Zürich wird von einer zweiten Welle stationsloser Leihvelos überrollt. Nach mehreren Hundert graugelber Obikes dominieren nun zusätzlich mindestens 400 giftgrüne Limebikes mit behördlichem Segen das Strassen- und Ortsbild. Allerdings fragt man sich, was denn die giftgrünen «Limetten» besser können als die «Zitronen».
Ein redaktioneller Fahrversuch zeigt, dass die Dinger nicht gerade Neuschrott vom Kaliber Obike sind, aber auch nicht viel mehr. So fährt sich das Velo etwas komfortabler, grössere Menschen profitieren von der höheren Sattelstütze. Und mit drei Gängen lassen sich zumindest moderate Anstiege in der Stadt auf den grünen Leihvelos meistern. Geschmälert wird der Fahrspass allerding von harten und schmalen Vollgummipneus. Wenig überraschend ist die Computertechnologie auf der Höhe der Zeit. Und die Limebikes sind pro 30 Minuten ein Drittel günstiger als die Obikes.
Technisch Wahl zwischen Pest und Cholera
Vor dem Start der giftgrünen Sharingbikes wurde grossspurig angekündigt, dass damit nun ein hochwertiges Modell mit Verkaufspreis von über zweitausend Franken hingestellt würde. Dieses Preisschild entpuppt sich in der Praxis als verfrühter Aprilscherz. Denn auch hier handelt sich es sich um ein Billigstvelo von allerhöchstens 250 Franken. Entweder haben die Betreiber keine Ahnung von Velos oder es ist eine weitere dreiste Behauptung dieser Branchenvertreter. Technisch ist die Wahl zwischen den beiden stationslosen Leihvelosystemen eine zwischen Pest und Cholera.
Es geht nur ums Datenabsaugen
Vermutlich ist das den Betreibern auch vollkommen egal. Da mögen sie sich auf ihren Plattformen noch so gerne als Wohltäter und Verkehrsentstauer präsentieren. Hinter dem Marketing stehen asiatische Techgiganten, denen es nur darum geht, möglichst viele Nutzerdaten zu sammeln. Darum sind diese auch bereit, hunderte von Millionen Dollars in Start-ups wie Obike zu stecken. Das ist beim über 60 Millionen Dollar schweren Limebike nicht anders – dort soll das Geld unter anderem aus dem Portefeuille des Silicon-Valley Investors Andresen Horowitz stammen. Weitere werden folgen: Hinter dem für Zürich angekündigten Ofo-Bike steht als einer der Hauptinvestoren der chinesische Online-Gigant Alibaba. Mehr als 1 Milliarde Dollar sind den Geldgebern detaillierte Nutzerdaten für die Expansion mit eigenen Läden wert, die in verschiedenen Grossstädten eröffnet werden sollen.
«Testfeld» auf der Strasse und nicht auf Trottoirs
Zurzeit herrscht ein fiebriger Bike-Sharing-Wettbewerb unter den Anbietern. Fast wie bei der Bitcoin-Blase, aber mit einer manifesten Verbreitung im Strassenbild. Da ist Publibike von Postauto Schweiz geradezu ein kleiner, überschaubarer und «netter» Player. Und der einzige Anbieter, der in verschiedenen Schweizer Städten akzeptiert wird.
In Zürich hingegen dürfen sich dubiose Techgiganten mit dem Segen des freisinnigen Tiefbauvorstehers Filippo Leutenegger weiterhin ausbreiten. So lobte kürzlich ein Vertreter von Limebike gegenüber dem «Blick» das «partnerschaftliche Verhältnis zu Zürichs Behörden und Bewohnern». Für normalsterbliche Gewerbetreibende noch stossender: Wo die Behörden noch vor einigen Jahren jedes herumstehende Velo mit Werbung darauf rigoros entfernten, bietet die Stadt nun den Big-Data-Sammlern ein willkommenes Testfeld. Apropos: Wenn schon Testlabor, dann müsste man diese Flächen aussondern – und zwar im Strassenraum und nicht auf Trottoirs und Veloständern, wo einmal mehr Velofahrende und Fussgänger sich den Raum streitig machen müssen.
Nach dem Siegeszug von Apple, Amazon und Alibaba sollte es auch dem letzten Politiker dämmern: Techgiganten muss man klare Grenzen setzen und Sanktionsmassnahmen ergreifen, sonst werden sie uns bald vollends im Griff haben.
Foto: Dominic Redli







