophil Gubler erinnert sich: «Ich selbst habe es in Basel im Jahre 1891 erlebt, dass mich der Lehrer nach Hause schickte, als ich mich erfrechte, auf dem Velo in die Schule zu fahren.» Der Schüler ist dreizehn Jahre alt, diese Demütigung wird sein Leben prägen. Schon als Jugendlicher ist Gubler ein eifriger Radsportler, dann, von 1893 bis 1933, habe er «jedes Jahr mindestens drei Wochen in ganz Europa und drei weiteren Erdteilen auf der Landstrasse» zugebracht, so Gubler. Doch er radelt nicht nur, sondern er beschreibt mit wachen Sinnen auch die Entwicklung der Mobilität aus der Sicht des Velofahrers.
Die anfangs erwähnte schulmeisterliche Zurückweisung widerspiegelt einen seltsamen Kulturkampf des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Da ist auf der einen Seite die wachsende Popularität des Velos, welches als das proletarische Verkehrsmittel der Zukunft schlechthin gilt. So sieht es auch der mächtige, 1883 gegründete Schweizerische Radfahrer-Bund (SRB). Doch da gibt es Probleme mit den Fussgängern, die sich bedrängt fühlen und sich mit fragwürdigen Mitteln zur Wehr setzen. Deshalb macht etwa die Bernische Polizeiverordnung 1892 dem nicht radelnden Publikum klar, dass es verboten sei, «den Velofahrern Hunde anzuhetzen, Gegenstände in die Speichen des Vehikels zu werfen oder andere gefahrdrohende Hindernisse in den Weg zu legen». Zudem gilt landesweit in manchen Ortschaften ein strenges Velo-Fahrverbot.
In der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) schlummert die erste Auflage des «Tourenbuchs für Radfahrer in der Schweiz», 1896 publiziert vom Verlag des SRB, ohne Autorennamen. Die 60 Routen sind präzise beschrieben, mit Hinweisen auf Sehenswertes am Weg. Die zweite und dritte Auflage sind in der NB nicht zu finden, wohl aber das «Tourenbuch der Schweiz mit den Grenzgebieten, vierte vollständig neu bearbeitete Auflage von Dr. Th. Gubler» aus dem Jahr 1920. Gubler stellt quer durch das Land elf Hauptrouten zusammen, die man als Vorläuferinnen der heutigen Schweiz-Mobil-Routen sehen kann, dazu Ausfahrten bis Mailand, Turin, Frankfurt und München. Die fünfte Auflage ist in der NB nicht zu finden.
Gubler, nunmehr auch Vizepräsident des SRB, überarbeitet das Werk erneut, bringt 1928 die sechste Auflage heraus, erweitert durch Fahrten etwa über Kunkels- und Scheltenpass, und, als Krönung, Fernreisen durch die Vogesen und an die Riviera.
In allen Gubler-Ausgaben des Tourenbuchs gibt es im Gegensatz zur ersten Auflage keine Hinweise auf Interessantes am Weg, wohl aber ein Verzeichnis mit kurzen Ortsbeschreibungen.
Und noch etwas: Da ist kein Wort zu lesen vom übrigen Verkehr, und schon in der 1920er-Ausgabe schreibt Gubler nichts zum geltenden Auto-Verbot im Kanton Graubünden; ausgerechnet dort hat sich zudem eine giftige Velo-Feindlichkeit ausgebreitet.
Die Spurensuche geht so weiter: Im Jahr 1939 erscheint im SRB-Verlag das Ringbuch «100 Neue Rad-Touren-Karten der Schweiz», ohne Nennung der Auflage oder der Autoren. Da fällt auf: Von den hundert Routen führen nur noch zwei ins nahe Ausland, nach Chiavenna im Bergell und Tirano im Veltlin. Der Grund ist der Zweite Weltkrieg, welcher der Schweiz die Einigelung ins Réduit beschert.
Das klingt im Vorwort so: «Es ist noch nicht lange her, da waren die Autos die Könige der Landstrasse. An schönen Sonntagen fuhren sie in endlosen Kolonnen über den Asphalt, wenn Sonne und Wärme den Winter verdrängt hatten. Jetzt ist ihre Zahl bescheiden geworden. Benzinleer und aufgebockt warten sie trübselig in den Garagen auf bessere Zeiten. Die Beherrscher der Landstrasse aber wurden die Radfahrer, die mit blanken, offenen Augen unsere schöne Heimat durchradeln. Im Durchschnitt besitzt jeder dritte Schweizer ein Fahrrad!» Es ist nicht ersichtlich, ob Theophil Gubler an der 1939er-Ausgabe beteiligt war.

Aus der Bündner Autofeindlichkeit erwuchs nicht etwa die Förderung des Velotourismus, wie diese Drohung in Lavin zeigt.
Abgesehen von den Tourenbüchern für Radwanderer publiziert Gubler 1922, immer noch im SRB-Verlag, «Die schweizerischen Alpenstrassen. Eine Wegleitung für Passwanderer, Postreisende, Rad- und Automobil-Touristen», eine über 380 Seiten spannende Verkehrsgeschichte, die an 27 Pässen stattfindet. 1933 erscheint das Buch in einer gekürzten Version. Ausserdem engagiert Gubler sich in zwei Streitschriften, die 1929 und 1935 herauskommen, für den Bau von Radfahrwegen.
Als Gubler Mitte fünfzig ist, hat er gesundheitliche Einschränkungen, fährt weniger Velo, schreibt nun Tourenbücher für Autofahrer. Gleichzeitig arbeitet er Jahr um Jahr an seinem Opus magnum mit dem Titel «Der Kampf um die Strasse». Das ist eine Darstellung europäischer und schweizerischer Verkehrsgeschichte von Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg, hartnäckig recherchiert. Dieses Buch ist ein Epos der Mobilität auf Rädern, 350 eng bedruckte Seiten, und dabei bleibt Gubler seinem Blick eines Radwanderers stets treu. Dieses, sein letztes Werk, kommt 1953 beim Verlag der Schweizerischen Motorlastwagenbesitzer ASPA heraus. Ein Jahr später stirbt der Velorutionär Gubler.
Das ist der Versuch, Theophil Gublers velozipedisches Schreiben und Wirken zusammenzufassen. In der nächsten Nummer macht Velojournal mit Gublers Tourenführer 1928 die Reise von Bellinzona über die Alpe di Neggia, Orta und den Simplonpass nach Brig. So ergibt sich eine Gubler-Serie übers Jahr. Fortsetzung folgt.

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