Der Gemeinderat der Stadt Zürich hat kürzlich sechs Stellen für Velofachleute bewilligt, zusätzlich zu den von Stadtrat Richard Wolff bereits angestellten zwei. Die unterlegene Ratsminderheit wird nun mit Argusaugen beobachten, was die neuen Fachleute machen und jeden Fehler gnadenlos ausschlachten.
Dennoch stehen die Chancen gut, dass es nun mit der Veloförderung endlich wieder vorwärtsgehen könnte. Denn vieles ist in den letzten Jahren verbockt worden und viel Wissen muss neu aufgebaut werden.
Drei Jahrzehnte Veloförderung
Rückblende: Nach der Annahme der Veloinitiative von IG Velo erstellte der erste Velobeauftragte Christoph Hächler 1988 einen Schwachstellenplan – von den damals analysierten Schwachstellen dürften auch heute, 32 Jahre später, noch viele bestehen.
Dennoch entwickelte sich die Velofachstelle gut, nicht zuletzt dank kompetenten Personen, welche die bis anhin Auto- und vor allem ÖV-dominierte Verwaltung von der Wichtigkeit der Zürcher Veloförderung überzeugen konnten.
«Das Pflänzchen Velo wurde zwar mit viel Geldmitteln begossen, aber der grosse Durchbruch erfolgt in Zürich lange Zeit kaum.»
Das städtische Velowegnetz blieb dennoch ein Flickwerk. Man hatte zu lange Schrittchen für Schrittchen geplant und grosse Würfe in der Innenstadt vertagt. Ein fataler Fehler, wie die letzten Jahre zeigten. Das Pflänzchen Velo wurde zwar mit viel Geldmitteln begossen, aber der grosse Durchbruch in der Velonutzung erfolgte gerade in Zürich lange Zeit kaum.
Erst mit dem Masterplan Velo 2012 präsentierte der Stadtrat ein kühnes Konzept, dessen Umsetzung bis heute aber bruchstückhaft ist. In der Ära Leutenegger wurde das Tiefbauamt von jemandem geleitet, der lieber Parkplätze schützte und als bekennender Vespa-Fan von Zweiradverkehr statt von Veloförderung sprach.
Das führte zum Abgang des letzten profilierten Velo-Experten in der Fachstelle. Seither sass bis vor Kurzem dort noch eine Person, die diese herausfordernden Aufgaben alleine zu bewältigen hatte; bezeichnenderweise ein ehemaliger Praktikant.
Modalsplit von zwanzig Prozent
Natürlich weiss man in der Verwaltung theoretisch schon lange, dass der Velo- und Fussverkehr nach den öffentlichen Massentransportmitteln zuoberst auf der Prioritätenliste stehen sollte. Mit der Klimakrise kommen neue Herausforderungen auf die Städte zu – und in Zürich wird der Platz eng. Die Kombination von Velo und öffentlichem Verkehr liefert viele Antworten für diese Probleme.
Auch wenn die Autolobby auf ihrem Rückzugsgefecht regelmässig aufjault: Das Velo passt punkto Platzbedarf, Abgasfreiheit und unter dem Gesundheitsförderungsaspekt perfekt in die angestrebte Energie- und Verkehrswende.
«Die ‹Neuen› werden es nicht allen recht machen können, aber sie haben eine Chance verdient.»
Dafür müssen neue und vor allem sichere Flächen geschaffen und die heute noch horrende Zahl an Verunfallten und Toten gesenkt werden. Der Modalsplit von heute 8 Prozent will der Stadtrat bis in fünf Jahren verdoppeln. Mit kluger Förderung wäre ein Veloanteil am Gesamtverkehr von 20 Prozent möglich – gleichviel wie heute derjenige des motorisierten Individualverkehrs. Mit einer klugen Verkehrspolitik würde das Auto dabei wenig verlieren, aber alle anderen Verkehrsträger gewinnen.
Auch das sind Aufgaben, die das neue Expertenteam anpacken sollte. Dafür braucht es Zeit und bei der Umsetzung werden sicher auch Fehler gemacht. Es wird für uns Velofahrende einmal mehr zu langsam gehen.
Kurz: Die «Neuen» werden es nicht allen recht machen können, aber sie haben eine Chance verdient. Zürich darf gespannt sein.
Pete Mijnssen ist Herausgeber und Chefredaktor Velojournal.
Foto: Arie Wubben, Unsplash







