Vor Kurzem ist die aktuelle Schweizer Neuwagen-Statistik veröffentlicht worden. Gegenüber dem Vorjahr wurden 14 Prozent mehr Autos verkauft. Das ist zu einem Teil sicher dem Bevölkerungswachstum geschuldet.
Der ungebremste Trend zur Automobilität lässt immer mehr «grosse» Autos auf den Strassen fahren. Denn es ist bekannt, dass knapp die Hälfte der von Herr und Frau Schweizer gekauften Fahrzeuge übermotorisierte SUVs alias Sport-Utility-Vehicles sind. Die Zunahme ist punkto Motorenleistung und Platzbedarf also nochmals exponentieller.
Wie die Liebe zu grossen Autos ungehemmt ausgelebt wird, zeigte die «Auto-Zürich». Von wegen Klimabewegung und Greta Thunberg: Hemmungslos und schwelgerisch durfte an der Automesse in «Mini-Wohnzimmern» mit gepimpten Surround-Sound-Anlagen gespielt und unter Motorhauben geschaut werden.
«Sie wollen doch nur spielen.»
Während sich beim Fliegen das Wort «Flugscham» verbreitet – weniger geflogen wird dennoch nicht –, ist SUV-Scham zumindest in der Schweiz ein Fremdwort. Schon gar nicht in Zürich. Kein Wunder; die Limmatstadt ist ja nicht nur die Landes-Hauptstadt der «Züribergtraktoren», sondern wohl auch weltweit eine der Metropolen mit dem höchsten Anteil grosser und schwerer (Luxus)Karossen – mit Ausnahme vielleicht noch von New York und Los Angeles. Welcome Little Big City!
Dass wir Velofahrenden auf der Strasse gegenüber diesen gepanzerten Mini-Wohnzimmern schlechte Karten haben, ist klar. Das fängt beim Platzbedarf der Vehikel an und hört bei einem möglichen Zusammenprall auf.
Zugegeben: Im Allgemeinen sind SUV-Lenkerinnen und -Lenker, wenn sie nicht gerade am Handy sind und einem übersehen, ja nette Menschen. Manchmal merken sie sogar, wie übermächtig sie gegenüber uns schmalrädrigen Verkehrsteilnehmenden sind und entschuldigen sich schon mal, wenn sie uns den Weg abschneiden.
Wie das aber aussieht, wenn ein SUV-Fahrer ausrastet, weil ein undisziplinierter Velofahrer sich erlaubt, bei Rot über die Kreuzung zu fahren (ja, sicher nicht korrekt), das war kürzlich in der Zürcher Innenstadt zu beobachten.
Der Fahrer eines schwarzen (was denn sonst) Panzers stieg aus, bemächtigte sich des unkorrekten Radfahrers, stemmte ihn hoch und wollte ihn mit den Worten «ich bring dich um» in die Sihl werfen. Dies zumindest laut dem bedrängten Mann, der den SUV-Fahrer als «Gorilla» beschrieb. Beherzte Passantinnen befreiten ihn aus der misslichen Lage – eine Anzeige gegen den Automobilisten ist hängig.
«Analog zur Kampfhund-Diskussion müssten SUV- und Sportauto-Fahrer zuerst in eine Spezialschule gehen.»
Was lernt man daraus? Es kann böse enden, wenn man einen SUV-Gorilla aus seiner Komfortzone lockt. Auf dem Velo sind das keine schönen Aussichten, auch wenn wir täglich mit solchen Gefahren konfrontiert sind und als Schwächere meistens schon mal vorsorglich einen Bogen um die vierrädrigen Monster machen.
Analog zur Kampfhund-Diskussion müssten SUV- und Sportauto-Fahrer zuerst in eine Spezialschule gehen, bevor sie auf die Strasse gelassen werden. Am besten aber würde man sie an die kurze Leine nehmen und ihnen dort Auslauf geben, wo sie niemandem Schaden können.
Das Schaulaufen in der Stadt sollte man verbieten. Das macht sie nur nervös, wie das obige Beispiel zeigt – zu viel Testosteron. Sie, die doch nur «spielen» wollen, sollen das woanders. Von mir aus im Pfefferland.
Pete Mijnssen ist Herausgeber und Chefredaktor Velojournal.
Titelfoto: unsplash







